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Im Innersten angekommen

Der ehemalige Ministerpräsident Mecklenburg-Vorpommerns Dr. Berndt Seite, der sich seit seinem Ausstieg aus der Politik dem Schreiben widmet und bereits mehrere Bücher veröffentlicht hat, stellte in Plau sein neuestes Buch 'N wie Ninive' vor. Die Journalistin Monika Maria Degner hat sich den Erzählband genauer angesehen.

Berndt Seite lässt sich sofort auf ein Gespräch ein. Er ist so ruhig, fast gleichmütig ernst wie vor oder auch während der Lesung aus seinem Erzählband „N wie Ninive“. Kein Überschwang, aber höfliche Stellungnahmen: „Ich hätte nie gedacht, dass Schreiben so schwer ist.“ Als etwa Sechzigjähriger hat er sich erst darauf eingelassen. „Ich war in der glücklichen Lage“, sagt er, „dreimal etwas Neues beginnen zu können. Im ersten Beruf war ich Tierarzt. Das war ich nach zehn Jahren leid.“ Nach der Wende begann seine politische Karriere, die ihn bis ins Amt des Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern trug. In dieser Rolle aber fühlte er sich unwohl, „deformiert“, was nicht wundert. „Die Welt ist voller Zeichen“, bemerkte Seite in seiner Biographie. Wer so hinter die Oberfläche blickt, der ist als Schriftsteller gewiss auf der richtigen, der eigenen Spur.

Seite war kein Spätberufener, sondern längst ein Schreibender in Wartestellung. Schon als er noch dem politischen System diente, schrieb er Gedichte, vor allem aber machte er sich während seiner Amtszeit Notizen zu seinen Beobachtungen, ein Hilfsmittel, um Distanz zu halten, sich nicht restlos von der Politik vereinnahmen zu lassen. Ein eindeutiges Symptom aber auch dafür, dass noch eine ganz andere Profession in ihre Rechte drängte.

Berndt Seite, der am 22. April 2015 fünfundsiebzig Jahre alt wird, veröffentlichte im Herbst 2014 den Erzählband „N wie Ninive“, benannt nach dem Titel einer von insgesamt drei Erzählungen. Die Texte nehmen autobiographische Themen auf, haben mit herkömmlichen Politikerbiographien allerdings nichts gemein: Seite hat seine Lebensthemen jetzt entschieden literarisiert. Insbesondere Erkenntnisse aus seiner politischen Tätigkeit machen in der titelgebenden Erzählung eine radikale Umformung und Abstraktion durch, sie wurden zur Parabel. Stoff und Handlungsgerüst entsprechen in Teilen der bekannten biblischen Geschichte um den Propheten Jona:

Der Mächtige ist erzürnt. Die Bewohner der Stadt Ninive haben sich abscheulichen Lastern hingegeben und Jona soll sie ihrer Sünden anklagen und die Vernichtung der Stadt ankündigen. Seites Jona ist jung, charismatisch, aber auch unerfahren und lernt erst mit der Zeit den Herrn – das Wort Gott kommt bei Seite nicht vor – zu durchschauen. Diesem Herrn, die Figur kann als Metapher auf die große Politik gelesen werden, geht es, wie sich herausstellen wird, nur vordergründig um moralische Grundsätze. Aus dem am Ende barmherzigen Gott der Bibel – Ninive wird nicht vernichtet - machte Autor Berndt Seite einen Herrn, der zwar mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestattet, aber alles andere als allmächtig ist. Unentwegt mit Schöpfungsexperimenten beschäftigt, ziemlich selbstbezogen und nicht uneitel, begnügt er sich schließlich mit dem unter Vernichtungsangst erzwungenen, durchschaubar oberflächlichen Bekenntnis der Stadt zu ihm als dem alleinigen Herrn. Mehr aber will er auch nicht, als Ninive in seinem Einflussbereich zu wissen.

Der Text „N wie Ninive“ nimmt sich in der gegenwärtigen literarischen Landschaft überraschend anders und erfrischend aus. Parabeln sind eigentlich nicht in Mode, die Form ist vor allem mit Kafka identifiziert und im Wesentlichen in der Schublade Literaturgeschichte abgelegt. Und ob nun zufällig oder nicht: An Kafkas ominöses Gericht im Prozessroman erinnern auch die von einem Engel geschilderten unergründlichen Vorgänge in der himmlischen Gesellschaft. Es sind die Intrigen, Ticks und Tricks in einer politischen Machtzentrale, die passieren, aber nicht zu verstehen sind, weil ihre Urheberschaft anonym bleibt: Da werden Gerüchte gestreut, Engel entlassen, da wird Kleingedrucktes in Verträgen ausgespielt, Illoyalität empfindlich gemessen und bestraft, da weiß Jona, der Ankläger moralischer Verfehlungen, zunächst nicht, wie ihm geschieht. Der Autor allerdings weiß genau, wovon er spricht. Und das wiederum zu wissen, ist für den Leser sehr vergnüglich.

