Veranstaltungsberichte

„Die Macht kann man ruhen lassen, die Kunst nicht.“

von Slim Jaoued

Konferenz und Konzert

Anlässlich des 60. Jahrestages der tunesischen Unabhängigkeit widmeten die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) und das Forum de l’Académie Politique (FOAP) am 2. April 2016 gleich zwei Veranstaltungen der Kunst und der Kultur: zunächst eine Konferenz zum Verhältnis zwischen Kunst und Macht, im Anschluss dann das Konzert „Songes tunisiens“ („Tunesische Träume“), auf dem die Sopranistin Yosra Zekri gemeinsam mit dem Orchester „Tunisia Soloists“, das unter der Leitung Mourad Frinis spielte, auftrat.

Die am Nachmittag abgehaltene Konferenz „Kunst und Macht“ versammelte zahlreiche Persönlichkeiten aus Kultur, Politik und der Medienwelt, darunter auch die beiden ehemaligen Minister Jalloul Ayed und Mourad Sakli. Die beiden Männer teilen nicht nur die Gemeinsamkeit, ein Regierungsamt wahrgenommen zu haben, sondern insbesondere auch ihre Leidenschaft für Kunst und Musik.

Musik als Ausgleich zum Berufsalltag

Jalloul Ayed, tunesischer Finanzminister von Januar bis Dezember 2011, ging in seinem Vortrag auf diese Leidenschaft ein und erklärte, dass für ihn die Musik etwas Grundlegendes und Unentbehrliches darstelle. Seit er im Alter von acht Jahren von seinem Vater ein Klavier geschenkt bekommen habe, könne Ayed sich sein Leben nicht mehr ohne Musik vorstellen. Dabei spiele es keine Rolle, ob es sich um klassische Musik, um die traditionelle tunesische Musik „Malouf“ oder um ganz andere Musikrichtungen handle. Ayed führt diese musikalische Offenheit auf seine tunesische Identität zurück. Seiner Meinung nach müssen die Tunesierinnen und Tunesier sich und ihre Kindern häufiger den multikulturellen Charakter ihres Landes vor Augen führen. Insbesondere in seiner Zeit als Finanzexperte spielte die Musik eine wichtige Rolle für Ayed. Denn während es einer zum Beruf gemachten Musik an finanziellem Potential gefehlt hätte, mangelte es dem Finanzwesen an kreativem Potential. Um einen Ausgleich für seinen Berufsalltag als Financier zu finden, musizierte Ayed also in seiner Freizeit.

Der ehemalige Finanzminister mehrerer Übergangsregierungen ist heute ein anerkannter Komponist und Musiker und hat bereits mehrere Sinfonien geschrieben, darunter „Magador“, „Hannibal Barca“ und „Der Duft des Jasmins“. Für Ayed ist dies keineswegs selbstverständlich; nach eigener Aussage hat er früher nie daran gedacht, später einmal klassische Musik zu komponieren. Erst im Alter habe er sein Talent als Komponist entdeckt. Mit seinen Erfahrungen als Politiker und Musiker steht für Ayed inzwischen fest, dass man zwar die Macht aufgeben kann, niemals aber die Kunst.

Menschliche Entwicklung durch Kultur

Für jedes Land, das in der Welt eine führende Rolle anstrebt, ist es unumgänglich, sich für die Kultur zu öffnen. Ein markantes Beispiel für diese These stellt die Entwicklung Chinas dar. Seitdem das Land die grausame Kulturrevolution Mao Zedongs hinter sich gebracht und sich ab 1979 der Weltgemeinschaft geöffnet hat, ist das Land zu einer der weltweit wichtigsten Wirtschaftsmächte geworden, eine Entwicklung, die immer wieder auch als „Chinesisches Wirtschaftswunder“ bezeichnet wird.

Der ehemalige Leiter des „Internationalen Musikfestivals von Karthago“, Mourad Sakli, glaubt, dass er seine Berufung zum Kulturminister im Jahr 2014 seiner Tätigkeit als Künstler zu verdanken hatte. Ein Künstler ist für Sakli jemand, der sich am Nerv der Gesellschaft befindet und für diese durch die Kreierung neuer Ideen und Visionen die Rolle eines Aufklärers spielt. Von allen arabischen Ländern sei Tunesien das Land, in dem Künstler und der kulturelle Bereich allgemein am meisten ermutigt worden seien. Nachdem vor diesem Hintergrund in der Vergangenheit eine große Anzahl an Kulturzentren entstanden sei, falle es gegenwärtig allerdings auf, dass oftmals die notwendige Infrastruktur fehle und nicht mehr ausreichend in den Kulturbereich investiert werde. Die wichtigste Funktion, die Sakli der Kultur zurechnet, spiegelt sich in seiner Forderung wider, dass es heute keines Kulturministers mehr bedarf, sondern eines „Ministers für menschliche Entwicklung“.

Die beiden ehemaligen Minister betrachten den gegenwärtigen Zustand des Kultursektors mit großer Sorge. Ihrer Meinung nach wird die Kunst auf dramatische Weise vernachlässigt. Nur selten werde in Debatten auf sie zu sprechen gekommen und auch in den Parteiprogrammen werde sie vollkommen ausgeklammert.

Blumen für die Sopranistin

Im Anschluss an die Vorträge Ayeds und Saklis führten die Konferenzteilnehmer eine lebhafte Diskussion über Kunst und Politik, bevor sie sich zum MAD‘ART aufmachten. Dort nämlich fand am Abend das Konzert „Songes tunisiens“ statt. Die tunesische Sopranistin Yosra Zekri vermochte es mit ihrem außergewöhnlichen stimmlichen Talent und in Begleitung des von Mourad Frini dirigierten Orchesters „Tunisia Soloists“ das Publikum zu begeistern, das sich bei den Künstlern seinerseits mit standing ovations bedankte. Zum Abschluss des Abends und dieses der Kunst gewidmeten Veranstaltungstages spielte der junge Lautenspieler Ashraf Znaidi unter starker gesanglicher Beteiligung des Publikums die tunesische Nationalhymne.

Ansprechpartner

Dr. Holger Dix

Dr

Leiter des Regionalprogramms Politischer Dialog Subsahara-Afrika

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