Lesung

Genese und Aktualität des Konzepts der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland

Zusammen mit den Studierenden der Lomonossow Universität diskutiert Prof. Goldschmidt, ob die Idee der sozialen Marktwirtschaft nach 60 Jahren in Deutschland noch aktuell ist.

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Soziale Marktwirtschaft ist mehr als nur ein Wirtschaftssystem, sondern sie prägt auch das Gesellschaftssystem. Sie ist ein ordoliberales System, dass insbesondere folgenden Grundprinzipien folgt: Rechtsstaat, Gewerbefreiheit und Schutz vor Monopolbildung, Vertragsfreiheit, Tarifautonomie, paritätische Beteiligung an den sozialen Versicherungssystemen, Steuerprogression, freie Preisbildung, Geldwertstabilität, Eigentum sowie die Verantwortung für das eigene Handeln plus die daraus resultierende volle Haftung und nicht zuletzt eine verlässliche Wirtschaftspolitik.

Die Notwendigkeit einer Rechtsordnung als Voraussetzung für die individuelle Freiheit in Gesellschaft und Wirtschaft manifestiert sich bei den Ordoliberalen und den anderen Vordenkern der Sozialen Marktwirtschaft in der Idee einer Rahmenordnung (‚Spielregeln’ für die Gesellschaft). Zielpunkt ist eine prinzipiengeleitete Wirtschaftspolitik, die mit den Vorstellungen einer idealen Wettbewerbsordnung übereinstimmt. Die Aktualität der Prinzipien ist bestechend, wenn man nur an die Bedeutung der Prinzipien Primat der Währungspolitik, Konstanz der Wirtschaftspolitik und Haftung in der aktuellen Diskussion um die Staatsschuldenkrise denkt. In der Sozialen Marktwirtschaft geht es um Spielregeln - so wie es auch beim Fußball um Spielregeln geht. Sind die Spielregeln gut und fair, dann können wir ein gutes Spiel erwarten und werden das Ergebnis auch akzeptieren. Der Staat fungiert als Schiedsrichter und greift nur ein, wenn etwas aus den Fugen gerät. Es geht um die Güte der Regeln – die Akteure sollen sich in diesen Regeln frei und nach ihren eigenen Vorstellungen und Interessen bewegen.

Ein soziales Anliegen der Sozialen Marktwirtschaft ist die wirtschaftlichen Vorteile von Markt und Wettbewerb mit den Forderungen eines sozialen Ausgleichs zu verbinden. Der normative Kern der Sozialen Marktwirtschaft liegt darin, allen ihren Mitgliedern prinzipiell die gleichen Rechte, aber auch prinzipiell die gleichen Chancen zuzubilligen: Jedem Mitglied der Gesellschaft sollten Wege offen stehen, seine Begabungen – im Rahmen seiner jeweiligen Fähigkeiten – tatsächlich auch einbringen zu können. Eine gerechte Gesellschaft – und eine Soziale Marktwirtschaft wie sie in ihrer Grundkonzeption angedacht war – wird sich daran messen lassen müssen, inwiefern es ihr gelingt, allen Mitglieder der Gesellschaft Möglichkeiten für ein gelingendes Leben zu eröffnen.

Es steht außer Frage, dass ein Ansatz der Sozialen Marktwirtschaft hinsichtlich der formalen Eleganz der heutigen neoklassischen Ökonomik und ihrer Methoden, d.h. einer hochgradig spezialisierten Theorie, die sich auf die modellhafte Abbildung von Teilaspekten des Wirtschaftsprozesses konzentriert, nicht mithalten konnte und kann. Das Zurückdrängen des Ordnungsdenkens aus der Wirtschaftswissenschaft hatte aber zur Folge, das auch die Vorteile einer Theorie und Praxis der Sozialen Marktwirtschaft als Teil wirtschaftswissenschaftlicher Bildung mit über Bord gingen – und dies sind zumindest drei: ein klares Bekenntnis und die methodische Kompetenz für normative und soziale Fragen, das Bewusstsein für die Interdependenz der Ordnungen und eine genuin interdisziplinäre Ausrichtung und die Kompetenz für wirtschaftspolitische Beratung. Politiker und Politikerinnen schätzen möglicherweise auch sorgfältige theoretische Analysen und ökonomische Modelle, doch – mit Blick auf ihren Adressaten- und Wählerkreis – werden sie auch immer eine klare, verständliche Sprache finden müssen, um in Bevölkerung und Öffentlichkeit die Akzeptanz wirtschaftspolitischer Maßnahmen zu bekommen. Die Akzeptanz und Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft, auch außerhalb von Deutschland, wird zu einem guten Teil davon abhängen, ob man glaubhaft vermitteln kann, dass die Soziale Marktwirtschaft nicht nur ein überzeugendes Wirtschaftsmodell, sondern auch ein überzeugendes Gesellschaftsmodell ist.

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Veranstaltungsort

Moskauer Staatliche Lomonossow Universität, Fakultät für Wirtschaftswissenschaften, Leninskie gory 1/46, Raum P 7

Referenten

  • Nils Goldschmidt
    • Professur für Wirtschaftswissenschaften und ihre Didaktik an der Universität Siegen
      Kontakt

      Claudia Crawford

      Claudia Crawford bild

      Leiterin des Büros Multilateraler Dialog KAS in Wien

      claudia.crawford@kas.de +43 1 890 14650 +43 1 890 146 516

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