Einaudi, Luigi

geb. am 24.03.1874, gest. am 30.10.1961

Parlamentarischer RatWestbindungSoziale MarktwirtschaftBilaterale BeziehungenEuropapolitikWiedervereinigung

Ab 1908 war Einaudi Herausgeber der Zeitschrift Riforma Sociale, die er nach ihrem Verbot (1935) ohne inhaltliche Konzessionen durch die Rivista di storia economica ersetzte, in der er sich außerdem um eine Integration von Wirtschaftstheorie und Wirtschaftsgeschichte bemühte. 1942 veröffentlichte er darin eine sensationell-zustimmende Besprechung des später in Deutschland verbotenen Buches von Wilhelm Röpke, Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart. Wie dieser trat er entschieden und mit sorgfältiger Begründung für eine wettbewerbliche, private Vermachtungen und Staatsdirigismus zurückdrängende, freihändlerische Marktwirtschaft ohne politische Preise ein. Er befürwortete Vermögensbildung durch Ersparnis und hielt die Besteuerung sowohl gesparten Einkommens als auch der daraus fließenden Erträge für Doppelbesteuerung. Sein Konsumsteuerkonzept mutet modern an. Sozialpolitisch entwickelte er im Übrigen ein Konzept der Selbstverantwortung bei Startgerechtigkeit, des privaten Haus- und Grundbesitzes breiter Schichten und der bäuerlichen Verwurzelung als Gegengewichte gegen Proletarisierung, z. B. in anonymisierenden Mietskasernen. Als ganzheitlich denkender Liberaler vertrat er gegenüber dem Philosophen Benedetto Croce die überzeugende These, dass geistig-moralische und politische Freiheit ohne wirtschaftliche Freiheit keinen Bestand haben.

1928 stimmte er im Senat mit anderen gegen die faschistische Regierung, 1935 auch gegen eine uneingeschränkte Billigung des Krieges gegen Äthiopien. Er befürwortete eine politische Union Europas durch eine Verteidigungsgemeinschaft. Von der Notenbank finanzierte Budgetdefizite und Brotpreissubventionen bekämpfte er, und es gelang ihm die Sanierung des Staatshaushaltes und die Stabilisierung der Lira auf dem erreichten Inflationsniveau ohne Währungsreform. Ähnlich wie Jacques Rueff, Ludwig Erhard und Reinhard Kamitz konnte er als neoliberaler Professor sein Konzept mit großem Erfolg praktisch anwenden. Mit Konrad Adenauer und Shigeru Yoshida gehörte er zu den großen alten Männern, die nach dem Zweiten Weltkrieg in ruinierten Ländern entschlossen und mit ruhiger Hand den Wiederaufbau eingeleitet haben.

Wissenschaftlicher und beruflicher Werdegang:

Nach der Promotion (1895) zunächst Wirtschaftsredakteur der Zeitung Stampa. 1902-48 in Turin Professor für Finanzwissenschaft an der Universität und für Politische Ökonomie am Technikum. 1920 auch Professor an der Universität Bocconi in Mailand. Seine Lehrtätigkeit wurde 1925 auf die Universität Turin eingeschränkt. Seit 1919 Senator des Königreichs Italien, 1943 von der nicht mehr faschistischen Regierung zum Rektor der Universität Turin ernannt, entkam er den Verfolgungen der Faschisten bei Schneesturm über einen Alpenpass in die Schweiz. 1945-48 Gouverneur der Banca d`Italia, Mitglied der Verfassunggebenden Versammlung, ab Mai 1947 auch Schatzminister und stellvertretender Ministerpräsident, 1948-55 italienischer Staatspräsident. Ab 1900 Mitarbeit bei der Zeitung Corriere della Sera, die er 1925 aus Protest gegen faschistische Gleichschaltung einstellte. 1908-1946 Korrespondent des Economist.

Literaturhinweise:

  • EINAUDI, L. (1958), Saggi sul risparmio e l`imposta, Torino;
  • DERS. (1964), Lezioni di politica sociale, Torino;
  • BENEDETTO, C./ EINAUDI, L. (1957), Liberismo e Liberalismo, Milano, Napoli.
Hans Willgerodt