Europäische Geld- und Währungspolitik: Instrumente

Das Instrumentarium des ESZB (Akteure) besteht gemäß Art. 18 und 19 ESZB-Satzung aus Offenmarktgeschäften, ständigen Fazilitäten sowie Mindestreserven. Wichtigstes Instrument sind folgende vier Offenmarktgeschäfte, durch die das Eurosystem Kredite an die Kreditinstitute vergibt: Mit Hilfe der Hauptrefinanzierungsgeschäfte deckt das Eurosystem den Großteil des Liquiditätsbedarfs des Finanzsektors; gleichzeitig möchte es mit den Konditionen (Zinssatz, Menge der Zuteilung) Signale über den angestrebten geldpolitischen Kurs setzen. Die längerfristigen Refinanzierungsgeschäfte dienen der Bereitstellung langfristiger Liquidität ohne Signalwirkung; hatten diese Geschäfte vor Ausbruch der Weltfinanzkrise eine Laufzeit von drei Monaten, wurden zuletzt jedoch auch Laufzeiten von bis zu drei Jahren eingeräumt. Die Feinsteuerungsoperationen setzt das Eurosystem zum Ausgleich unerwarteter Liquiditätsschwankungen und zur Zinsstabilisierung ein; ferner soll über die strukturellen Operationen die Verteilung der Liquidität innerhalb des Finanzsektors gesteuert werden. Diese beiden Instrumenten wurden in der Krise häufiger eingesetzt mit dem Ziel, Spannungen auf dem Interbankengeldmarkt zu verringern; diese ergaben sich, weil der Liquiditätsausgleich zwischen den Monetären Finanzinstituten wegen Vertrauensverlusten stark behindert bzw. sogar zum Erliegen gekommen war.

Zur Liquiditätsversorgung des Finanzsektors im Rahmen von Offenmarktgeschäften vereinbart das Eurosystem mit den Kreditinstituten vor allem befristete Transaktionen in Form von Pensionsgeschäften oder Pfandgeschäften. Bei den Pensionsgeschäften kauft das Eurosystem Wertpapiere von Kreditinstituten auf und schließt mit diesen gleichzeitig eine Rückkaufvereinbarung ab, in der sich die Kreditinstitute verpflichten, die Wertpapiere gegen Herausgabe von Zentralbankgeld zu einem späteren Zeitpunkt wieder zurückzukaufen. Bei Pfandgeschäften beleiht das Eurosystem Wertpapiere, die sich im Besitz von Kreditinstituten befinden; es findet im Gegensatz zu den Pensionsgeschäften keine Eigentumsübertragung statt. Weiterhin schließt das Eurosystem definitive Geschäfte ab, bei denen es Wertpapiere nicht zeitlich befristet, sondern endgültig kauft oder verkauft (Outright Offenmarktgeschäfte). Darüber hinaus führt das Eurosystem Devisenswapgeschäfte durch, bei denen es Euro gegen Fremdwährung kauft (oder verkauft) und gleichzeitig vereinbart, zu einem späteren, festen Zeitpunkt Euro wieder gegen Fremdwährung zu verkaufen (oder zu kaufen). Um Liquidität vom Markt zu absorbieren, kann das Eurosystem auch eigene Schuldverschreibungen emittieren und verzinsliche Einlagen mit fester Laufzeit von den Kreditinstituten hereinnehmen.

Für alle Kreditgeschäfte des Eurosystems sind ausreichende Sicherheiten zu stellen. Diese sogenannten notenbankfähigen Sicherheiten umfassen marktfähige und nicht marktfähige Sicherheiten. Als marktfähige Sicherheiten gelten von der EZB emittierte Schuldverschreibungen sowie alle von den nationalen Zentralbanken des Eurosystems begebene Schuldverschreibungen, welche vor der Einführung des Euro in dem jeweiligen Mitgliedsland emittiert wurden. Darüber hinaus können markfähige Sicherheiten auch solche Wertpapiere sein, die von internationalen und supranationalen Organisationen sowie der öffentlichen Hand und dem privaten Sektor emittiert werden (z.B. Staatsschuldtitel, Asset-Backed Securities, etc.). Dabei müssen sie den Bonitätsanforderungen des Eurosystems (Eurosystem Credit Assessment Framework, ECAF) genügen und auf einem von der EZB zugelassenen Markt gehandelt werden. Der Emissionsort muss sich innerhalb des Eurowährungsgebiets befinden. Sie können bei allen mit Sicherheiten zu unterlegenden geldpolitischen Geschäften verwendet werden.

