Fachkonferenz

Der VIII. Interreligiöse und Interkulturelle Dialog

Das Politische der Religion

Vom 15.-17. Juli 2009 organisierte die KAS in Palić den VIII. Interreligiösen und Interkulturellen Dialog für Vertreter aus Politik, Kirchen und Religionsgemeinschaften aus den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens und aus Deutschland.

Details

Diesjähriges Thema war Das Politische der Religion.

Geprägt durch die Vergangenheit im sozialistischen Jugoslawien führen öffentliche Stellungnahmen der Kirchen und Glaubensgemeinschaften zu Politik und Demokratie im Allgemeinen und erst Recht im Konkreten immer wieder zu Diskussionen. Häufig wird ihnen ein zu großer politischer Einfluss vorgeworfen. Die Potenziale, die die Kirchen und Glaubensgemeinschaften zur Entwicklung einer verantwortungsvollen und couragierten Zivilgesellschaft besitzen, werden nicht genutzt. Dabei sehen sie ihre Aufgabe durchaus darin, „eine humanere Gesellschaft“ aufzubauen, wo der Mensch und nicht die Macht, das Geld oder Ähnliches die zentrale Position einnimmt. Anderseits erheben die Kirchen und Glaubensgemeinschaften selbst nur zurückhaltend den Anspruch, ein wichtiger Faktor der gesellschaftlichen Entwicklung zu sein. In Deutschland nehmen dagegen die Römisch-Katholische Kirche und die Evangelische Kirche eine wichtige Rolle in der Gesellschaft ein. Sie sind akzeptierte Partner der Politik.

Die Fragen, denen die Teilnehmer während des diesjährigen Dialoges nachgingen, waren: Fordert Religion auf, politisch zu sein? Dürfen sich Religionsgemeinschaften in die Politik einmischen? Gibt es einen Unterschied zwischen dem Engagement von Religionsgemeinschaften und dem einzelnen Gläubigen? Darf sich Politik in Angelegenheiten der Religionsgemeinschaften einmischen? Vertragen sich die Wertvorstellungen der Kirchen und Glaubensgemeinschaften mit Demokratie? Wieviel Demokratie vertragen Religionen im Inneren? Ist der demokratische Staat erstrebenswert? Diese Fragen wurden innerhalb zweier Rahmenthemen bearbeitet.

Zum ersten Thema „Religionsgemeinschaften und Politik“ sprach Prälat Dr. Karl Jüsten, Leiter des Kommissariats der Deutschen Bischöfe – Katholisches Büro in Berlin und somit Vertreter der Interessen der katholischen Kirche, aber auch Ansprechpartner für die Politik. Da sich die Erfahrung der Kirchen in Deutschland hinsichtlich der Politik in vielerlei Hinsicht von der Situation in den ehemaligen sozialistischen Ländern unterscheidet, war das Referat von Dr. Jüsten für die Teilnehmer von großer Bedeutung. Im zweiten Themenblock widmeten sich die Anwesenden dem „Verhältnis der Religionsgemeinschaften zur Politik“. Hierzu konnte Frau Claudia Craword, Bundesministerin a. D., Leiterin des KAS-Auslandsbüros in Belgrad, wertvolle Informationen vermitteln. Aus der Diskussion wurde ersichtlich, dass die Situation in dem Bereich, in dem sich Religion und Politik überschneiden, in Deutschland ganz anders gelagert ist als in Serbien.

Alle Teilnehmer hatten Gelegenheit, die beiden Themen zu diskutieren. Die Ergebnisse der Debatte wurden am Ende der Veranstaltung in den gemeinsamen Positionen zusammengefasst. Diese lauteten:

>> Die Teilnehmer des VIII. Interreligiösen Dialogs führten einen fruchtbaren Austausch über „das Politische der Religion“. Es wurde der Frage nachgegangen, inwieweit der Glaube zu politischem Handeln auffordert und motiviert.

