Bildungs- und Wissenschaftspolitik

Die Bildungs- und Wissenschaftspolitik rückt zu Beginn des 21. Jh. ins Zentrum der Wirtschaftspolitik. Der Grund dafür ist, dass mehr denn je die wirtschaftliche Existenz und der Erfolg des Einzelnen wie der Wirtschaft als Ganzes von Bildung und Wissenschaft abhängen (Wissensgesellschaft). Was heute an Wissen und Qualifikationen (Befähigungen) erworben wurde, kann in kurzer Zeit schon auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr nachgefragt werden. Das gilt für den Facharbeiter ebenso wie für den Ingenieur und für andere Hochschulabsolventen. Während früher eine solide Ausbildung i. d. R. für das gesamte aktive (Arbeits)Leben ausreichte, ist das seit einigen Jahren aufgrund des rapiden technischen Wandels und der strukturellen Veränderungen der Wirtschaft nicht mehr der Fall.

Die Funktionstüchtigkeit des Bildungs- und Wissenschaftssystems ist deshalb heute noch wichtiger geworden als der einmal erreichte Wissens- und Bildungsstand des Einzelnen und der Gesellschaft. Hauptaufgabe des Bildungssystems und seiner Elemente (Schulen, Universitäten und anderen Hochschulen, aus- und weiterbildende Betriebe) ist es,

- das an Werten, Haltungen, Wissen, Fertigkeiten und Kompetenzen zu vermitteln, was die Gesellschaft für ihr Zusammenleben, was Wirtschaft und Verwaltung benötigen, und

- die Begabungen und Neigungen der Schüler/-innen und Studierenden ausfindig zu machen und Letztere so zu bilden, aus- und weiterzubilden, dass sie in die Lage versetzt werden, aus ihren natürlichen Anlagen Bestmögliches für sich und die Gesellschaft heraus zu holen.

Diese Aufgabe soll das Bildungs- und Wissenschaftssystem möglichst kostengünstig, das heißt unter Verwendung möglichst geringer Ressourcen leisten (Allokationsfunktion).

Soll ein Bildungs- und Wissenschaftssystem diese Aufgaben erfüllen, so muss es entsprechend geordnet und organisiert sein. Im Gegensatz zur staatlichen Verwaltung, die darauf angelegt ist, Gesetze einheitlich auszuführen und den einzelnen Bürger vor dem Gesetz gleich zu behandeln, kommt es hier darauf an, zum einen die verschiedenen Anlagen und Begabungen der Menschen möglichst gut zu erkennen, diese zu berücksichtigen und zu fördern. Zum anderen ist es wichtig, die vielfältigen Anforderungen von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft richtig einzuschätzen und in Bildungsziele und –inhalte (Lehrpläne) umzusetzen und entsprechend die Menschen zu bilden.

Da die Gewinnung von Informationen über die Begabungen der einzelnen Menschen und die zukünftigen Anforderungen von Wirtschaft und Gesellschaft nicht leicht ist und die gewonnenen Informationen zwangsläufig unsicher sind (unvollkommene Information, Entscheidungen unter Unsicherheit, Unternehmertum), ist das, was Schulen und Fakultäten (die Lehreinheiten von Universitäten) zu leisten haben, eine echte unternehmerische Aufgabe: nämlich Handeln unter Risiko der Fehlentscheidung. Die Aufgabe unterscheidet sich lediglich inhaltlich von dem, was der gewerbliche Unternehmer am Markt auf eigenes Risiko tut und die Schule und Fakultät bisher auf die Schüler/-innen und Studierenden abzuwälzen vermögen. Es versteht sich, dass als Teil einer Verwaltung organisierte Schulen oder Fakultäten dies nicht leisten können. Sie sind darauf angelegt, die Inhalte einheitlich und gleich behandelnd auszuführen, die von oben angeordnet werden.

Die Bildungsverfassung der Bundesrepublik Deutschland trägt diesem Sachverhalt Rechnung, wird aber teilweise zu vergangenheitsorientiert interpretiert: Sie garantiert die Unverletzlichkeit der Person und freie Entfaltung der Persönlichkeit, die Schulwahlfreiheit und die freie Wahl des Ausbildungsplatzes für den Einzelnen (bei Minderjähren indirekt durch das elterliche Erziehungsrecht). Sie garantiert ferner die Privatschulfreiheit, also das Recht, private Schulen zu errichten, und gewährt Professoren der Universitäten Freiheit der Forschung und Lehre. Den Lehrern und Schulen wird Freiheit und damit Entscheidungsbefugnis lediglich im Rahmen der gesetzlich vorgeschriebenen Curricula und anderer Normen zugestanden. Allerdings wird ihnen seit einigen Jahren mehr pädagogische Freiheit und Eigenständigkeit (Schulautonomie) gewährt. Man hat erkannt, dass die Schulen für die beschriebene Aufgabe stärker selbst in die Verantwortung genommen werden und sie entsprechend auch eigenständiger reagieren können müssen.

