Falsche Vorbilder: Otto Ernst Remer

Ein Gewissen hatte er nicht, den Befehlen seiner Vorgesetzten folgte er bedingungslos. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ er sich als Publikumsmagnet für rechtsextreme Parteien einspannen. Remer wurde ein unbelehrbarer Verfechter der Ideologie des Nationalsozialismus, er beleidigte die ermordeten Widerstandskämpfer und leugnete sogar den millionenfachen Massenmord an den europäischen Juden.

Otto Ernst Remer wurde 1912 in Neubrandenburg in eine bürgerliche Familie im heutigen Mecklenburg-Vorpommern geboren. (1) Er absolvierte das Gymnasium, startete eine erfolgreiche militärische Karriere und wurde im Zweiten Weltkrieg mehrfach ausgezeichnet. (2) Während Offiziere wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg 1942 Hitlers Krieg als „sinnloses Verbrechen“ erkannten, stellte Remer die Autorität der nationalsozialistischen Führung nicht in Frage. (3) Als Mitglieder der militärischen Führung versuchten, Hitler zu töten und die Nationalsozialisten zu entmachten, gehorchte er zunächst seinen Vorgesetzten. Remer ließ sich durch ein Gespräch mit Joseph Goebbels, den er eigentlich verhaften sollte, umstimmen. Goebbels rief Adolf Hitler an und dieser appellierte an Remer, den Aufstand niederzuschlagen. Remer gehorchte, er sah sich „als anständiger nationalsozialistischer Offizier“.

Der Aufstand gegen Hitler scheiterte, der Weltkrieg ging weiter und die Widerstandskämpfer wurden hingerichtet. In der nationalsozialistischen Propaganda wurde Remer zum großen Helden verklärt. Für seine Beteiligung an der Niederschlagung des Aufstandes wurde er auf Hitlers Verordnung hin befördert. Am Ende des Krieges entzog sich Remer seiner Gefangennahme durch die Truppen der Sowjetunion und kam in alliierte Kriegsgefangenschaft.

Nach seiner Freilassung arbeitete Remer zunächst als Maurer und betätigte sich ab 1949 politisch. 1950 war er Gründungsmitglied der rechtsextremen Sozialistischen Reichspartei (SRP). (4) Remer lehnte die parlamentarische Demokratie ab und forderte eine nationalsozialistische Diktatur. Deutschland sollte durch soldatische Tugenden wieder zur Großmacht aufsteigen und „Führer der europäischen Völker“ werden. Remer vertrat seit Gründung der Bundesrepublik ein revisionistisches Politik- und Geschichtsbild (siehe auch Was ist „Geschichtsrevisionismus?“). Die Niederlage und die Kriegsschuld Deutschlands erkannte er nicht an. Mit den Verlusten von Territorien des Deutschen Reichs wollte er sich nicht abfinden. Auch beleidigte Remer in seinen Wahlkampfreden wiederholt die Attentäter des 20. Juli 1944. Er beschimpfte die Widerstandskämpfer und verleumdete diese als Landesverräter. Remer traf damit den richtigen Ton bei vielen Anhängern des Nationalsozialismus. Diese waren mit der neuen demokratischen Bundesrepublik nicht zufrieden. Eine Umfrage im Jahre 1951 brachte die Erkenntnis, dass über die Hälfte der Deutschen das Attentat gegen Hitler und den Widerstand gegen den Nationalsozialismus negativ beurteilten. Ein Fünftel meinte gar, Deutschland habe nur deswegen den Krieg verloren. (5) 1952 wurde Remer für die Beleidigung der ermordeten Widerstandskämpfer zu einer Haftstrafe verurteilt. Er floh in den arabischen Raum, da er die Haft nicht antreten wollte. Die folgenden drei Jahrzehnte fiel er nicht durch politische Straftaten auf. Die Justiz ermittelte jedoch wegen Konkursbetrug, Urkundenfälschung und Waffenhandel gegen Remer.

