Die Neonazi-Szene als „soziale Bewegung“

Der Begriff „Bewegung“ ist in Deutschland von jeher mit Ideen, Protestformen und Zielen verbunden, die der parlamentarischen Demokratie kritisch bis feindselig gegenüber stehen. Rechtsextremisten, die sich ab 1918 gegen die erste deutsche Demokratie wandten, verstanden sich als Gegenpol zum „Weimarer System“ als „nationale Bewegung“. Bei diesem Selbstverständnis blieb es nach 1945: Nunmehr galt die Ablehnung der Bundesrepublik Deutschland und der Rückgewinnung einer angeblich natürlichen Ordnung. Meistens war dies mit einer positiven Bezugnahme auf den historischen Nationalsozialismus verbunden.

Sozialwissenschaftler bezeichnen als „soziale Bewegungen“ Zusammenschlüsse von Menschen, die einen grundlegenden Wandel der Verhältnisse in einem oder in mehreren Politikbereichen anstreben, die hierarchischen und formal verfassten Organisationen lockere netzwerkartige Strukturen vorziehen und die schließlich aktionsorientiert zu demonstrativem, lautstarken, unkonventionellen und bisweilen gewaltförmigem Protestverhalten neigen. (1)

Dem entspricht ziemlich genau die Struktur der parteipolitisch ungebundenen (und zugleich mit der NPD gemeinsam agierenden) Szene der Neonationalsozialisten. Sie sind nur eine, wenngleich heute erhebliche, Teilmenge des Rechtsextremismus. In manchen Regionen ist diese Szene wesentlich stärker als die - ebenfalls dominant neonationalsozialistisch ausgerichtete - NPD. Differenzen mit ihr beziehen sich also weniger auf die Ideologie als auf das politische Organisations- und Handlungsverständnis. Die Neonazi-Szene schätzt Parteien nicht, weil sie in ihnen eine Konzession an das „System“ sieht. Sie agiert viel stärker aktionsbezogen und lebt ihre nationalsozialistischen Überzeugungen offener aus, weil sie ein Parteienverbot nicht befürchten muss.

Aktuell tritt sie in unterschiedlichen Formen in Erscheinung: Als locker organisierte „Kameradschaften“, als Kleinstgruppen oder Einzelpersonen, die sich als „Freie Kräfte“ bezeichnen, als weniger stark ideologisch motivierte subkulturelle rechtsextreme Cliquen und schließlich in der neueren Form der „Autonomen Nationalisten“.

Rudolf van Hüllen

(1) Die sogenannte „Bewegungsforschung“ hat dieses Verständnis überwiegend an den politisch eher linksorientierten Protestströmungen der 1970er und 1980er Jahre (Frauenbewegung, Ökologiebewegung, Anti-Kernkraft-Bewegung, Friedens-Bewegung) entwickelt. Auch in diesen wurde anti-institutioneller Protest gegen das „System“ geschätzt. Die Sozialwissenschaften brauchten einige Zeit, um zu akzeptieren, dass auch der sich ausbreitende Neonazismus in den Neuen Bundesländern nach 1990 eine „soziale Bewegung“ darstellte. Die Extremismusforscher hatten es da einfacher; sie wissen, dass gemeinsame Protestformen gegen die demokratische Ordnung eben auch in ähnlichen Feindbildkonstruktionen wurzeln können.

Lesetipps:

  • Gideon Botsch, Die extreme Rechte in der Bundesrepublik Deutschland 1949 bis heute, Bonn 2012, S. 1-6, 100 ff.
  • Dieter Rucht, Rechtsradikalismus aus der Perspektive der Bewegungsforschung, in: Thomas Grumke / Bernd Wagner, Handbuch Rechtsradikalismus, Opladen 2002, S. 75-86.