Funktioniert Autarkie?

Rechtsextremisten träumen mit ihren Ideen von „raumorientierter Wirtschaft“ auch von nationaler Autarkie und Abkoppelung vom Weltmarkt. Das „Politische Lexikon“ der NPD erklärt Autarkie denn auch zum politischen Ziel. Das Deutsche Reich unter dem Nationalsozialismus orientierte sich bei seinen Autarkiebestrebungen an der Kriegsführungsfähigkeit des Landes. Derartige Absichten kann man heutigen Rechtsextremisten zumindest nicht direkt nachweisen. Ihre Autarkiewünsche liegen im „Blut-und-Boden-Denken“ ihrer Wirtschaftsmodelle und vor allem in einer starken Aversion gegen den „Globalismus“ begründet. Was ist unsinnig an der Autarkieparole?

Autarkie bedeutet insgesamt eine Abkopplung von einem Weltmarkt, der durch den möglichst freien Austausch von Gütern, Dienstleistungen und Kapital geprägt ist. Dazu zählte übrigens auch ein Austritt aus der EU, mit der die Bundesrepublik rund 50 Prozent ihrer Exporte abwickelt.

Die landläufige Vorstellung von Autarkie besagt, dass ein Land nicht von Importen abhängig sein möchte. Die Bundesrepublik verfügt allerdings nicht über eigene Ölreserven zur Herstellung von Treibstoffen und auch sonst nicht über nennenswerte Bodenschätze. Ein erheblicher Teil des Wirtschaftskreislaufs käme also sofort zum Erliegen, mit gravierenden Folgen für den Arbeitsmarkt und den allgemeinen Wohlstand. Zudem müssten nach komparativen Kosten bislang im Ausland wesentlich preiswerter herzustellende einfache Güter wieder im Lande produziert werden. Für viele Alltagsgüter wäre eine Preisexplosion die Folge. Eine solche Situation wäre selbst für Neonazis unerschwinglich: Die preiswerte Plastik-Maschinenpistole als Spielzeug für den „nationalen Nachwuchs“ aus China würde es dann nicht mehr geben, wohl auch weniger Handys, mit denen man sich zu Rechtsrock-Konzerten verabreden kann. Selbst die NPD weiß um solche kostentreibenden Effekte, denn sie wurde vor Jahren dabei erwischt, dass sie ihr Zentralorgan „Deutsche Stimme“ aus Kostengründen in Polen drucken ließ. Was den Stopp von landwirtschaftlichen Importen angeht, sollten wir uns an die „Südfrüchte“-Problematik der dahin gegangenen DDR erinnern. Auf den Speiseplan würden stark vermehrt Kartoffeln und Kohl gesetzt werden müssen.

Autarkie meint aber auch den weitestmöglichen Verzicht auf Exporte. Und von denen hängen in Deutschland direkt oder mittelbar ein Drittel der Arbeitsplätze ab. Die deutsche Autoindustrie, ein Flaggschiff der Wirtschaft, würde erst auf den Inlandsbedarf und von dort ganz schnell auf Null schrumpfen müssen: Niemand benötigt PKWs, wenn kein Benzin vorhanden ist.

Die Folgen einer Abkopplung vom Weltmarkt für ein rohstoff- und energiearmes, aber zugleich technologisch führendes und exportorientiertes Land lassen sich leicht am ökonomischen Bankrott der DDR nachvollziehen: Investitionen und Innovationen blieben aus, die Kosten für „autark“ gefertigte technologische Produkte (wie der berühmte „Robotron“-Speicherchip der DDR) würden explodieren, und die Arbeitsplatzverluste rasch eine zweistellige Millionenhöhe erreichen.

Rudolf van Hüllen