1981 kehrte er nach Deutschland zurück. Aufgrund seiner Beteiligung an der Niederschlagung des Aufstandes gegen Hitler und seinen militärischen Auszeichnungen im Nationalsozialismus war er in der rechtsextremen Szene immer noch prominent. Viele Gruppierungen wollten die Bekanntheit des hoch dekorierten Generals nutzen. Remer ließ sich bereitwillig einspannen und hatte selbst den Vorsitz der „Deutschen Freiheitsbewegung“ inne. Er lehnte die Allianz Deutschlands mit den westlichen Staaten ab und war gegen eine Einbindung in die Europäische Gemeinschaft. Stattdessen forderte er ein Bündnis mit der Sowjetunion, da er meinte, die Russen würden den Kampf der Systeme im Kalten Krieg gewinnen. (6)

In den späten 1980er Jahren radikalisierten sich die Äußerungen Remers und er veröffentlichte die periodisch erscheinende Hetzschrift „Remer-Depesche“. Er bestritt öffentlich den systematischen industriellen Massenmord an sechs Millionen Juden in den Gaskammern des Dritten Reiches. (7) Aufgrund seiner unhaltbaren politischen Äußerungen geriet Remer erneut in Konflikt mit der Justiz und wurde zu diversen Geld- und Freiheitsstrafen verurteilt. Für die Leugnung des Holocaust, Aufstachelung zum Rassenhass sowie Volksverhetzung sollte Remer ins Gefängnis. Wieder war er nicht gewillt, die Konsequenzen für seine Äußerungen zu tragen. Er setzte sich 1994 nach Südeuropa ab und verbrachte sein restliches Leben unter der iberischen Sonne. Im Jahre 1997 starb er in Marbella, Spanien.

Die Thesen Remers besaßen nie den gesellschaftlichen Rückhalt, um bundesweite Wahlerfolge für rechtsextreme Parteien zu ermöglichen. Seine rückwärtsgewandte Ideologie war für jüngere Generationen immer weniger attraktiv. Die Einstellungen der Bevölkerung zur Demokratie und zum Widerstand gegen Hitler hatten sich grundlegend gewandelt. Im Jahre 2004 hatten nur noch 10 Prozent der Deutschen eine negative Meinung über die Widerstandskämpfer, 73 Prozent jedoch zollten ihnen Bewunderung und Achtung. (8)

Jan Christoph Rödel

(1) Remers Vater war Beamter in der Justiz. Er besuchte als ältester von sechs Söhnen das „Humanistische Gymnasium“ in Neubrandenburg und erlangte 1933 das Abitur. Früh engagierte er sich in der Jugendorganisation des paramilitärischen Wehrverbands „Stahlhelm“. Vgl. Eckhard Jesse, Biografisches Porträt: Otto Ernst Remer, in: Jahrbuch Extremismus und Demokratie 6 (1994), S. 207-221. Monika Deniffel, Remer, Otto Ernst, in: Hermann Weiß (Hrsg.), Biographisches Lexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 1998, S. 371f.

(2) 1932 war er in die Reichswehr eingetreten und 1935 zum Offizier der Wehrmacht befördert worden. 1944 wurde er Kommandeur des Wachbataillons „Großdeutschland“ in Berlin. Auf diesem Posten sollte er sich von den Strapazen des Krieges an der Front erholen. Remer erhielt am 20. Juli 1944 durch seinen Vorgesetzten, den Berliner Stadtkommandanten Generaloberst von Hase, den Befehl, das Regierungsviertel abzuriegeln. Hase gehörte zum Widerstand gegen Hitler und wollte durch diese Aktion den Sturz Adolf Hitlers besiegeln. Hase glaubte an ein gelungenes Attentat gegen Hitler. Remer gehorchte den Anweisungen zunächst. Vgl. Peter Hoffmann, Widerstand, Staatsstreich, Attentat. Der Kampf der Opposition gegen Hitler, München 1979, S. 528f.

(3) Malte Herwig, Der gute Deutsche, in: DER SPIEGEL, Nr. 46/2007, S. 178-180, hier S. 179.

(4) Der SRP gelangen in den 1950er Jahren punktuelle Wahlerfolgen auf Länder- und Kommunalebene. Aufgrund der verfassungsfeindlichen und nationalsozialistischen Bekenntnisse verschiedener Politiker der SRP wurde die Partei 1952 durch das Bundesverfassungsgericht verboten.

(5) Das Institut für Demoskopie in Allensbach ermittelte in einer Umfrage im Jahre 1951, dass 30 Prozent der Deutschen den militärischen Widerstand gegen Hitler negativ beurteilten, 21 Prozent meinten gar, ohne die Widerständler hätte Deutschland den Zweiten Weltkrieg gewinnen können. Im Jahre 1956 sprachen sich 49 Prozent der Befragten gegen die Benennung einer Schule nach einem Widerständler aus. Vgl. Eckart Conze, Aufstand des preußischen Adels, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (VfZ) 4 (2003), S. 500f.

(6) Vgl. E. Jesse (Anm. 1), S. 212f.

(7) Vgl. ebd., S. 214.

(8) Klaus Wiegrefe, Helden und Mörder, in: DER SPIEGEL 29 (2004), S. 32-46, hier S. 44.