Veranstaltungsberichte

Sind wir endlich zusammengewachsen?

Ein Rückblick auf 20 Jahre Deutsche Einheit von Freya Klier

Vortrag und Gespräch

Am Montag den 6. September 2010 fand in der Kreissparkasse in Nordhausen eine Lesung und Diskussion mit der renommierten Schriftstellerin und Dokumentarfilmerin Freya Klier vor 60 interessierten Bürger/innen statt. Dabei las sie ihren Essay „Die deutsche Einheit – eine politische Sturzgeburt?“

Der Essay reflektiert an hand einer bundesdeutschen Ärztefamilie, die 1995 nach Frankfurt/Oder ging den Prozess des Zusammenwachsens der beiden deutschen Nationen. Obwohl die Familie sich schnell in der Stadt kulturell engagierte, der Mann eine exponierte und angesehene Stellung in der Frankfurter Klinik übernahm, schlug diesem Ehepaar und ihren Kindern eine subtile Feindseligkeit entgegen. Dies veranlasste die Familie nach anhaltendem Mobbing im Jahr 2000 nach Berlin zu ziehen und das Experiment Frankfurt/oder aufzugeben. Freya Klier bemühte sich anhand dieser Familie aufzuzeigen, welche Netzwerke ehemaliger Staatsbediensteter der DDR sich nach 1990 gebildet hatte und welchen Einfluss und welche Macht diese Strukturen auch nach 20 Jahren deutscher Einheit noch immer besaßen.

An die etwa 50minütige Lesung schloss sich eine lebhafte Diskussion mit dem Auditorium an. Die Besucher zeigten sich bestürzt über diese Darstellung, da sie zwar um derartige Netzwerke gewusst, sie aber als nicht mehr existent betrachtet hatten. Mehrere Zuhörer stellten in kurzen Stellungnahmen und Kommentaren ihre Wahrnehmung der letzten 20 Jahre dar und kamen übereinstimmend zu dem Urteil, dass ein Zusammenwachsen zwar vereinzelt zu beobachten sei, eine anhaltende Fremdheit der Menschen in beiden deutschen Staaten jedoch nicht zu leugnen sei. Vor allem die ältere Generation denke noch immer in den Kategorien Ost-West. Diskutiert wurde auch die Verlängerung des Stasiunterlagengesetzes durch den Bundestag.