Ehrenamt

Auszug aus: Lexikon der Christlichen Demokratie in Deutschland

Hg.: von Winfried Becker, Günter Buchstab u.a. Paderborn 2002

S. 503 - 504

Umgangssprachlich wird zwischen den Begriffen E., Freiwilligenarbeit, ehrenamtliche Tätigkeit, Bürgerengagement und neuerdings Bürgerarbeit kaum differenziert. Dieser diffuse Sprachgebrauch verdeckt aber den wichtigen Unterschied zwischen einem E. als offizieller Übernahme eines durch Wahlen oder Berufung erlangten öffentlichen Mandats (u. B. Ratsmitgliedschaft, Schöffenamt) und offeneren Formen freiwilliger Tätigkeit in Organisationen, Vereinen oder Initiativen.

Alle Formen bürgerschaftlichen Engagements weisen in unterschiedlicher Intensität folgende fünf Merkmale auf: Freiwilligkeit, altruistische Motivation, Unentgeltlichkeit (bei möglicher Auslagenerstattung), nichtberufliches Engagement außerhalb des eigenen sozialen oder natürlichen Nahraums sowie einen Bezug zum —»Gemeinwohl. Die Überbetonung des Materiellen in unserer Gesellschaft hat dazu geführt, daß der Wert der -»Arbeit vielfach allein an ihrem Preis abgelesen wird. Freiwilligenarbeit ist jedoch nicht nur für das Funktionieren unseres sozialen Systems unentbehrlich. Der aktive —»Bürger bezieht aus seinem Engagement für den Nächsten und die Allgemeinheit auch Lebenssinn und Selbstbestätigung. Im Zuge des Wertewandels hat sich das Bürgerengagement strukturell verändert. Das religiös oder moralisch verpflichtete, in organisatorisch verfestigtem Rahmen und längerfristig angelegte fremdbestimmte Engagement nimmt zugunsten kurzfristiger, projektorientierter und eher selbstbestimmter Formen ab. Bürgerengagement ist Ausdruck des demokratischen Ethos im modernen Kultur- und Sozialstaat. Die Spielräume hierfür schafft eine subsidiär angelegte Politik auf allen Ebenen. Sie vertraut den Fähigkeiten des Bürgers, sie reduziert und delegiert Aufgaben, sie fördert dezentrale Strukturen, und sie vermindert die Staatstätigkeit insgesamt und erweitert damit die Spielräume für Bürgerengagement.

Lit.: R. G. HEINZ/!. OLK (Hg.): Bürgerengagement in Deutschland. Bestandsaufnahme und Perspektiven (1999); W. DKTTLING: E. in der Bürgergesellschaft (1999).

Horst Kanitz