Einzeltitel

„Es kam von innen“

von Michael Mertes
Am 9. November 2013 jähren sich zum 75. Mal die Novemberpogrome von 1938
Vor 75 Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, organisierte die nationalsozialistische Gewaltherrschaft in ganz Deutschland Terrorakte gegen Juden. In Israel wird heute noch von „Kristallnacht“ gesprochen, während sich in Deutschland seit dem 50. Jahrestag 1988 die Bezeichnung „Novemberpogrome“ eingebürgert hat. Nach Jahren zunehmender Diskriminierung der deutschen Juden begann mit diesen Pogromen die Zeit systematischer Verfolgung – bis hin zur Shoah, der Ermordung von sechs Millionen europäischen Juden.

Um den 9./10. November wurden etwa 400 Menschen umgebracht oder in den Selbstmord getrieben. Über 1.400 Synagogen, Betstuben und Versammlungsräume sowie Tausende von Geschäften, Wohnungen und Friedhöfen wurden zerstört. Ab dem 10. November wurden ungefähr 30.000 Juden in Konzentrationslager verschleppt. Hunderte von ihnen wurden ermordet oder starben an den Haftfolgen. Gleichzeitig beschleunigte das NS-Regime den Prozess der „Arisierung“, also der räuberischen Enteignung des Privatbesitzes und der Unternehmen deutscher Juden.

Anlässlich des Jahrestages zeigt die Gedenkstätte Yad Vashem, ein Partner der KAS Israel, eine Ausstellung unter der Überschrift „Es kam von innen“ („It Came From Within“). Dieser Titel bezieht sich auf einen Satz von Prof. Walter Zvi Bacharach, einem Holocaust-Überlebenden aus Deutschland: „Dies war das Problem des deutschen Judentums: Es war so sehr Teil der deutschen Gesellschaft geworden, dass der Anschlag der Nazis es von innen her traf.“

Während in den israelischen Tageszeitungen letztens – auch in den Wochenendausgaben vom 8./9. November – der spektakuläre Fund von Nazi-Raubkunst in München ein größeres Thema war, wird dem 75. Jahrestag der Novemberpogrome von 1938 relativ geringe Aufmerksamkeit gewidmet. (In einem Beitrag für die FAZ vom 9. November 2013 erinnert Julia Voss an den Zusammenhang zwischen der „Kristallnacht“ und den Kunstraubzügen der Nationalsozialisten: „Zu den berühmtesten Opfern im Kunstbetrieb zählte der gebürtige Münchner Hugo Helbing. Er wurde in der Nacht des 9. Novembers von Schlägertrupps in seiner Wohnung überfallen und vor den Augen seiner Frau niedergeschlagen. Wenige Tage später starb Helbing im Alter von 75 Jahren. Es war das grauenhafte Ende eines der erfolgreichsten Kunsthändler Deutschlands.“)

Auf einer hinteren Seite (S. 36) des Wochenend-Magazins der Jerusalem Post meint Daniel Gordis vom Shalem College: „75 Jahre nach der Nacht des zerschlagenen Glases (Night of Shattered Glass) lohnt es sich darüber nachzudenken, wie viel sich verändert hat – nicht nur in der Welt (obwohl es offenkundig besorgniserregende Zeichen wie die Jobbik-Partei in Ungarn gibt), sondern auch unter Juden selbst.“

Es werde, so Gordis, in diesem Jahr natürlich jene geben, die sagen: „Es reicht. Fünfundsiebzig Jahre sind lange her, und es ist an der Zeit, sich vorwärts zu bewegen.“ Das sei in vieler Hinsicht richtig – aber nicht, wenn „sich vorwärts bewegen“ bedeute, dass man vergesse, „wie sehr sich unser eigenes Verständnis von der Verantwortung für unser eigenes Schicksal verändert hat. Allein die Tatsache, dass junge Juden es für derart selbstverständlich halten, dass Juden das Recht, die Pflicht und die Fähigkeit haben, sich selbst zu verteidigen, beweist, wie viel sich verändert hat seit der Nacht, in der das Glas zerschlagen wurde.“

