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"Die Würde aller Menschen mit Behinderung muss gewahrt werden"

von Anne-Sophie Bauer

Das Syrien/Irak Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung hat sich mit der Mousawat Organisation in Beirut getroffen, um über die Situation syrischer Flüchtlinge mit Behinderung im Libanon zu lernen.

Das Thema "Flüchtlinge mit Behinderung"“ genießt wenig Aufmerksamkeit. Im Libanon haben rund 23 % der syrischen Geflüchteten eine Behinderung, 30 % davon geben an, dass die Ursache ihrer Beeinträchtigung mit dem Syrien-Konflikt in Verbindung steht. Die Hilfe für und Inklusion von Menschen mit Behinderung ist der Konrad-Adenauer-Stiftung ein Anliegen, weswegen sich das folgende Interview mit Kassem Sabbagh, Programmdirektor der Mousawat Organisation, mit der Lebensrealität der Betroffenen sowie der politischen Tragweite des Themas auseinandersetzt.

Das Thema „Flüchtlinge mit Behinderung“ genießt teils wenig Aufmerksamkeit und hat auch für viele Hilfsorganisationen oftmals keine hohe Priorität. Im Libanon haben rund 23 % der syrischen Geflüchteten eine Behinderung, 30 % davon geben an, dass die Ursache ihrer Beeinträchtigung mit dem Syrien-Konflikt in Verbindung steht (Humanity & Inclusion, 2018). Die Hilfe für und Inklusion von Menschen mit Behinderung ist nicht zuletzt politisch bedeutend, stellt sich aber insbesondere in Konfliktzonen häufig als sehr komplex dar. Der Konrad-Adenauer-Stiftung ist das Thema ein Anliegen, weswegen sich der folgende Beitrag mit der Lebensrealität der Betroffenen sowie der politischen Tragweite des Themas Inklusion von Menschen mit Behinderung auseinandersetzt.

 

Herr Sabbagh, bitte geben Sie uns einen kurzen Einblick in die Arbeit der Mousawat Organisation.
Wir sehen uns als eine Solidaritätsorganisation, die einen nicht-diskriminierenden Menschenrechtsansatz verfolgt. Wir konzentrieren uns darauf, Behinderten – darunter Menschen aus dem Libanon, Syrien, Palästina und auch anderen Ländern – die Betreuung zu bieten, die sie benötigen. Wir haben neun Zentren mit 110 Mitarbeitern im Libanon. Wir gehen vor allem auf die grundlegendsten Bedürfnisse der Betroffenen ein, indem wir medizinische Grundversorgung, Physio- und Sprachtherapie, aber auch Therapie durch Kunst, Musik und Sport anbieten.eten.

 

Mit welchen zusätzlichen Herausforderungen hatten behinderte Geflüchtete auf der Flucht und bei ihrer Ankunft im Libanon zu kämpfen?

Das ist eine Geschichte von 12 Jahren. Als mehr und mehr Flüchtlinge aus Syrien ankamen, kamen mit ihnen Tausende von Hilfsorganisationen in den Libanon. Es gab jedoch kaum NGOs, die sich speziell auf Menschen mit Behinderung konzentrierten, was ein großes Problem darstellte. Behinderte Flüchtlinge hatten enorme Schwierigkeiten, weil sie viele zusätzliche Bedürfnisse haben. Das begann bei den täglich benötigten Medikamenten oder den speziellen Einrichtungen zum Schlafen, die auf der Flucht nicht verfügbar sind. Und auch nachdem sie hier im Libanon ankamen, wurde es nicht besser. Die Lager, in denen die Geflohenen untergebracht wurden, waren für die besonderen Bedürfnisse von Behinderten völlig unzureichend ausgestattet. Viele kamen zum Beispiel ohne ihre Rollstühle und konnten ihre Zelte wochenlang nicht verlassen. Also mussten wir ihnen diese grundlegenden, aber oft lebensnotwendigen Dinge erst einmal beschaffen, und zwar schnell, wir konnten hierbei keine langwierigen bürokratischen Prozesse abwarten.

