Offene Märkte: Markteintritt und Marktaustritt

Wettbewerb ist in der Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft das vorrangige Verfahren, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt zu erreichen und zu sichern. Durch Wettbewerb wird zum einen eine gute Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen über Märkte angestrebt (ökonomische Funktion). Zum anderen ermöglicht Wettbewerb allen Beteiligten größtmögliche Handlungs- und Wahlfreiheiten am Marktgeschehen (gesellschaftspolitische Funktion). Eine Wettbewerbsordnung, mit deren Hilfe sich diese Ziele verwirklichen lassen, entsteht jedoch nicht von selbst, sie muss geschaffen und geschützt werden. Dies wird zu erreichen versucht durch institutionelle Rahmenbedingungen („Spielregeln“), die dafür sorgen, dass Marktprozesse, wo immer möglich, sich als Wettbewerbsprozesse abspielen können. Von besonderer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang eine Reihe von Voraussetzungen oder Prinzipien. Neben einem funktionsfähigen Preissystem und der währungspolitischen Stabilität (Preisniveaustabilität) , der Gewährleistung und dem Schutz des Privateigentums (Eigentum) an den Produktionsmitteln, der Vertragsfreiheit und dem Haftungsprinzip (Eigenverantwortung) gelten offene Märkte als die wesentlichen (konstituierenden) Bedingungen für eine funktionierende Wettbewerbsordnung.

Die Offenheit eines Marktes bedeutet dabei immer zweierlei: Zum einen die Möglichkeit des ungehinderten Markteintritts (no barriers to entry); zum anderen aber auch der freie Marktaustritt (no barriers to exit). Jeder mögliche Teilnehmer soll in der Lage sein, jederzeit auf dem Markt, sei es durch räumliche Erweiterung, produktmäßige Diversifikation oder Neugründung, als neuer Wettbewerber (Newcomer) aufzutreten. Jedes etablierte Unternehmen soll aber auch die Möglichkeit haben, sich ungehindert aus dem Markt, sei es aus persönlichen oder marktbezogenen Gründen, wieder zurückziehen zu können. Mit anderen Worten: Eine funktionierende Wettbewerbsordnung soll bewirken, dass es keine Eintrittsbarrieren und keine Austrittsbarrieren für potenzielle oder tatsächliche Marktteilnehmer gibt.

Dies ist deshalb von Bedeutung, da Marktschranken jeglicher Art die effizienzsteigernde Wirkung sowohl der potenziellen Newcomer verhindern als auch dem Leistungsansporn entgegenwirken, der aus der latenten Gefahr erwächst, aus dem Markt verdrängt zu werden. Freier Markteintritt und -austritt hingegen üben einen erwünschten Wettbewerbsdruck auf Preise und Kosten und damit auf die Gewinne der Unternehmen aus. Dies wiederum zwingt die Anbieter zu einem ökonomisch rationalen Verhalten, welches auf die beste Verwendung der volkswirtschaftlichen Ressourcen (optimale Faktorallokation), auf schnelle Anpassung von Produkten und Produktionskapazität auch an außenwirtschaftliche Daten (Anpassungsflexibilität) sowie auf die Innovation von Verfahren, Produkten, Finanzierungstechniken, Absatzmethoden und Marketingkonzepten (technischer Fortschritt) zielt. Letztlich wird das eigentliche Ziel des gesamten Produktions- und Wettbewerbsprozesses besser erfüllt: Die optimale Versorgung des Endnachfragers, also des Konsumenten.

