„Autonome Nationalisten“

Neonazi-Formationen mit der Selbstbezeichnung „Autonome Nationalisten“ (AN) traten zuerst 2003 und verstärkt seit 2008 in Erscheinung. Mit ihren martialischen Methoden und ihrem aggressivem Auftreten sind sie stärker aktionsorientiert als andere Neonazis. Ihr (Event-) Extremismus wirkt nur auf den ersten Blick ideologisch beliebig, ist im Kern aber reine Neonazi-Ideologie. Schwerpunkt ihrer Aktivitäten ist eher die „Schlacht um die Straße“ als die „Schlacht um Köpfe und Parlamente“. Ihr Adjektiv „autonom“ betont sowohl Unterschiede zu konventionellen Kameradschaften als auch Ähnlichkeiten mit linksextremistischen Autonomen. Einerseits distanzieren sie sich stärker von der NPD und ihren Sammlungsbemühungen im rechtsextremen Milieu. Auch deshalb nennen sie sich „autonom“. Andererseits lehnen sich die AN in Methoden und Outfit an Linksautonome an.

Ihre rudimentäre Ideologie kreist ähnlich wie die Ideologie anderer Rechtsextremisten um einen „nationalen Sozialismus“ samt Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Antiamerikanismus und Antikapitalismus. Mit dem Begriff „nationaler Sozialismus“ umgehen sie den Terminus „Nationalsozialismus“. Die rechtsextreme Globalisierungskritik (siehe auch Was verstehen Rechtsextremisten unter „Globalismus“?) der AN propagiert - anders als linksextreme Globalisierungsschelte - „ethnopluralistische“ bzw. heterophobe Weltdeutungen im Sinne von „Deutschland den Deutschen, Türken in die Türkei“ usw. Insgesamt kennzeichnet eine besonders ausgeprägte Demokratiefeindschaft die Minimal-Ideologie der AN. Ihre Organisation ist noch lockerer als jene der „Freien Kameradschaften“. Sie bilden lose Personenzusammenschlüsse: Mitgliedschaft durch Mitmachen – Organisation ohne Organisation. In Aussehen und im Auftreten ähneln „Autonome Nationalisten“ Linksautonomen. Zum fast uniformen Outfit der vermummten Aktivisten gehören schwarze Kapuzenpullover, Baseballkappen, Sonnenbrillen bei jeder Witterung und Palästinensertücher - statt Glatze, Bomberjacke und Springerstiefel. Kurz: „Braune“ tragen nun schwarz. Dabei wirkt die Nähe zum Gegner bisweilen skurril: Was will ein Neonazi mit einem Che-Guevara-T-Shirt? Er sucht nicht nur Anschluss an eine linke Mainstream-Jugendkultur. Er schätzt auch an Guevara einiges: Der südamerikanische Revolutionär kämpfte gegen den „US-Imperialismus“, verabscheute Juden und Homosexuelle. Das alles finden auch Neonazis ganz in Ordnung.

Hinzu kommen – um zu provozieren, um Anschluss an Mainstream-Jugendkulturen zu finden, auch um sich selbst zu tarnen - Piercings, ein vielfältiges Repertoire an rechtsextremer Musik, allerdings bisweilen im Hip-Hop-Stil, Parolen wie „Kapitalismus zerschlagen“ und Anglizismen wie „Fuck Authority“ oder „Fight the System“. Symbole der „Autonomen Nationalisten“ erinnern ebenfalls an Linksautonome, zum Beispiel das übernommene und nur minimal veränderte Signet der stalinistischen „Antifaschistischen Aktion“ aus den 1930er Jahren. Inzwischen sind „Autonome Nationalisten“, zumindest äußerlich, kaum noch von Linksautonomen zu unterscheiden. Damit fällt es schwerer, „Autonome Nationalisten“ auf den ersten Blick dem Rechtsextremismus zuzuordnen. Sogar Szeneangehörige selbst fällt es mitunter schwer, einander zu erkennen: So kommt es bei Schlägereien immer wieder ungewollt zu „friendly fire“.

Besonders ihre hohe Gewaltbereitschaft kennzeichnet die „Autonomen Nationalisten“; eine Gewaltbereitschaft, die den Erlebnishunger stillt (ähnlich wie bei Hooligans im Fußball); eine Gewaltbereitschaft, die oft stärker ausgeprägt ist als bei traditionellen Kameradschaften; eine Gewaltbereitschaft, die bei AN als Selbstverteidigung gegen das „repressive System“ firmiert; eine Gewaltbereitschaft, die der inoffiziellen Devise „hohe Aggressivität, wenig Mitgefühl“ folgt; eine Gewaltbereitschaft, die sich vor allem gegen politische Gegner, Polizei und Journalisten richtet. Gerade auch darin unterscheiden sich AN von anderen Rechtsextremisten, deren Gewaltbereitschaft primär auf Minderheiten zielt, vor allem auf Menschen mit Migrationsgeschichte.

Die NPD zeigte sich vom „linken“ Outfit der AN und den Anglizismen der AN bei ihrem Aufkommen zuerst irritiert und signalisierte Abstand („Unsere Fahnen sind schwarz, unsere Blöcke nicht“). Die Distanzierung wich bald darauf einer gedeihlichen Zusammenarbeit: Die mitgliederschwache Partei kann auf das aktivistische Potenzial solcher Szenen nicht verzichten. Und jenseits der Restgefahr, dass die AN - wenig im Sinne der NPD - als „Bürgerschreck“ wirken, weiß man sich in der neonationalsozialistischen Ideologie ohnehin einig.

Harald Bergsdorf