Reizvoll ist auch, wie Seite die schlichte Bibelgeschichte vom Propheten Jona vorsichtig aufbricht. Wie feine Marmorierungen ziehen sich die Anspielungen auf die Gegenwart und die Welt der Politik, bis hin zu sprachlichen Stereotypen, durch die Handlung, was beim Leser zwangsläufig zur schrittweisen Übertragung des Textes in das eigentlich Gemeinte führt. Langweilig ist die Erzählung nie, obgleich der Autor auch in diesem Text seine Lust am Bildhaften und Beschreibenden gelegentlich etwas zu üppig ins Kraut schießen lässt. Neben hervorragenden Metaphern und Vergleichen schleichen sich auch solche Bilder ein, die verbraucht sind und klischeehaft wirken. Das ist schade, allerdings haben die Texte eine so essentielle Qualität, dass sich darüber hinweglesen lässt.

Acht Bücher hat Berndt Seite bislang veröffentlicht. Der Autor - oder auch seine ihn mehr oder weniger repräsentierende Erzählfigur – durchwanderte bisher bevorzugt zwei Konfliktfelder: die ehemalige DDR und seine Vita als Politiker. Ein dritter Lebensschwerpunkt aber taucht nun aus dem Vergessen immer dringlicher auf und enthüllt die Spuren, wenn nicht das Trauma eines Berndt Seite, der in Kinderjahren auf einem hölzernen Wagen von Schlesien Richtung Westen floh, Schicksal eines Kriegskinds, geboren 1940. Im Gespräch erwähnt der Autor, dass ihn die Kriegsjahre, vor allem Flucht und Vertreibung, je älter er werde, desto mehr einholen. Seite lernte auf dem Fluchtwagen einen anderen Jungen kennen. Mit diesem ehemaligen Schicksalsgenossen, verrät er, habe er mittlerweile Kontakt aufgenommen. Unter dem Titel „Auf dem Fluss“ erzählt Seite im vorliegenden Band auch von den unauslöschlichen Folgen einer Kriegstraumatisierung.

Der Leser begleitet einen alten Mann, der beim Gefecht um eine Brücke ein Bein verlor, auf seinen letzten inneren Reisen, gefasst in das Bild sich wiederholender Fahrten auf einem Fluss in magisch-geschichtsloser Landschaft. Im Zentrum der Wahrnehmung Gröndals stehen schier unerträglicher Phantomschmerz und die fixe Idee, sein abgeschnittenes Bein im Fluss wiederfinden zu müssen. Das verlorene Bein symbolisiert das im Krieg Verlorene, die Unversehrtheit und Schmerzfreiheit des Körpers und der Seele. Den Alten quälen zudem immer noch Schuldgefühle, denn als ehemals verantwortlicher Truppführer fühlt er sich am Tod seiner Untergebenen eben bei jener Brücke schuldig. Der Fluss, Gröndals letzter Begleiter, dessen mannigfaltige Gesichter den Schmerzwahn des Alten spiegeln, geben dem Autor reichlich Gelegenheit, beseelte Naturbilder zu erschaffen mit einer sprudelnden poetischen Energie, die wiederum verrät, dass in Seite seit je ein Autor schlummerte.

Seites Held Gröndal wird von den wenigen Zeitgenossen, die seinen Lebenskreis noch mitbewohnen, „Krieger“ genannt. Krieger sind im Grunde alle drei Hauptfiguren des Erzählbandes und alle drei haben mächtige Gegner. Jona den undurchsichtigen „Herrn“, Bachs Gegenspieler in der Erzählung „Weißer Rauch“ sind die Mitarbeiter einer Stasibehörde, die unmittelbar nach der Wende versuchen, verräterisches Aktenmaterial zu verbrennen. Und Gröndal kämpft gegen sein Kriegstrauma, das sich aus dem Gedächtnis jedoch nicht ausradieren lässt. Kampf und Sieg, Schuld und Sühne sind für Gröndal aber nach wie vor nur in Kategorien des Krieges denkbar. Am Ende holt er seinen Sieg nach, indem er von seinem Boot aus die Brücke sprengt, und findet im Wasser des Flusses jubilierend endlich Erlösung – Sekunden vor seinem Tod. Einen letzten Ausweg gibt es immer, heißt es im Text. Gröndal wählt ihn.

Da Seite ein leidenschaftlich beschreibender Autor ist, kämpfen sich seine Helden langsam durch Höhen und Tiefen. Dunkle Reflexionen und seelische Nöte, Ängste und wilder Schmerz – nichts entmutigt sie endgültig. Und wenn sie letztlich an den Verhältnissen auch scheitern müssen, eines aber sind sie immer: beharrlich. So beharrlich, darf man vermuten, wie ihr Autor, der immer da seinen Gegner erblickte, wo er die Deformation seiner Person fürchten musste, seine Integrität gefährdet sah. Allein das nötigt Respekt ab.

Monika Maria Degner