Als nicht marktfähige Sicherheiten sind sowohl Kreditforderungen als auch mit grundwertgesicherten Darlehen an Privatkunden besicherte Schuldtitel zugelassen. Nicht marktfähige Sicherheiten können bei allen geldpolitischen Geschäften mit Ausnahme von endgültigen Käufen oder Verkäufen eingesetzt werden. Sie müssen dabei ebenfalls den Bonitätsanforderungen des ECAF genügen. Staatsanleihen der Euroländer sind in jedem Fall gültige Sicherheiten. Im Verlauf der Vertrauens- und Schuldenkrise wurden die Bonitätsanforderungen sukzessive aufgeweicht. Es sind nun nicht mehr ausschließlich erstklassige Sicherheiten erforderlich. Wenn keine erstklassigen Sicherheiten vorliegen, kommt es zum Haircut (Begriff aus der Finanzsprache: Von Haircut wird gesprochen, wenn Gläubiger auf einen Teil der Rückzahlung ihrer Forderungen verzichten (müssen), meist in Form von Staatsinsolvenz-Verfahren) mit Nachschusspflicht, d.h. wird bei einer Anleihe aufgrund einer neuen Marktbewertung ein Preisrückgang festgestellt, der höher ist als der Haircut, so ist der Herausgeber der Anleihe zu einem Ausgleich verpflichtet.

Alle Offenmarktgeschäfte werden im Zuge von Versteigerungsverfahren (Tender) mit den Kreditinstituten in Form von Mengentendern oder Zinstendern durchgeführt. Bei einem Mengentender müssen die Kreditinstitute ihren Bedarf an Zentralbankgeld als Gebote mitteilen, die sie zu dem vom Eurosystem geforderten Zins bereit sind zu geben. Übersteigt die Summe der Gebote aller Kreditinstitute den Betrag an Zentralbankgeld, den das Eurosystem bereitstellen will, so erfolgt die tatsächliche Zuteilung an die Kreditinstitute nach Maßgabe einer Quotierung. Beträgt bspw. die Summe der Gebote 800 Mrd. Euro und wünscht das Eurosystem lediglich 80 Mrd. Euro bereit zu stellen, so erhält jedes Kreditinstitut gerade ein Zehntel des von ihm abgegebenen Gebotes. Das Eurosystem kann die Gebote allerdings auch in voller Höhe zuteilen, so wie es im Rahmen der geldpolitischen Reaktion auf die Weltfinanzkrise geschehen ist.

Bei einem Zinstender dagegen müssen die Kreditinstitute nicht nur die Höhe ihrer Gebote angeben, sondern auch den Zins, zu dem sie bereit sind, ihr Gebot gerade noch aufrecht zu halten. Die Zuteilung erfolgt dann nach Maßgabe der mit den Geboten abgegebenen Zinsen. Beträgt beispielsweise der Zuteilungsbetrag wieder 80 Mrd. Euro und haben die Bank A ein Gebot in Höhe von 30 Mrd. Euro zu fünf Prozent, die Bank B ein Gebot in Höhe von 50 Mrd. Euro zu vier Prozent und die Bank C ein Gebot in Höhe von 40 Mrd. Euro zu drei Prozent abgegeben, so erhalten als meistbietende Kreditinstitute die Bank A Zentralbankgeld in Höhe von 30 Mrd. Euro und die Bank B in Höhe von 50 Mrd. Euro; die Bank C erhält nichts. Erfolgt die Zuteilung zu einem einheitlichen Zins, so wird dies als holländisches Verfahren bezeichnet; erhalten die Kreditinstitute dagegen Zentralbankgeld zu dem von ihnen abgegebenen individuellen Zinssätzen, so erfolgt die Zuteilung nach dem amerikanischen Verfahren.

Hat das Eurosystem die Offenmarktoperationen in den ersten beiden Jahren seiner Existenz in Form von Mengentendern mit Repartierung (proportionale Zuteilung) durchgeführt, wechselte es im Sommer 2000 aufgrund strategischer Verzerrungen beim Bieterverhalten monetärer Finanzinstitute zum Zinstender nach dem amerikanischen Verfahren. Seit dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Bros. im Oktober 2008 führt das Eurosystem die Offenmarktgeschäfte wieder als Mengentender durch, allerdings mit Vollzuteilung und nicht mit Repartierung.

