Die Clique als Ersatzfamilie

Die meisten jungen Menschen sind in den vergangenen Jahrzehnten nicht etwa durch die NPD oder andere politische Organisationen mit Rechtsextremismus in Kontakt gekommen. Vielmehr erfolgte ihr Einstieg in die Szene über Cliquen aus Gleichaltrigen, in denen sich eine rechte Jugendkultur ausbreitete. Oft stammen junge Menschen, die eine rechtsextreme Karriere einschlagen, aus nicht intakten Familien. Bildungs- und Ausbildungswege verlaufen schwierig, ein Einstieg ins Berufsleben scheitert. In dieser Situation ist die Jugendclique oft Fluchtpunkt und wird zur „Ersatzfamilie“.

Auch „rechte“ Jugendcliquen sind in erster Linie Träger von Lebensstilen und Orte einer gewissen Eventkultur. Die kann bescheidenen Umfang haben und im „Abhängen“ an Tankstellen, Bushaltestellen oder anderen öffentlichen Plätzen, wo die Clique gesehen werden kann und ein „Revier“ für sich markiert, bestehen. Ob diese Cliquenbildung überhaupt politischen Einschlag erhält, und wenn ja, welchen, ist oft von Zufällen abhängig. In den neuen Bundesländern nach 1989 war klar, dass junge Menschen mit „linken“ Attitüden weit weniger Aufmerksamkeit erzeugen konnten als mit „rechten“. „Rechte“ Vorstellungen von Hierarchie und „Anführerschaft“ durch einen älteren, stärkeren und manchmal auch klügeren Kumpel, auch von Abgrenzung gegenüber „Anderen“ als Moment der Gemeinschaftsbildung fanden in einer verunsicherten Generation leichten Eingang. Schnell merkten die Angehörigen solcher „rechter“ Cliquen auch, dass sie Macht ausüben konnten.

„Die Menschen, ob jung oder alt“, schreibt der Szeneaussteiger Manuel Bauer, „betrachteten uns ganz offenkundig mit Furcht und Respekt, dabei waren wir im Grunde kaum mehr als Milchbubis, die einen auf dicke Hose machten (...) Wenn wir irgendwo auftauchten - im Bahnhofslokal oder an der Imbissbude -, verstummten die Gespräche der anwesenden Gäste. Es wurde still, nur weil eine Gruppe Jugendlicher den Raum betrat. Von den 17- bis 18-jährigen abgesehen, waren die meisten von uns im Grunde noch Kinder. Man kann sich kaum vorstellen, wie dieses Machtgefühl auf unsere naiven Seelen wirkte.“ Und dieses Machtgefühl wird ausgelebt. Manchmal, indem „Feinde“ gejagt und angegriffen werden, manchmal aber auch nur, „indem wir marodierend durch die Straßen zogen, mit Knüppeln und Totschlägern auf Autos und Verkehrsschilder eindroschen und mit unseren Stiefeln die Außenspiegel von parkenden Wagen wegtraten.“(Manuel Bauer, Unter Staatsfeinden. Mein Leben im braunen Sumpf der Neonaziszene, München 2012, S. 29 f.)

In solchen „subkulturellen Cliquen“, wie die Sicherheitsbehörden sie nennen, ist durchaus noch kein fertiges, und schon gar kein in sich schlüssiges rechtsextremes Weltbild vorhanden. Das entwickelt sich in einem Politisierungsprozess, der nicht selten mit dem Hören von rechtsextremistischer Musik beginnt. Auch der Besuch von Skinhead-Konzerten ist zunächst für die Clique noch ein Event, aber die rassistischen und menschenverachtenden Texte bleiben nicht ohne Wirkung. Wenn nun noch eine rechtsextreme Partei auftaucht, die angeblich notwendige Feindschaften „erklärt“ und den Cliquenmitgliedern plausibel macht, dass nicht etwa sie für ihre missliche Lage verantwortlich sind, sondern z.B. „der Globalismus“ (siehe auch Was verstehen Rechtsextremisten unter „Globalismus“?) oder „die Ausländer“, dann ist der Weg bereitet für eine Einbindung in eine rechtsextreme Kameradschaft oder für eine Parteikarriere.

Dazwischen aber liegt allerhand: Gewalt- und Straftaten, oft als Mutproben innerhalb der Clique angesehen, führen in eine kriminelle Karriere. Rechtsextremismus und Gewalt führen zu gesellschaftlicher Ausgrenzung - die „Kameraden“ werden dann als Ersatzfamilie noch wichtiger. Lebensplanungen - beruflich oder familiär, oft beides - scheitern. Die „Kameradschaft“ in Clique und Szene erweist sich als Illusion (siehe auch Rechtsextremismus und „Kameradschaft“: Intrigen und Gewalt unter Nazis) Und nicht jeder findet den Weg in ein Aussteigerprogramm. „Was aber“, schreibt der Rechtsextremismusforscher Rainer Erb, „wird aus den Veteranen, die mit 30 Jahren die Altersgrenze überschreiten und ihre devianten Cliquen mit dem hohen Anteil von circa 30 Prozent Berufsversagern, Sozialhilfeempfängern, Kriminellen und Alkoholikern nicht länger als politische Bewegung missverstehen können?“ (1)

Rudolf van Hüllen

(1) Rainer Erb, in: Andreas Klärner / Michael Kohlstruck (Hrsg.), Moderner Rechtsextremismus in Deutschland, Hamburg 2006, S. 176.

Lesetipps:

  • Saskia Lützinger, Die Sicht der Anderen. Eine qualitative Studie zu Biografien von Extremisten und Terroristen, Köln 2010.