Auswirkungen der Digitalisierung auf die Politische Bildung

Expertengespräch Digitale Kultur und Demokratie

Ziel der Politischen Bildung der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. ist es, die Teilnehmer zu informieren, zu orientieren und wenn möglich auch zu aktivieren. Die zunehmende Digitalisierung eröffnet dabei neue Möglichkeiten für Lehren und Lernen. Im Block 2 des Expertengespräches schilderte zunächst Frau Mandy Schiefner, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Duisburg-Essen, ihre Erfahrungen mit E-Learning bevor der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung Thomas Krüger seine Thesen zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Politische Bildung vorstellte und im Plenum diskutierte.

„e-Learning in der Praxis“

In der Hochschullehre gehören E-Learning-Angebote mit Eintrittsbarriere (sog. E-learning 1.0) ebenso wie freie E-Learning-Angebote (sog. E-Learning 2.0) mittlerweile zum Alltag. Ihre Verbreitung wurde maßgeblich durch Förderprogramme des Bundes und der Länder unterstützt, die sich von der Verlagerung der Lehre ins Internet personelle, bauliche und andere Einsparpotentiale versprachen. Die Erfahrung in den vergangenen Jahren, so führte Frau Schiefner einführend aus, habe nun gezeigt, dass ein didaktisch hochwertiger und technisch solider E-Learning-Einsatz durchaus zusätzliche Ressourcen bindet. Didaktische und methodische Überlegungen bei der Gestaltung medienbasierte Lernszenarien müssten auf Kenntnissen darüber aufsetzen, wie die Studierenden mit digitalen Medien umgehen und lernen. Hier zeige die Praxis, dass die vielfältigen technischen und organisatorischen Möglichkeiten an die Grenzen des Lernverhaltens der Studierenden stoßen. So seien zwar die Anforderungen und Erwartungen der Studenten an die Bereitstellung von Lernmaterial im Netz durch die Hochschule gestiegen. Die Angebote würden jedoch nur selten abgerufen. Auch die Medienkompetenz der sog. Digital Natives sei unzureichend. Denn die Studierenden verfügten über gute instrumentelle Kenntnisse bei der Anwendung der Geräte. Es mangele ihnen jedoch an Kritikfähigkeit und Reflexionsvermögen, um die Informationen auch nutzen zu können.

Ein weiterer Hinderungsgrund sei kultureller Natur: Viele Studenten, so Frau Schiefner, würden die Anwendung von Web 2.0-Technik mit dem privaten Raum verbinden und seien daher mit der Selbstorganisation beim Lernen im Netz leicht überfordert. Die Erfahrung zeige, dass auch wenn vollständig aufgezeichnete Vorlesungen im Netz angeboten werden, die Studierenden immer noch in die Präsenzveranstaltungen kommen, da sie den sozialen Kontakt suchen und brauchen.

Abschließend sprach sich Frau Schiefner ausdrücklich für die Schaffung von geschützten Lernumgebungen aus. Diese seien “sinnvoll und wichtig für einen offenen Umgang mit Fehlern“. In diesen geschützten Räumen sah sie auch die Handlungsfelder der Zukunft, da sie Partizipation und Lernen in Communities ermöglichen.

„Neue Dramaturgie der Politische Bildung“

Der Präsident der Bundeszentrale für Politische Bildung, Thomas Krüger, eröffnete sein Impulsreferat mit der These, dass die neuen Medien schon heute die politische Willensbildung in der gesamten Bevölkerung verändert haben. Das Internet habe als Informations- und Recherchequelle die anderen Medien abgelöst. Unklar sei, ob im Internet auch eine neue Plattform für das Gemeinwohl entstehen werde. Beispielhaft stellte er Kampagnen vor, bei denen die Beteiligung im Netz für die direkte Einflussnahme auf Politik und Wirtschaft genutzt wurde.

Angesichts dieser Veränderungen müsse sich die Politische Bildung, so Präsident Krüger, auf die folgenden fünf Kernkompetenzen zurückziehen:

  1. Politische Bildung müsse die Förderung von Fertigkeiten neu denken und insbesondere die Medienkompetenz in globalisierten Gesellschaften ausbauen.
  2. Politische Bildung müsse die gesellschaftliche Kompetenz und das Vertrauen stärken, indem sie als Lobbyist für mehr Bürgerbeteiligung tätig ist.
  3. Politische Bildung müsse eine Plattform für Diskurs und Debatten bieten und dabei insbesondere auf Interaktion setzen, wie es etwa beim Wahl-O-Mat der Fall sei.
  4. Politische Bildung müsse ins Netz und dort in sozialen Netzwerken mitsprechen.
  5. Politische Bildung müsse den Mut haben zu Kontrollverlust, stärkerer Reflexion und Aktivierung der Teilnehmer.
In der anschließenden Diskussion wurde auf die Chancen des Web 2.0 als Methode und Werkzeug in Lernsituationen hingewiesen. In der Folge bedürfe es einer neuen Dramaturgie in der Bildung. Unterricht müsse dialogischer und noch stärker projektorientiert werden. Beispielhaft wurde der produzierend genutzte Rechner benannt, an dem der Umgang mit der Öffentlichkeit geübt wird. Eine besondere Herausforderung sei die zunehmende Heterogenität der Zielgruppen. Diese erfordere individuelle Lernszenarien, neue Lernpartnerschaften um die verschiedenen Zielgruppen zu erreichen und eine intelligente Verbindung von niedrigschwelligen Einstiegsangeboten mit nachhaltigen Bildungsangeboten. Dies bedeute auch eine Neuverteilung der Budgets und neue Formen der Teilnehmeransprache.

Es bestand Einigkeit darüber, dass Aufgabe der Politischen Bildung in Zukunft insbesondere die Vermittlung von Orientierung und Stärkung der Medienkompetenz sei. Dabei gelte es, die Teilnehmer „aktiv“ einzubeziehen, um Wirkung zu erzeugen und selbstorganisierte oder informelle Lernprozesse anzustoßen.

Annette Wilbert

Kontakt

Dr. Ludger Gruber

Dr

Stellvertretender Leiter Politische Bildung, Landesbeauftragter und Leiter Politisches Bildungsforum NRW

Ludger.Gruber@kas.de +49 211 - 83 68 0563