 

Des Weiteren, als das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) mit der Registrierung von Flüchtlingen begannen, bat ich sie, Fragen über bestehende Behinderungen im Prozess mitaufzunehmen. Aber die UNHCR ist wie ein großer Dinosaurier und Menschen mit Behinderung wird oftmals nicht die Beachtung geschenkt, die sie bräuchten. Die Frage nach Behinderung wurde auch erst nach zwei Jahren hinzugefügt und der schließlich errechnete Prozentsatz war deshalb viel zu niedrig. Andere Organisationen verwendeten den sogenannten Washington Group Approach, den ich nicht sehr gut finde. Es handelt sich hierbei um einen sehr vereinfachten Fragebogen: "Kannst du gehen? Kannst du sehen? Kannst du hören?". Heutzutage gibt es von daher nicht allzu viel detaillierte oder verlässliche Information. Und das ist ein Problem, denn obwohl wir viele Anfragen von Interessengruppen oder politischen Organisationen wie der Konrad-Adenauer-Stiftung erhalten, können wir ohne glaubwürdige quantitative Daten schwer für die Rechte von Menschen mit Behinderungen kämpfen.


Wie ist die Situation für Syrer mit Behinderungen im Libanon jetzt und wie beeinflusst die sozioökonomische Krise im Libanon ihr Leben und (möglicherweise) die Möglichkeiten Ihrer Organisation, ihnen zu helfen?

Sie wissen, was im Moment im Libanon los ist, selbst Libanesen mit Behinderungen haben gar nichts mehr. Es gibt lange Wartelisten und einige Programme mussten bereits geschlossen werden, weil Gelder von internationalen Gebern nicht mehr fließen. Am Ende ist alles politisch, keine Spende wird ohne Hintergedanken geleistet und Politik und auch Korruption sind tief in den Strukturen und Praktiken vieler Organisationen verankert. Die internationale Gemeinschaft will, dass der Libanon schwer atmet [das heißt, sie knüpft die Vergabe von Hilfsgeldern an strikte Bedingungen, Anmerkung der Verfasserin], um Druck auf Politiker auszuüben. Aber das hat negative Auswirkungen auf unsere Arbeit. Was ist, wenn wir unser Zentrum in der Bekaa Ebene, wo auch viele syrische Flüchtlinge sind, schließen müssen? Generell haben es Menschen mit Behinderung dort leichter, weil sie sich freier bewegen können als in der Stadt, die keinerlei behindertengerechte Infrastruktur für sie bietet. Können Sie sich vorstellen, dass selbst, als ich wählen gehen wollte, die Wahlurnen im 5. Stock aufgestellt waren [Herr Sabbagh benutzt einen Rollstuhl, Anmerkung der Verfasserin]. Ich konnte also nicht wählen! In der Bekaa Ebene können die Leute aktiver sein als in der Stadt, aber was passiert mit ihnen, wenn wir unsere Dienste einstellen müssen? Dann sind sie so weit entfernt von allem.


Was sind angesichts der ohnehin schon schwierigen Beziehung zwischen Flüchtlingen und Aufnahmegesellschaft die zusätzlichen Komplexitäten und Dynamiken für syrische Flüchtlinge mit Behinderungen im Libanon?

Als Organisation verfolgen wir einen nicht-diskriminierenden Ansatz. Nach der Syrien-Krise gab es viele Geldgeber, die nur für Syrer spendeten. Die haben wir alle abgelehnt, weil unsere interne Politik darin besteht, niemanden aufgrund seiner Nationalität abzuweisen. Es gibt viele NGOs, die ausschließlich Syrer unterstützen, aber schauen Sie sich an, was passiert: Libanesen mit Behinderungen beneiden nun Syrer, weil sie wegen ihres Flüchtlingsstatus bestimmte Leistungen erhalten, die Libanesen nicht bekommen. Das ist nicht konfliktsensibel, im Gegenteil, es spaltet nur noch mehr. Zu Beginn der Syrien-Krise wollten wir dieser Spaltung zwischen Aufnahmegesellschaft und Flüchtlingen entgegenwirken. Jetzt mit der Wirtschaftskrise wurde unsere Arbeit überall zu Nichte gemacht, weil die Libanesen und Palästinenser sagen: „Und was ist mit uns?“. Sie können sich vorstellen, dass es ein sehr heikles Thema ist, wenn NGOs mit begrenzten Ressourcen anfangen, Menschen zu fragen: „Was ist Ihre Nationalität?“. Unserer Meinung nach sind das schlechte Praktiken der NGOs, die all unsere Arbeit für Stabilität zwischen den Gemeinschaften, die wir in den vergangenen Jahren geleistet haben, zu Nichte macht. Die internationale Gemeinschaft, die Menschen mit Behinderungen unterstützen will, sollte sich dessen bewusst sein. Es gibt bereits zu viel Spaltung, selbst unter den Libanesen, und diese Stimmen werden überall immer lauter.