Das Eurosystem unterscheidet die Tenderverfahren für Offenmarktgeschäfte noch nach Standard- und Schnelltender. Standardtender werden innerhalb von maximal 24 Stunden durchgeführt. Sie werden stets bei Hauptrefinanzierungsgeschäften, längerfristigen Refinanzierungsgeschäften und strukturellen Operationen verwendet. Feinsteuerungsoperationen werden hingegen mit Hilfe des Schnelltenderverfahrens innerhalb von 90 Minuten nach Tenderankündigung durchgeführt.

Neben den Offenmarktgeschäften bietet das Eurosystem auch sogenannte ständige Fazilitäten an, die Kreditinstitute auf eigenen Wunsch wahrnehmen können; sie dienen der sehr kurzfristigen Liquiditätsbereitstellung und -absorption. Liquidität wird bereitgestellt durch die Spitzenrefinanzierungsfazilität, durch die Kreditinstitute Zentralbankgeld in beliebiger Höhe zu einem vom Eurosystem festgelegten Zins erhalten und so kurzfristige Liquiditätsbedarfe decken können. Liquidität wird absorbiert durch die Einlagefazilität, in deren Rahmen die Kreditinstitute zu einem vom Eurosystem vorgegebenen Zins überschüssige Liquidität bei den NZBen anlegen können. Dieses Instrument wurde von den monetären Finanzinstituten während der Weltfinanzkrise und der anschließenden europäischen Schulden- und Vertrauenskrise verstärkt genutzt, da wegen des Vertrauensverlustes innerhalb des Bankensektors die überschüssige Liquidität nicht mehr an andere Finanzinstitute ausgeliehen sondern statt dessen bei Eurosystem zwischengeparkt wurde.

Schließlich verfügt das Eurosystem über ein Mindestreserveinstrument, mit dem es die im Euro-Währungsraum ansässigen Kreditinstitute verpflichtet, verzinsliche Mindestreserven in Höhe eines festgelegten Prozentsatzes (Mindestreservesatz) ihrer Verbindlichkeiten bei den nationalen Zentralbanken zu hinterlegen. Ziel ist es, mit Hilfe dieses Instruments die Zinsen für Zentralbankgeld zu stabilisieren und den Bedarf an Zentralbankgeld zu erhöhen. Mindestreservepflichtige Verbindlichkeiten der Kreditinstitute sind grundsätzlich Einlagen, Schuldverschreibungen sowie ausgegebene Geldmarktpapiere mit Ausnahme von Verbindlichkeiten gegenüber anderen mindestreservepflichtigen Kreditinstituten. Lag der reguläre Mindestreservesatz bis zum Jahresende 2011 bei 2 Prozent, so gilt ab dem Jahr 2012 ein Satz von lediglich 1 Prozent.

Als zulässige Geschäftspartner gelten ausschließlich Institute, die in das Mindestreservesystem des Eurosystems einbezogen sind. Darüber hinaus muss ein zulässiger Geschäftspartner finanziell solide sein. Das heißt, das Institut muss einer Aufsicht unterliegen, die einen mit der harmonisierten EU/EWR-Aufsicht vergleichbaren Standard aufweist.

Literaturhinweise:

  • DIETRICH, D./VOLLMER, U. (1999), Das geldpolitische Instrumentarium des Europäischen Zentralbankensystems, in: Wirtschaftswissenschaftliches Studium (WiSt), Nr. 11, S. 595-598;
  • GÖRGENS, E./RUCKRIEGEL, K./SEITZ, F. (2001), Europäische Geldpolitik: Theorie, Empirie, Praxis, 2. vollkommen überarbeitete und stark erweiterte Aufl., Düsseldorf;
  • EUROPEAN CENTRAL BANK (2004), The Monetary Policy of the ECB, Frankfurt/M.;
  • EUROPEAN CENTRAL BANK (2010), Leitlinie der Europäischen Zentralbank (EZB/2000/7), Inoffiziell konsolidierte Fassung vom 1.3.2010.
Diemo Dietrich

Sebastian Giesen