Dietze, Constantin von

geb. am 09.08.1891, gest. am 18.03.1973

Parlamentarischer RatWestbindungSoziale MarktwirtschaftBilaterale BeziehungenEuropapolitikWiedervereinigung

Die Bedeutung Constantin von Dietzes für die Entstehung und Entwicklung der Sozialen Marktwirtschaft kann man nicht ermessen, wenn man nur seine (wenn auch wichtigen) theoretischen Beiträge zur Volkswirtschaftslehre und insbesondere zur modernen Agrarökonomie berücksichtigt. Vielmehr prägte von Dietze die nachkriegsdeutsche Wirtschaftsordnung vor allem durch sein öffentliches Wirken und seinen Einsatz für ein gesellschaftliches und wirtschaftliches Leben auf der Grundlage eines christlichen evangelischen Glaubens.

Sein standhafter Charakter führte schon früh zum Dissens mit dem Hitler-Regime: Als Vorsitzender des „Vereins für Socialpolitik“, der wichtigsten Vereinigung von Wirtschaftswissenschaftlern Deutschlands, entzog von Dietze den Verein einer nationalsozialistischen Bevormundung, indem er ihn 1936 auflöste. Als er 1937 einen bereits inhaftierten Pfarrer im Gottesdienst vertrat, wurde er zum ersten Mal kurzzeitig verhaftet. Nachdem er daraufhin die Berliner Universität verlassen musste, folgte von Dietze einer Berufung an die Freiburger Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät. Hier trat er in regen Austausch mit den „Gründungsvätern“ der Freiburger Schule bzw. des Ordoliberalismus um Walter Eucken. Als Mitinitiator des oppositionellen Freiburger Bonhoeffer-Kreises, der im Auftrag der Vorläufigen Leitung der Bekennenden Kirche eine Denkschrift zur Nachkriegsordnung entwarf, verfasste er zusammen mit Walter Eucken und Adolf Lampe den Anhang „Wirtschafts- und Sozialordnung“, der in vielen Teilen einem frühen Manifest der Sozialen Marktwirtschaft gleicht. Nach dem Attentatsversuch auf Hitler vom 20. Juli 1944 gelangten Teile der Denkschrift in die Hände der Gestapo, woraufhin von Dietze erneut verhaftet wurde. Dem sicheren Todesurteil entging er durch den Zusammenbruch des Dritten Reichs.

Nach dem Krieg unterstützte von Dietze zusammen mit weiteren Mitgliedern des Freiburger Kreises die Gründung der interkonfessionellen und eher marktwirtschaftlich orientierten Badischen Christlich-Sozialen Volkspartei, die später in der CDU aufging. Darüber hinaus wirkte er mit großem persönlichen Einsatz als Wissenschaftler, als Rektor der Universität Freiburg (1946-1949) und als leitendes Mitglied der Evangelischen Kirche am Aufbau der Bundesrepublik Deutschland mit, immer in dem Bewusstsein – so ein Zitat aus dem genannten Anhang – dass „jede Wirtschaftsordnung bestimmter politischer und sittlicher Voraussetzungen bedarf“.

Wissenschaftliche Laufbahn:

1909-1912 Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Cambridge, Tübingen und Halle. 1913-1918 Militärdienst und Kriegsgefangenschaft. 1919 Promotion zum Dr. rer. pol. an der Universität Breslau. 1922 Habilitation an der Universität Berlin. 1925-1961 Professuren an den Universitäten Rostock (1925-1927), Jena (1927-1933), Berlin (1933-1937) und Freiburg i. Br. (1937-1961). 1955-1961 Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Literaturhinweise:

  • DIETZE, C. v./ EUCKEN, W./ LAMPE, A. (1942/ 1979), Wirtschafts- und Sozialordnung, in: In der Stunde Null. Die Denkschrift des Freiburger „Bonhoeffer-Kreises“: Politische Gemeinschaftsordnung. Ein Versuch des christlichen Gewissens in den politischen Nöten unserer Zeit, Tübingen, S. 128-145;
  • DIETZE, C. v. (1962), Gedanken und Bekenntnisse eines Agrarpolitikers, Göttingen;
  • DERS. (1967), Grundzüge der Agrarpolitik, Hamburg, Berlin.
Nils Goldschmidt