Was kann auf politischer Ebene getan werden, um ihre Lage im Libanon zu verbessern?

Ich möchte betonen, dass es am wichtigsten ist, die Würde aller Menschen mit Behinderungen zu wahren. In der Vergangenheit haben wir Richtlinien und einen Verhaltenskodex für den Umgang mit diesen Menschen entwickelt und 2300 Regierungsmitarbeiter darin geschult, wie man mit diesen Leuten umgeht und ihre Behinderungen evaluiert. Wir haben auch versucht, sie davon zu überzeugen, dass Behinderung ein gesellschaftsübergreifendes Thema ist, das überall präsent sein sollte, nicht nur im Ministerium für Sozialwesen. Ich habe versucht, sie zu überzeugen: "Diese Daten betreffen nicht nur Sie, sie sollte an alle weitergegeben werden, an das Wirtschaftsministerium, das Verkehrsministerium, usw." Aber die Behörden denken, die Menschen mit Behinderungen und deren Finanzierung gehören nur ihnen. Wir hatten auch einige Gesetze vorgeschlagen, um die allgemeine Situation für Menschen mit Behinderung im Libanon zu verbessern, aber es wird einfach nichts umgesetzt. Wie könnte es auch, es gibt ja keine funktionierende Regierung!

 

Eine Geschichte möchte ich zum Schluss noch mit Ihnen teilen, weil sie mir sehr wichtig ist: Im Rahmen einer Konferenz mit Interessenverbänden für Menschen mit Behinderung, wurde ich gebeten, einen Bericht über politische Strategien und Stärkung der Rechte für Behinderte im Libanon zu erstellen. Ich stellte meine Empfehlung darüber vor, wie man Behinderte mit Würde behandelt. Aber schauen Sie, was dann passierte: Die Organisatoren hatten mir offensichtlich überhaupt nicht zugehört, denn sie brachten zehn Menschen mit Behinderung aus den Krankenhäusern und ließen sie wie im Zirkus über die Bühne laufen. Ich war sehr, sehr wütend, beschimpfte die Organisatoren und verließ die Konferenz. Hier wurden Menschen mit Behinderung gezielt politisch ausgenutzt und objektiviert, angeblich, um ihre Interessen zu unterstützen! Wir versuchten im Nachhinein, auf die Organisatoren zuzugehen, um ihren Verhaltenskodex zu verbessern und auch, um Menschen mit Behinderung in die Regierung zu integrieren, aber ohne Erfolg. Sie sehen, wie schwer es ist, öffentliche Meinungen oder das System zu ändern. Mit den begrenzten Ressourcen, die wir haben, tun wir besser daran, diese für Erstversorgung auszugeben, bei der wir wissen, dass sie auch direkt bei den Menschen ankommt. 
 

Anne-Sophie Bauer ist Forschungsassistenzkraft im Syrien/Irak Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Die in den Interviews getätigten Aussagen spiegeln ausschließlich die Meinung des Befragten wider und nicht notwendigerweise die der Konrad-Adenauer-Stiftung. Die KAS übernimmt keine rechtliche oder moralische Verantwortung für ungenaue Informationen oder mangelnde Objektivität der im Interview präsentierten Meinungen oder Ideen. 

Kontakt

Gregor Jaecke

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Leiter des Länderprojekts Südafrika (in Vorbereitung)

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