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"Versagen der gesellschaftlichen Eliten"

von Thomas Bernd Stehling
Über die wirtschaftlichen Probleme Spaniens und die Proteste gegen die Sparpolitik des Landes sprach MZ-Korrespondent Thomas Kröter mit Thomas Bernd Stehling, dem Leiter des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Madrid.

Ist es eine "verlorene Generation", die in Spanien demonstriert?

Stehling: Das hängt davon ab, ob die Elite des Landes die Signale der jungen Menschen versteht und praktische Antworten findet. Heute ist fast jeder Zweite unter 26 Jahren ohne Arbeit und Perspektive. Das müsste in jeder Gesellschaft Aufmerksamkeit und Empörung auslösen, ohne das ein massenhafter Aufschrei nötig wäre.

Aber die Regierung kündigt doch Reformen an.

Stehling: Eben. Aber es folgen keine Taten. Das ist ein Versagen nicht nur der Regierung, sondern der gesellschaftlichen Eliten - Parteien, Arbeitgeber, Gewerkschaften, Kirche.

Haben sie eine Erklärung für die Untätigkeit?

Stehling: Ich bin jetzt seit eineinhalb Jahren hier. Wenn ich das Thema anspreche, heißt es: Regen Sie sich nicht auf! Das ist nicht so schlimm, die sitzen bequem zu Hause und Mama wäscht die Wäsche. Außerdem arbeiten die meisten sowieso nebenbei noch schwarz. Die zumeist gut ausgebildeten jungen Menschen werten diese Vernachlässigung als Provokation.

Was passiert in Spanien und Europa, wenn sich das nicht ändert?

Stehling: Erstens gehen einem Land kurz- und mittelfristig Steuern und Sozialabgaben verloren. Das wäre vielleicht noch zu verschmerzen. Viel schlimmer ist: Da wächst eine Generation heran, ohne den Wertekanon praktisch zu erleben, der Europa zusammen geführt hat - Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und das, was wir Deutschen soziale Marktwirtschaft nennen.

Droht eine Radikalisierung?

Stehling: Ich finde es durchaus erstaunlich, wie friedlich sich das bisher abspielt. Es kommt entscheidend darauf an, wie die Eliten des Landes mit diesem Aufschrei umgehen.

Es geht also nicht um links oder rechts, weil das gesamte Establishment versagt?

Stehling: Mag sein, dass die jungen Leute eher eine Tendenz nach links haben. Aber ihr Protest richtet sich gegen die sozialistische Regierung und die konservative Opposition. Übrigens kommen viele inzwischen mit ihren Eltern zu den Kundgebungen. Die Unzufriedenheit und Verzweiflung graben sich tief in die spanische Gesellschaft. Bei den Wahlen haben zwar die Konservativen gewonnen, aber vor allem sind die kleinen Regionalparteien gewachsen.

Müssen sich die Deutschen wegen der spanischen Probleme Sorgen um den Euro machen?

Stehling: Es handelt sich in Spanien auch jenseits der berechtigten Proteste um eine ganze Reihe ungelöster Probleme - die Situation der Sparkassen, die regionalen Strukturprobleme, die wenig erfreuliche wirtschaftliche Entwicklung. Das lässt mich jedenfalls nicht zu dem Schluss kommen, das Land sei aus dem Gröbsten raus.

Ein Interview der Mitteldeutschen Zeitung.

Ansprechpartner

Dr. Wilhelm Hofmeister

Leiter des Auslandsbüros Spanien und Portugal

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23. Mai 2011
Die Spanier protestieren (23. Mai 2011)