Europäische Geld- und Währungspolitik: Strategien

Eine geldpolitische Strategie beschreibt das langfristige Verfahren, wie die geldpolitischen Entscheidungen über den Einsatz der geldpolitischen Instrumente zu treffen sind, damit die geldpolitischen Ziele erreicht werden können. Die geldpolitische Strategie muss hierbei zwei zentrale Aufgaben erfüllen: Erstens strukturiert sie den geldpolitischen Entscheidungsprozess und stellt dem EZB-Rat (Akteure) die Informationen zur Verfügung, die er für den Entscheidungsprozess benötigt. Zweitens dient eine Strategie als Mittel zur Verständigung und Kommunikation mit der Öffentlichkeit und trägt so zur Glaubwürdigkeit der Geldpolitik bei.

Das Eurosystem verfolgt bei der Durchführung der Geldpolitik eine stabilitätsorientierte Strategie, die vor allem folgenden Kriterien genügen soll. Hauptkriterium ist die Effektivität; es soll also nur diejenige Strategie verfolgt werden, die das geldpolitische Ziel am besten erreichen kann. Gleichzeitig soll die geldpolitische Strategie der Öffentlichkeit eine realistische Verpflichtung auf dieses Ziel signalisieren. Hierzu ist erforderlich, dass sie klar und verständlich formuliert und transparent der Öffentlichkeit zugänglich gemacht ist; die Öffentlichkeit muss hierbei in die Lage versetzt werden, die geldpolitischen Maßnahmen und die am geldpolitischen Ziel zu messenden Erfolge zu überprüfen.

Die stabilitätsorientierte Strategie des Eurosystems besteht konkret aus zwei Elementen. Dies ist zum einen die quantitative Festlegung des vorrangigen Ziels der Preisniveaustabilität durch die Vorgabe eines Inflationsziels. Der EZB-Rat sieht dieses Ziel als erreicht an, wenn mittelfristig eine Inflationsrate nahe zwei Prozent beibehalten wird. Zum anderen wird die Strategie auf zwei Säulen zur Bewertung der Risiken für die Preisniveaustabilität gestützt. Die erste Säule besteht aus einer wirtschaftlichen Analyse zur Beurteilung der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen und der damit verbundenen kurz- bis mittelfristigen Risiken für die Preisniveaustabilität. Als zweite Säule bezeichnet der EZB-Rat die monetäre Analyse, auf deren Grundlage mittel- bis langfristige Inflationstrends eingeschätzt werden. Wissenschaftlicher Hintergrund der zweiten Säule ist, dass Inflation langfristig ein monetäres Phänomen ist und aus einem im Vergleich zum realwirtschaftlichen Wachstum zu starkem Geldmengenwachstum resultiert. Die monetäre Analyse soll die kurz- bis mittelfristigen Inflationsprojektionen aus der wirtschaftlichen Analyse aus einer längerfristigen Perspektive heraus überprüfen. Die EZB gibt hierfür einen Referenzwert für das Geldmengenwachstum an, der mit dem Ziel Preisniveaustabilität (Ziele und Aufgaben) vereinbar ist. Hierbei wählte die EZB eine Geldmenge in einer vergleichsweise weiten Abgrenzung, die nicht nur den Bargeldumlauf und die traditionellen Einlagen bei den Kreditinstituten umfasst, sondern auch Geldmarktfondsanteile sowie von anderen monetären Finanzinstituten ausgegebene Schuldverschreibungen (sogenannte Geldmenge M3). Die EZB begründet die Wahl dieser Geldmenge mit deren vergleichsweise guten Eigenschaft als Indikator für die zukünftige Preisentwicklung und mit deren zuverlässigen Steuerbarkeit durch das Eurosystem.

Literaturhinweise:

  • DIETRICH, D./VOLLMER, U. (1999), Das geldpolitische Instrumentarium des Europäischen Zentralbankensystems, in: Wirtschaftswissenschaftliches Studium (WiSt), Nr. 11, S. 595-598;
  • GÖRGENS, E./RUCKRIEGEL, K./SEITZ, F. (2001), Europäische Geldpolitik: Theorie, Empirie, Praxis, 2. vollkommen überarbeitete und stark erweiterte Aufl., Düsseldorf;
  • EUROPEAN CENTRAL BANK (2004), The Monetary Policy of the ECB, Frankfurt/M.;
  • EUROPEAN CENTRAL BANK (2010), Leitlinie der Europäischen Zentralbank (EZB/2000/7), Inoffiziell konsolidierte Fassung vom 1.3.2010.
Diemo Dietrich

Sebastian Giesen