Veranstaltungsberichte

Religions- und Werteunterricht an staatlichen Schulen in Russland

von Lars Peter Schmidt †, Johan Bölts
Deutsch-Russische Konferenz in Kooperation mit dem Patriarchat der Russisch-Orthodoxen Kirche in Moskau.
Das KAS-Auslandsbüro Moskau veranstaltete zusammen mit dem Patriarchat der Russisch-Orthodoxen Kirche vom 23. – 25. Februar 2010 in Moskau eine interreligiöse Konferenz zum Thema „Religions- und Werteunterricht an staatlichen Schulen – Die aktuelle Diskussion in Russland und Deutschland“. Hintergrund der Veranstaltung ist die in Russland aktuell stattfindende Debatte um die Einführung des Religionsunterrichts an staatlichen Schulen. Die Debatte wurde von der orthodoxen Kirche und dem Präsidenten der Russischen Föderation angestoßen, um dem Wertevakuum nach dem Ende des Kommunismus etwas entgegenzusetzen. Präsident Dimitrij Medwedew beauftragte Ministerpräsidenten Wladimir Putin am 2. August 2009 per Präsidentenerlass, bis 2012 in allen öffentlichen Schulen Russlands die Fächer „Grundlagen der orthodoxen Kultur, Grundlagen der muslimischen Kultur, Grundlagen der buddhistischen Kultur, Grundlagen der jüdischen Kultur, Grundlagen der religiösen Weltkulturen und Grundlagen der weltlichen Ethik – je nach Wahl der Schüler oder ihrer Eltern (bzw. gesetzlichen Vormundschaft)“ – einzuführen. Für die ROK ist der Austausch mit deutschen evangelischen und katholischen Experten, die von der KAS zur Konferenz eingeladen worden waren, von hoher Bedeutung, da sie mit der Einführung eines religiösen Schulunterrichts Neuland betritt. Oliver Maksan von der „Tagespost“ spricht gar von einer „weltanschaulichen Revolution“, da „nach 93 Jahren seit dem Ende des Zarenreichs im Jahr 1917 und siebzig Jahren des atheistischen Kommunismus“ die Religion wieder einen Platz im Schulunterricht einnähme.

Während in Deutschland der Religionsunterricht und das Ersatzfach Ethik verfassungsrechtlich an allen Schulen angeboten wird, werden diese Fächer in Russland erst jetzt phasenweise in einzelnen Regionen erprobt. Die Zusammenstellung von Lehrmaterial, die Ausbildung von Lehrkräften und die Zusammenarbeit mit anderen Religionsgemeinschaften stehen dabei im Mittelpunkt. Die Erfahrungen und Prozesse finden in einem konsultativen öffentlichen Rahmen statt, bei dem Anregungen und Kritik in die Planungen aufgenommen werden.

Das Themenspektrum der Konferenz reichte daher von den verfassungsrechtlichen Grundlagen und rechtlichen Rahmenbedingungen für den Religionsunterricht an staatlichen Schulen über den Aufbau und die Struktur der Lehrerausbildung bis hin zur praktischen Gestaltung von Rahmenrichtlinien, Lehrbüchern und Materialien für den Religionsunterricht.

Ziel der Konferenz war das wechselseitige Lernen aus den jeweils anderen Erfahrungen. Im Vordergrund stand dabei der Gedanke, dass in einem Vielvölkerstaat wie Russland die Fremdheit vor Anhängern anderer Religionen zu Problemen führen kann und dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Religion eine moralische Grundlage schafft und in einem interkonfessionellen Religionsunterricht die Kenntnis der anderen Religionen die Angst und Fremdheit vor anderen nimmt. Professor Ulrich Becker von der Universität Hannover merkte an, dass ein interkonfessioneller Unterricht die Chancen erhöhen würde, dass „viele Kinder und Jugendliche, die nicht die Möglichkeit haben, außerhalb der Schule mit anderen Religionen in Verbindung zu kommen, so die anderen besser verstehen“ könnten. Weiter fügte er hinzu, dass der „konfessionell-interkonfessionelle Unterricht die Vertrautheit mit der eigenen Religion und die Kenntnis der anderen Religionen“ erlaube, was wiederum bei strikt getrenntem Religionsunterricht nicht geschehen könne.