Der Erfolg des Wettbewerbs wird jedoch in der Realität häufig durch Marktbarrieren behindert. Von besonderer Bedeutung sind hierbei die Markteintrittsbarrieren. Allgemein werden darunter solche Faktoren verstanden, die den Markteintritt eines Newcomers erschweren oder ausschließen und damit einen Mangel an Wettbewerbsdruck und die Aufrechterhaltung von vorhandenen Ineffizienzen ermöglichen. Unterschieden wird hierbei zwischen strukturellen und strategischen Barrieren. Als Beispiele struktureller Eintrittsbarrieren seien Faktoren erwähnt wie Nachteile in der Betriebsgröße, Nachteile in der Produktdifferenzierung, absolute Kostennachteile, Entwicklungskosten, Irreversibilitäten oder ungünstige Marktphasen, in denen z. B. die Nachfrage nicht mehr wächst. In Bezug auf strategische Erschwerung des Markteintritts sind Überkapazitäten, Preisunterbietung, Produktdifferenzierung oder vertikale Integration wesentliche Einflussgrößen. Alle Faktoren erschweren den Preiswettbewerb für einen Newcomer.

Nicht weniger bedeutsam für das Funktionieren des Wettbewerbs sind die Marktaustrittsbarrieren. Sie haben zur Folge, dass auf stagnierenden oder schrumpfenden Märkten, die durch einen langfristigen Rückgang der Nachfrage gekennzeichnet sind, der betriebswirtschaftlich notwendige Abbau von überschüssigen Kapazitäten nur verzögert stattfindet. Damit wird die zügige Anpassung des Angebots an eine rückläufige Nachfrage verhindert. Ungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage bleiben bestehen. Ressourcen bleiben dort gebunden, wo sie zur Marktversorgung nicht mehr nötig sind. Als Beispiele für strukturelle Austrittsbarrieren seien genannt irreversible Kosten im Falle dauerhafter, spezifischer Produktionsanlagen (sunk costs), Vertragsstrafen bei Produktionseinstellung, aber auch fehlende Möglichkeiten der Veräußerung oder Umwidmung der Produktionsanlagen zur Herstellung anderer Güter. Strategische Austrittsbarrieren sind z. B. unternehmerische Imagepflege, anderweitige Vermarktungsmöglichkeiten der Produkte oder der Zugang zu den Finanzmärkten.

Neben den Marktbarrieren, die sich aus den direkten Entscheidungen der Wirtschaftssubjekte ergeben, sind letztlich institutionelle Marktbarrieren zu berücksichtigen, die auf staatlichen Gesetzen, behördlichen Entscheidungen oder auf historischen Gegebenheiten beruhen. Institutionelle Marktbarrieren struktureller Art sind z. B., bezogen auf den Markteintritt, die gesetzgeberische Gestaltung des Handels- und Gesellschaftsrechts, des Patent- und Lizenzsystems sowie die Fusionskontrolle, bezogen auf den Marktaustritt sozialpolitische Vorschriften wie etwa Sozialpläne bei Insolvenzen (Zahlungsschwierigkeiten und Konkursen). Beispiele für strategisch ausgerichtete institutionelle Marktbarrieren sind Regulierungen, Fusionsverbote und Handelshemmnisse (Markteintritt) sowie Subventionen oder eine moral-suasion- Politik der Beeinflussung durch Gewerkschaften, Politiker, staatliche Institutionen z. B. im Fall drohender Entlassungen von Arbeitnehmern (Interessenverbände, Lobby).

Im Gegensatz zu den Marktbarrieren, die sich aus Entscheidungen der privaten Wirtschaftssubjekte ergeben, lassen sich institutionelle Marktbarrieren als Instrument zur Gestaltung der Ordnungspolitik und damit auch der Sozialen Marktwirtschaft einsetzen. Institutionelle Marktbarrieren können von den politischen Entscheidungsträgern, z. B. mit sozialpolitischer Begründung, errichtet oder wieder abgeschafft werden. Dies fordert die Ökonomie heraus zu beurteilen, ob in einem bestimmten Bereich in der Praxis institutionelle Marktbarrieren zweckmäßig sind oder nicht.

Literaturhinweise

  • Bain, J. S. (1956): Barriers to New Competition, Cambridge, Mass.;
  • Kruse, J. (1988): Irreversibilitäten und natürliche Markteintrittsbarrieren, Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, 204, S. 508-517;
  • Tuchtfeldt, E./ Fritz-Aßmus, D. (1992): Über den Marktaustritt: Gründe und Hemmungen, ORDO – Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft, 43, S. 237-253.
Dieter Fritz-Aßmus