Was ist Rassismus?

Der Begriff „Rassismus“ lässt sich aus dem Lateinischen „radix“ (Wurzel) und aus dem Arabischen „Raz“ (Kopf, Anführer, auch Ursprung) ableiten. Seit Jahrhunderten dient er dazu, eine Menschengruppe nach ihr angeblich unveränderbaren „natürlichen“ Eigenschaften zu beschreiben. Das kann sowohl in Gestalt einer Aufwertung jener Gruppe geschehen, der man sich selbst zugehörig fühlt, als auch - vor allem - der Herabsetzung einer anderen, „fremden“ und angeblich „minderwertigen“ Bezugsgruppe.

Im Kontext des historischen Rechtsextremismus als Vorläufer des Nationalsozialismus wurde Rassismus vor allem als Ensemble biologischer Unterscheidungsmerkmale von „Menschenrassen“ begriffen, die sich sowohl auf das Aussehen (Hautfarbe, Gesichtszüge) als auch auf kulturelle Prägungen und Verhaltensmuster von Menschen bezogen. Dabei werden vor allem letztere ganzen Kollektiven als entscheidende, feste und unveränderliche Eigenschaften zugeschrieben, so als hätten Menschen nicht die Fähigkeit, ihre Handlungen als Individuen aus freier Entscheidung heraus selbst zu bestimmen.

Für rassistisch motivierte Rechtsextremisten stehen in diesem Gedankenmodell folgende Ideen im Vordergrund:

Erstens könne der Einzelne seiner „rassischen“ Vorbestimmung und Einbindung nicht entkommen: Er bleibe, was er seit Geburt sei, eben Deutscher, Franzose, Asiate oder Jude. Auch die dazu angeblich passenden Eigenschaften könne er nicht ablegen.

Zweitens sei die eigene Rasse, im Falle deutscher Rechtsextremisten der „Deutsche Arier“, durch bestimmte, ihr kollektiv eigene Merkmale anderen Menschenrassen überlegen. Daher müsse die eigene Rasse möglichst rein erhalten und vor „Durchrassung“ mit Fremden geschützt werden.

Die im Nationalsozialismus erreichte Form solchen Rassismus führte zur systematischen massenhaften Ermordung „unerwünschter“ und als „rassisch minderwertig“ bezeichneter Menschengruppen: Juden, Roma und Sinti, Homosexuelle, geistig Behinderte.

Durch die massenhaften Verbrechen der Nationalsozialisten waren solche Vorstellungen eines biologistischen Rassismus nach 1945 zunächst gründlichst diskreditiert. Obwohl sie in der Gedankenwelt des zeitgenössischen Rechtsextremismus weiterhin eine Rolle spielen, werden sie heute eher nicht offen ausgesprochen. Der Rechtsextremismus hat stattdessen den biologistischen Rassismus „kulturalistisch“ umdefiniert: Heute wird behauptet, dass die europäische und die afrikanische Kultur beispielsweise miteinander unvereinbar seien. Eine multikulturelle Gesellschaft mit einer Symbiose und gegenseitigen Befruchtung unterschiedlicher Kulturen schaffe daher nur Probleme und verursache einen „Einheitsbrei“, in dem letztlich alle betroffenen Menschen von ihren natürlichen kulturellen Anlagen und Traditionen entfremdet würden. Als Konsequenz aus dieser Behauptung beteuern Rechtsextremisten dann gerne, sie hätten nichts gegen Türken oder türkische Kultur - allerdings ausschließlich in der Türkei, weil sie nur dort in unverfälschter Form entfaltet werden könne. Daran knüpft sich dann die Forderung nach „Rückführung“ aller Ausländer, weil sie in Deutschland sowohl der deutschen Kultur als auch ihrer eigenen Identität schadeten.

Mit diesem als „Ethnozentrismus“ drapierten Rassismus konstruieren Rechtsextremisten selbstverständlich erstens Hierarchien zwischen „Rassen“ und „Kulturen“, die sich in einer Abwertung und Ausgrenzung „Fremder“ äußern. Sie schreiben zweitens allen Menschen einer bestimmten Gruppe gemeinsame (meist negative) Eigenschaften und Verhaltensformen zu, als ob nicht jeder einzelne die Fähigkeit hätte, von einer fremden Kultur anzunehmen, was ihm gefällt oder abzulehnen, was ihm nicht zusagt. Und sie übertragen drittens Fehlleistungen einzelner Personen auf die ganze Gruppe, zu der er gehört.

Bei den beiden letzten Punkten handelt es sich um Denkmuster, die man über den Rechtsextremismus hinaus - oft unbewusst - auch bei politisch nicht extremistisch eingestellten Durchschnittsbürgern findet. Sie beruhen auf Vorurteilen und Stereotypen, die durch Erfahrungen nicht korrigiert werden. So ist die Skepsis gegenüber „Ausländern“ in den neuen Bundesländern ausgeprägter als in den alten. Das erscheint nur auf den ersten Blick widersinnig, ist doch dort der Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund sehr gering (ein bis drei Prozent). Die Begegnung mit anderen Kulturen und ihren Menschen führt demnach zu einem differenzierten Weltbild und ist geeignet, alltagsrassistische Vorurteile abzubauen.

Hinzuweisen ist übrigens auf einen sehr modischen Missbrauch des schwerwiegenden Vorwurfs, jemand sei „Rassist“, durch Linksextremisten und selbsternannte radikale „Antirassisten“. Die Feststellung, dass sich menschliche Gemeinschaften aufgrund ihrer Herkunft und der unterschiedlichen kulturellen Hintegründe unterscheiden, ist keineswegs „rassistisch“, sondern bezeichnet nur eine Differenz, die als Vielfalt in einer pluralistischen Gesellschaft äußerst bereichernd sein kann. In die Nähe von „Rassismus“ geraten solche Feststellungen von Unterschieden erst dann, wenn eine Abwertung damit verbunden wird oder Menschen einer anderen Kultur pauschal und unabhängig von ihrem Verhalten bestimmte abwertende Eigenschaften zugeschrieben werden.

Rudolf van Hüllen

Lesetipps:

  • Christian Geulen, Geschichte des Rassismus, Bonn 2007 (Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 677)
  • Bundeszentrale für politische Bildung, Themenheft „Rassismus und Diskriminierung“, APuZ 13-14, 2014.