In nationalen Tönen präsentierte sich der Vorsitzende des Kongresses der Jüdischen religiösen Organisationen und Vereinigungen in Russland, Rabbi Sinowi Kogan: „Das Militär darf nicht der ROK überlassen werden“, sondern es müsse „auch zugänglich gemacht werden für Anhänger des jüdischen oder islamischen Glaubens“. Arthur Suleyman, in seiner Funktion als stellvertretender Verwaltungsleiter Zentrale Geistliche Verwaltung der Muslime Russlands, bestätigte seinen jüdischen Kollegen und forderte, dass man nicht „Zaungast“ sein wolle „sondern vollberechtigte Bürger Russlands“. Die Angst der Minderheiten-Religionen, übergangen zu werden, schien groß, obgleich die orthodoxe Kirche, der Islam, das Judentum als auch der Buddhismus per Gesetz von 1997 als „traditionelle Religionen“ angesehen werden und per Präsidentenerlass den Religionsunterricht zugesichert bekommen haben. Von deutscher Seite wurde kritisiert, dass der Religionsunterricht für die katholische und protestantische Minderheit nicht im Programm vorgesehen sei. Abt Philipp entgegnete, man dürfe „die Situation in Russland nicht mit deutschen Augen sehen“. Vielmehr müsse man sich ein „anderes Bild“ machen, da es allein schon „aus historischen Gründen bedingt“ sei, „warum die Russisch-Orthodoxe, jüdische und muslimische Kirche die Lokomotiven der Reformen“ seien. Die ROK schließe aber niemanden bei dem Prozess aus. Er verwies auf die Situation in Deutschland, in der auch historisch bedingt die katholische und evangelische Kirche Antreiber der Reformen gewesen seien.

Ein weiterer Schwerpunkt war die Ausgestaltung des Religionsunterrichts in praktischer Hinsicht sowie die zu bewältigenden Herausforderungen. Auch die Rollen der Eltern, des Staates und der Lehrer sowie die freie Wahl des Religionsunterrichts wurden diskutiert. Grundsätzlich waren sich alle Teilnehmer einig, dass man die Wahl des Religions- oder Ersatzfaches den Kindern bzw. den Eltern überlassen müsse. Am Rande gab es Kritik von Seiten der Theologen und Professoren in Richtung Staat, da die Zusammenarbeit in der Erstellung von Lehrplänen oft mit Beamten zu erfolgen habe, die vor dem Fall der Sowjetunion für das Fach Wissenschaftlicher Atheismus an den Hochschulen zuständig waren. Oberdiakon Andrej Kuraew, Professor an der Moskauer Geistlichen Akademie und Verhandlungsführer der ROK mit dem Bildungsministerium, machte deutlich: „Unsere Gegner wollten ursprünglich neunjährigen Kindern die Geschichte der Religionen erzählen als eine Geschichte des Obskurantismus. Ihrer Meinung nach sollte der Religionsunterricht eine Art Präservativ sein, mit dem man die Kinder vor der Religion schützen müsse.“

Unterdessen wies Dr. Johannes Oeldemann, Direktor des Johann-Adam-Möhler-Instituts für Ökumenik, daraufhin, dass man in Bezug auf die Einführung des Religionsunterrichts auf russischer Seite immerfort von einem „Experiment“ sprach, was im deutschen Sprachgebrauch seltsame Konnotationen wecken würde, während auf deutscher Seite der Begriff „Model“ verwendet wurde, der impliziere, dass man ein Idealbild vor Augen habe und man letztendlich das Model aussuchen würde, das sich besten umsetzen lasse und der Realität entsprechen würde. Es wurde klar, dass auch nach 20 Jahren der Diskussionen um die Einführung des Religionsunterrichts in Russland es in der Probephase 2010-2012, in der in einigen Regionen Russlands in der vierten und fünften Klasse die oben erwähnten Fächer eingeführt werden, noch viel zu tun ist. Die KAS hofft, dass mit der gemeinsamen Veranstaltung Ideen und Erfahrungen ausgetauscht werden konnten, die dazu beitragen können, die Einführung der Religions- bzw. Ersatzfächer an allen Schulen in der Russischen Föderation zu vereinfachen.

Die christlichen Kirchen haben einen nicht zu unterschätzenden Anteil am Aufbau und an der Entwicklung der Gesellschaften in den Transformationsländern Mittel- und Osteuropas. Das gilt ebenfalls für die orthodoxe Kirche in Russland. Der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) gebührt das Privileg, als einzige von allen deutschen politischen Stiftungen in Russland mit der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK) zusammen einen interreligiösen bzw. interkulturellen Dialog aufzubauen, der dazu beiträgt, eine gemeinsame Wertebasis zu schaffen und das Verständnis füreinander innerhalb unserer Gesellschaften zu verbessern. Aufbauend auf die sehr gute Zusammenarbeit mit der ROK in den vergangenen Jahren wird die KAS auch in Zukunft gemeinsam mit der ROK Veranstaltungen zu aktuellen Themen durchführen.

Die Beiträge der Referenten dieser Religionskonferenz werden in einer Publikation veröffentlicht, um das Material auch weiteren Multiplikatoren zugänglich zu machen.