Rechtsextremismus und „Kameradschaft“: Intrigen und Gewalt unter Nazis

„Kameradschaft“ ist ein von Rechtsextremisten gerne gebrauchter Begriff, der angeblich den Umgang miteinander in ihren Gruppen treffend wiedergeben soll. Anders als in bürgerlichen Parteien seien die Verhältnisse dort nicht von Karrierestreben und Konkurrenz geprägt, sondern vom aufopfernden Einsatz für „unser aller Deutschland“, wie es die NPD formuliert. „Kommt zu uns und macht Euch selber ein Bild“, lockt die NPD auf einer ihrer CDs, die sie unter Schülern verbreitet.

Und deshalb sind ein paar Einblicke in die „Szene“ durchaus nützlich.

Niemand wird bestreiten, dass es auch in demokratischen Parteien zu menschlichen Konflikten kommen kann. Dabei wird nicht selten der Ton laut, manchmal beleidigend. Aber der Umgang miteinander in der NPD - um ein Beispiel für die gesamte rechtsextreme Szene zu nennen - setzt da doch noch eins drauf:

Ein drastisches Beispiel für den „kameradschaftlichen“ Umgang im Parteileben der NPD lieferten Auseinandersetzungen im Landesverband Hamburg, wo der in der NPD als „Samenbank-Rieger“ titulierte überzeugte Rassist und Nationalsozialist Jürgen Rieger (1946 - 2009) im Februar 2007 die erste weibliche NPD-Landesvorsitzende verdrängte. Im Verlauf des Streits wurde die Landesvorsitzende Pressemeldungen zufolge auf einer Vorstandstagung als „tollwütige Hexe“ charakterisiert, die man am liebsten an die Wand stellen würde (1). Bei einer späteren Versammlung hatten sich die Kontrahenten vorab darauf verständigt, „auf Anzeigen wegen Nichteinhaltung des gerichtlich verordneten Mindestabstandes bzw. auf körperliche Gewalt zu verzichten“ (2). Es scheint in der von der NPD angestrebten „Volksgemeinschaft“ nicht durchgängig angenehm zuzugehen.

Ein solches Ausmaß an gegenseitigem Hass hat durchaus etwas mit dem Menschenbild von Rechtsextremisten zu tun - deshalb kann man auch eine Reihe von Gründen für die Verhältnisse in solchen Gruppen angeben (siehe auch Welche Rolle nehmen Gewalt und Kampf im Weltbild des Rechtsextremismus ein?).

Intrige als Umgangsform: Der Kampf der „kleinen Führer“

Alle Extremisten sind davon überzeugt, dass nur ihre politischen Konzeptionen richtig und die aller übrigen Menschen demgemäß falsch seien. Die Vorstellung, dass zwei Meinungen nebeneinander existieren könnten, ist ihnen grundsätzlich fremd. Bei Rechtsextremisten kommt hinzu, dass ihre Gruppen oft dem sogenannten „Führerprinzip“ folgen. Gibt es aber mehrere kleine „Führer“ mit konkurrierenden Ansprüchen, „Recht“ zu haben, ist der Machtkampf praktisch unvermeidbar. Und wer kurz zuvor noch „nationaler Kämpfer“ war, kann sehr schnell zum „Verräter“ absteigen.

Eine vom späteren NPD-Bundesvorsitzenden Holger Apfel verfasste Parteigeschichte aus dem Jahre 1999 liest sich deshalb wie ein Machtkampf „großer Männer“ um die Führung der Partei. Seit den 1970er Jahren ist in Apfels Darstellung die Ablösung jedes Parteivorsitzenden mit einem mehr oder minder großen Ausmaß an Verrat und Intrigen verbunden gewesen; regelmäßig kämpften angeblich die „Diener an der nationalen Sache“ gegen „Abtrünnige“ und „Verräter“. Eine beachtliche Zahl von „Kameraden“ verschwand immer wieder fast über Nacht aus der Parteigeschichte. Und natürlich produzieren solche Machtkämpfe reichlich Renegaten und Überläufer. Über die Jahrzehnte hat eine Vielzahl von Menschen der NPD den Rücken gekehrt und seine politischen Aktivitäten eingestellt oder irrlichtert durch die verschiedenen Sekten der rechtsextremistischen Szene.

Gewalt in Neonazi-Gruppen

In Skinhead-Cliquen und Neonazi-Kameradschaften nehmen solche Intrigen handfeste und regelmäßige Formen an. Auch hier gilt nämlich das rechtsextreme Prinzip, dass die Bereitschaft, sich mit körperlicher Gewalt gegen andere durchzusetzen, selbst unter „Kameraden“ normal sei. Die Gewalt, meist begleitet von Alkohol, wird zum steten Begleiter des Alltages in solchen Zusammenhängen, und dafür braucht man auch, wie ein Aussteiger berichtet, keine Skinhead-Konzerte: „Wenn man zum Kameradschaftsabend kam, sah man als erstes die ganzen Glatzen mit der Schwarzen Sonne und den anderen Nazisymbolen auf dem Arm. Die haben nur gesoffen und rumgepöbelt. Wenn kein Gegner da ist, prügelt man sich halt untereinander.“(3) Die interne Gewalt in solchen Gruppen hat auch damit zu tun, dass Rechtsextremismus oft Menschen anzieht, die in ihrer Lebensführung gescheitert sind. Doch kann die Einbindung in das Gewaltmilieu der rechtsextremen Szene auch bis dahin unauffällige junge Menschen zu gescheiterten Existenzen machen: „Ich war arbeitslos, hatte keinen Wohnsitz, keinen Schulabschluss und keine Ausbildung (...) Ich war 19 Jahre alt, hatte wenig angefangen, nichts zu Ende gebracht, war nach konventionellen Maßstäben auf der untersten Stufe der Gesellschaft angelangt und besaß nahezu keine Zukunftsperspektive. Die Lebenseinstellung, die ich besaß, deutete nur noch in eine Richtung: nach unten.“(4)

Mancher Aktivist in der Szene erfährt schließlich, dass die berühmte „Kameradschaft“ keine Rolle mehr spielt, wenn es hart auf hart kommt. Manuel Bauer, der mit seinen „Kameraden“ eine beträchtliche Straftat organisierte, musste nach seiner Verhaftung feststellen, dass ihn alle anderen durch ihre Aussagen belasteten. Und er lernte auch, dass er vergessen war, nachdem er in Strafhaft einsaß: Trotz des tönenden Pathos erhielt er von ihnen weder Besuche noch Post (siehe auch Rechtsextremismus aus der Sicht eines Ex-Neonazis).

Rudolf van Hüllen

(1) So die „Junge Welt“ vom 10.01.2007.

(2) „blick nach rechts“ Nr. 4/2007.

(3) Uwe Luthardt, „Dann gibt es zuerst wieder eine Kristallnacht“, in: Christoph Ruf / Olaf Sundermeyer, In der NPD, München 2009, S. 207.

(4) Manuel Bauer, Unter Staatsfeinden. Mein Leben im braunen Sumpf der Neonaziszene, München 2012, S. 69.