Expertengespräch

Keine Frage der Toleranz

Welches Menschenbild steht hinter dem Koftuch?

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Unser Staat ruht unter anderem auf den Fundamenten des Christentums, gleichwohl sind Staat und Kirche in Deutschland voneinander getrennt. Die Glaubensfreiheit des Einzelnen wird durch das Grundgesetz stark geschützt, solang dadurch nicht gegen selbiges verstoßen wird. Nun wird derzeit kaum eine Diskussion so kontrovers geführt, wie der Streit um das islamische Kopftuch im Schulunterricht. In Niedersachsen sollen politische, weltanschauliche, religiöse oder ähnliche Bekundungen an der Schule per Gesetz verboten werden. Ausdrücklich nicht verboten werden soll das Bekenntnis zu christlichen und abendländischen Bildungs- und Kulturwerten oder Traditionen.

Entscheidend scheint in der Diskussion die Frage, ob es sich bei dem Kopftuch in erster Linie um ein religiöses oder aber um ein politisches Bekenntnis handelt. Dieser Frage, welches Menschenbild hinter dem islamischen Kopftuch steht, geht der Politikwissenschaftler Professor Bassam Tibi in seinem Vortrag nach.

Es moderiert Dr. Friedbert Pflüger MdB

Der Gesetz-Entwurf des niedersächsischen Kultusministers Bernd Busemann (CDU) wurde von den Landtagsfraktionen von CDU und FDP begrüßt. Die Fraktion der SPD befürwortet zwar das Kopftuchverbot, bemängelte aber, dass die Neutralitätspflicht nicht für alle Lehrer gelten soll. Die Grünen dagegen stufen die Schulgesetzänderungen laut Hannoverscher Allgemeiner Zeitung (14.01.04) als "gefährlich" ein, denn "das Gesetz verbietet in nie gekanntem Ausmaß über den Unterricht hinausgehende Meinungsbekundungen."

Im Falle einer Zustimmung des Landtags, wird das Gesetz womöglich bereits im März verabschiedet.

In der Diskussion um das Kopftuch für Lehrerinnen sollte unterschieden werden zwischen dem Bekleidungsstück als religiösem Bekenntnissymbol und seiner politischen Dimension. Problematisch ist die Deutung des Kopftuches als ausschließlich politisches Symbol, das zum Beispiel für die Unterdrückung der Frau und ein grundgesetzwidriges Frauenbild stehe.

Als religiöses Symbol ist das Kopftuch zunächst einmal Ausdruck für ein Bekenntnis zum Islam oder islamischen Bräuchen; ohne hier zu diskutieren, inwiefern der Koran das Kopftuch gebietet oder nicht. Auf diese Weise unterscheidet es sich nicht von anderen religiös bedingten Symbolen wie dem Kreuz oder der jüdischen Kippa. Zu erwähnen ist hier noch, dass weder Islam noch Judentum - im Gegensatz zum Christentum - einen Missionsauftrag kennen.

Auslöser für den Streit um das Kopftuch war die Klage der muslimischen Lehrerin Fereshta Ludin. 1998 hatte sich das Oberschulamt Stuttgart geweigert, sie nach dem Referendariat als Grund- und Hauptschullehrerin einzustellen. Ludin sah dadurch ihr Grundrecht auf Religionsfreiheit verletzt. Das Land Baden-Württemberg argumentierte dagegen, dass sich das Tragen eines Kopftuches im Unterricht nicht mit der Pflicht des Staates, sich in religiösen Fragen neutral zu verhalten, vertrage.

Zum Referenten:

Prof. Dr. Bassam Tibi, geboren 1944 in Damaskus, studierte in Frankfurt Sozialwissenschaften, Philosophie und Geschichte. Seine Promotion erlangte er ebenfalls in Frankfurt, die Habilitation in Hamburg. Seit 1973 ist Bassam Tibi Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Göttingen, seit 1988 leitet er die Abteilung für Internationale Beziehungen. Professor Tibi hat vielfältige internationale Erfahrungen bei zahlreichen Lehr- und Forschungsaufenthalten im Ausland, sammeln können, u.a. University of California in Berkeley sowie Princeton. Seit dem SS 2003 nimmt Prof. Tibi parallel zur Lehre in Göttingen, die für ihn eingerichtete Gastprofessur für Islamologie an der Universität St. Gallen war.

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Veranstaltungsort

Hannover

Referenten

  • Prof. Dr. Bassam Tibi
    • Politikwissenschaftler
      • Dr. Friedbert Pflüger MdB
        Kontakt

        Christian Schleicher

        Christian Schleicher bild

        Stellvertretender Leiter Politische Bildungsforen und Leiter Politische Bildungsforen Nord

        Christian.Schleicher@kas.de +49 30 26996-3230 +49 30 26996-53230
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