Der entscheidende Punkt aber ist, dass den Schulen zwei Institutionen als Mitverantwortliche und Mitentscheidungsträger gegenüberstehen: Einmal sind sie wirtschaftlich nicht eigenständig, da sie Teil des kommunalen Haushalts sind – bezogen auf Schulgebäude –einrichtungen, Lernmaterial, das nichtpädagogische Personal (Hausmeister, Sekretärinnen). Die Lehrer dagegen sind Bedienstete des jeweiligen Bundeslandes. Für die Universitäten und die anderen Hochschulen ist die Situation ähnlich: Sie sind als staatliche Einrichtungen haushaltsrechtlich Teil des Landeshaushaltes. Nur wenige Hochschulen sind von einigen Bundesländern inzwischen in selbstständige Einrichtungen, z. B. in Stiftungen oder selbstständigen Körperschaften des öffentlichen Rechts überführt worden, so etwa die Universität Göttingen, die Tierärztliche Hochschule Hannover, oder die die nordrhein-westfälischen Hochschulen.

Die Folge ist, dass Schulen und Hochschulen keine wirtschaftlichen Risiken tragen und für ihre pädagogischen, fachlichen und wissenschaftlichen Leistungen ökonomisch nicht geradezustehen haben. Zwar gewährt der Staat seit einiger Zeit den Schulen und vor allem den Hochschulen gewisse wirtschaftliche Entscheidungsbefugnisse durch weniger detaillierte Vorgaben, wozu welche Mittel aufzuwenden sind (Haushaltsflexibilisierung, Globalzuweisungen). Stattdessen trifft er Zielvereinbarungen mit einzelnen Hochschulen und finanziert sie auf dieser Grundlage. Doch vom Tragen eines wirtschaftlichen Risikos kann bisher nicht wirklich die Rede sein. Ein derartiges Risiko wird lediglich von privaten Hochschulen übernommen. Schließlich sind Lehrer und Professoren i. d. R. Beamte und werden für ihre pädagogischen Aufgaben und in der Lehre bisher kaum nach Leistung bezahlt.

Hinzu kommt, dass der Staat sich in Deutschland ökonomisch als Produzent von Bildung und Wissenschaft versteht und entsprechend verhält. Die Folge ist, dass die Schulen und Hochschulen einer Vielzahl von Regulierungen und Vorgaben unterworfen sind und sie sich mehr nach den Vorgaben des Staates richten als unmittelbar nach den Bildungs-, Aus und Weiterbildungserfordernissen ihrer Schüler/-innen und Studierenden. So entlassen die Schulen und Universitäten ihre Absolventen, ohne sich intensiv und systematisch für deren berufliches Fortkommen zu interessieren und daraus Schlüsse für die eigene Arbeit zu ziehen, wie es das erwerbswirtschaftliche Unternehmen am Markt mit Selbstverständlichkeit und ausgefeilten Methoden tut.

All das sind die Gründe, weshalb in jüngster Zeit eine Reformdiskussion in Gang ist, ob der Staat die Hochschulen und Schulen nicht stärker in die Eigenverantwortung entlassen und lediglich die Rahmenbedingungen (Mindeststandards, Markt- und Leistungstransparenz, Schulpflicht), festlegen sollte, unter denen diese im Wettbewerb um Schüler/innen und Studierende konkurrieren. Öffentliche Schulen und Hochschulen wären unter diesen Bedingungen mit privaten (staatlich anerkannten) gleichgestellt, und der Staat würde dann sein Augenmerk nicht mehr auf die Produktion von Bildung richten und sich als Produzent verstehen, sondern als Schützer und Förderer der Bildungsinteressen seiner Bürger. Konflikte, die dadurch entstehen, dass der Staat selbst für das verantwortlich ist, was in Schule und Hochschule geschieht und er zugleich die Aufsicht (Schul-, Hochschulaufsicht) darüber hat, lassen sich dadurch vermeiden. Hauptaugenmerk des Staates wäre dann der gebildete Bürger, ganz gleich woher der Bürger seine schulische und sonstige Bildung, Aus- und Weiterbildung bezieht, ob im eigenen oder einem anderen Bundesland, ob im In- oder Ausland. Der Staat würde Wert darauf legen, dass die besten Schulen, Universitäten und anderen wissenschaftlichen Einrichtungen auf seinem Territorium tätig werden und seine Bürger möglichst freien Zugang zu den für sie Besten im In- und Ausland haben. Er stände dann nicht mehr im Konflikt, die Aufsicht über das zu führen, für das er unmittelbar selbst verantwortlich ist.

Tabelle: Eckdaten des deutschen Bildungssystems

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Literaturhinweise:

  • Lith, Ulrich van (2010), Bildung, Ordnung und Wettbewerb. Ökonomische und sozialethische Bausteine, in: Christliche Gesellschaftslehre und Freiburger Schule. Zur Aktualität des Denkens von Joseph Kardinal Höffner, Tübingen (Mohr);
  • Ders. (1998), Bildungsunternehmertum, seine institutionellen Bedingungen, Finanzierung, Kosten und Nutzen der Bildung, Mülheim a. d. R. (Rhein-Ruhr-Institut);
  • Ders. (2005), Die Ordnung des Bildungswesens. Problemzonen seiner ordnungsökonomischen Gestaltung, Berlin.

Ulrich van Lith