Die Ausgangslage in den Transformationsländern Südosteuropas ist dabei noch tief von der sozialistischen Zeit geprägt, in der die Kirchen und Religionsgemeinschaften aus dem öffentlichen Leben herausgedrängt wurden. Obwohl sich über 90 Prozent der Bevölkerung der jeweiligen Länder einer Kirche bzw. Religionsgemeinschaft zugehörig fühlen, wird der Religion der private Raum zugewiesen. Öffentliche Stellungnahmen der Kirchen und Religionsgemeinschaften werden häufig von NGOs kritisiert und von Politikern als unzulässige Einmischung empfunden bzw. ignoriert. Formalisierte Beteiligungsmechanismen bei Gesetzgebungsverfahren sind nicht etabliert. Die Kirchen und Religionsgemeinschaften wiederum haben zu wenig Erfahrung, um ihren Anliegen auf erfolgreiche Weise Gehör zu verschaffen.

Die Demokratie bietet allen gesellschaftlichen Gruppen Raum, sich zu entfalten. Gerade sie erlaubt im Gegensatz zu anderen Staatsformen das Nebeneinander unterschiedlicher Wertvorstellungen und Weltanschauungen. Demokratie gewährt dem Einzelnen Freiheitsrechte. Im gleichen Atemzug erfordert Demokratie eine hohe Verantwortung eines jeden Einzelnen. Diese Verantwortung richtet sich über die Privatsphäre des Einzelnen hinaus auf die gesamte Ge-sellschaft.

Die Kirchen und Religionsgemeinschaften sind Teil der Gesellschaft mit hoher Integrationskraft. Durch Wertevermittlung an ihre Mitglieder leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung von Gesellschaften und motivieren zur Übernahme von Verantwortung. Es liegt in ihrer Hand, die Freiräume eines demokratischen Staates zu nutzen und ihren Platz einzunehmen.

Die Teilnehmer stimmen darin überein, dass:

-die Demokratie die Staatsform ist, die den Kirchen und Religionsgemeinschaften in ihrer Pluralität den größten Freiraum ermöglicht, aber im Gegenzug die Verantwortung aller Beteiligten erfordert.

-die Kirchen und Religionsgemeinschaften aufgefordert sind, den Demokratisierungsprozess in ihren Ländern aktiv zu unterstützen.

-gläubige Menschen aufgerufen sind, an der Gestaltung ihres Landes und ihrer Gesellschaft mitzuwirken und dabei auch Anliegen der Kirchen und Religionsgemeinschaften zu vertreten und diese mit einzubeziehen.

-der Dialog mit der Politik selbstverständlich werden muss, wozu eine Professionalisierung der Stellungnahmen der Kirchen und Religionsgemeinschaften vonnöten ist.

-die Beteiligung der Kirchen und Religionsgemeinschaften an Gesetzgebungsverfahren und anderen Entscheidungsprozessen auf verschiedenen Ebenen formalisiert werden sollte.

-die Positionierung von Anliegen der Kirchen und Religionsgemeinschaften die beste Chance auf Durchsetzung hat, wenn es ein gemeinsames und abgestimmtes Vorgehen gibt.

-Kirchen und Religionsgemeinschaften im öffentlichen Raum sichtbar sein müssen, wozu auch das Recht gehört, sich in den öffentlichrechtlichen Medien Gehör zu verschaffen.

Die Teilnehmer äußerten das Bedürfnis, dass die Kirchen und Religionsgemeinschaften im Geiste der Toleranz und der gegenseitigen Achtung über Themen aus der Vergangenheit, welche ihre Beziehungen belasten, sprechen. Dies soll dem Ziel dienen, den Demokratisierungsprozess in den Ländern Südosteuropas nachhaltig zu unterstützen. Sie werden ihren Beitrag dazu leisten, dass innerhalb ihrer Kirchen und Religionsgemeinschaften diese Themen aufgegriffen werden. <<

An Hand dieser gemeinsamen Positionen lässt sich eine Bereitschaft der Religionsgemeinschaften für einen beständigen und vielschichtigen Dialog in dieser Region erkennen.

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Veranstaltungsort

Palic

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