In Gordis’ Gedankengang spielt eine zentrale Rolle, dass die Juden 1938 noch auf den Schutz anderer angewiesen waren und keine Möglichkeit hatten, sich wirksam zur Wehr zu setzen: Damals sei die Reaktion der Welt „zwar heftig, aber auch fruchtlos“ gewesen. „Die Vereinigten Staaten riefen ihren Botschafter zurück, brachen jedoch nicht die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland ab. Die Briten bewilligten das Kindertransport-Programm – das, obgleich von humanitären Gefühlen bestimmt, Familien auseinanderriss und auf das stillschweigende Eingeständnis hinauslief, dass die Welt Europas Juden nicht retten werde.“

Die Wochenendausgabe von Haaretz (S. 2) nimmt den Gedenktag zum Anlass, unter der Überschrift „75 Jahre nach der Kristallnacht erinnert sich ein Überlebender an die Nacht, die sein Leben verbrannte“ – „75 years after Kristallnacht, survivor recalls the night that seared his life“ – die Geschichte des Zeitzeugen Daniel Heimann zu erzählen.

Heimann, übrigens ein Schulkamerad von Henry Kissinger am Fürther Jüdischen Gymnasium, wurde als Sohn einer assimilierten jüdischen Familie in Nürnberg geboren. Seine Vorfahren hatten seit mindestens 200 Jahren in Deutschland gelebt. Sein Vater Max und sein Onkel Leopold, der einen Arm „für Kaiser und Vaterland“ verloren hatte, waren im Ersten Weltkrieg Offiziere gewesen. Es half ihnen nichts.

„Noch heute, 75 Jahre danach, wird Daniel das Bild nicht los von seinen Eltern, die die Eingangstür zu ihrer Wohnung zum letzten Mal abschließen, den Schlüssel einem Nachbarn aushändigen und mit einem kleinen Koffer zum Bahnhof gehen im Bewusstsein, dass sie nicht zurückkehren werden. Am Sonntag (10. November) wird Heimann über seine Erinnerungen an die Kristallnacht bei einer Veranstaltung in Yad Vashem sprechen.“

Am heutigen 8. November veröffentlichte die European Union Agency for Fundamental Rights (FRA) unter dem Titel „Discrimination and hate crime against Jews in EU Member States: experiences and perceptions of antisemitism“ (siehe pdf oben) erstmals einen Bericht über die Erfahrungen jüdischer Bürger von EU-Mitgliedstaaten mit Antisemitismus, hassmotivierten Straftaten und Diskriminierung. Im Focus der Untersuchung stehen dabei Belgien (BE), Frankreich (FR), Deutschland (DE), Ungarn (HU), Italien (IT), Lettland (LV), Schweden (SE) und das Vereinigte Königreich (UK). Die Ergebnisse offenbaren ein besorgniserregendes Maß an Diskriminierung, vor allem am Arbeitsplatz und in Bildungseinrichtungen, eine weit verbreitete Angst davor, schikaniert zu werden, und eine zunehmende Sorge vor Antisemitismus im Internet.

In Israel sehen sich vielen Juden durch solche Berichte – wie auch durch Nachrichten aus Europa über tätliche Angriffe gegen Juden, Anschläge auf jüdische Einrichtungen oder polizeiliche Empfehlungen, in der Öffentlichkeit aus Sicherheitsgründen keine Kippa zu tragen – in der Überzeugung bestärkt, dass nur ein eigener Staat wirksam gegen die Gefahren des Antisemitismus zu schützen vermag. Mag auch Israel selbst vielfachen Gefährdungen ausgesetzt sein, hier sind – so das israelische Selbstverständnis – Juden jedenfalls nicht auf das herablassende Wohlwollen einer oft gleichgültigen, manchmal sogar feindlich gesinnten Mehrheitsgesellschaft und ihrer staatlichen Institutionen angewiesen.

Veranstaltungshinweise:

Im Zusammenhang mit dem Gedenktag bot das Bildungswerk Potsdam der Konrad-Adenauer-Stiftung am 5. November 2013 einen Besuch der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück an. Für den 21. November lädt es zu einem Besuch (mit Führung und Diskussion) der Neuen Synagoge Berlin – Centrum Judaicum – und des Berliner Denkmals für die ermordeten Juden Europas ein.

Das KAS-Bildungswerk Bremen veranstaltet am 9. November 2013 ein „Demokratie-Frühstück“. Es soll die Bürgerinnen und Bürger im Blick sowohl auf den 9. November 1938 als auch den 9. November 1989 „daran erinnern, dass Freiheit und Demokratie kein Geschenk sind, sondern täglich neu von uns allen erarbeitet werden müssen“.