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100 Jahre Ende Erster Weltkrieg

von Philipp Lerch , Nino Galetti
Erinnerung, Mahnung und Auftrag
Vor 100 Jahren endeten die Kampfhandlungen des Ersten Weltkrieges. Auch wenn der Kriegszustand formal bis zum Inkrafttreten des Friedensvertrages von Versailles andauerte, gilt der erste Waffenstillstand von Compiègne, der am 11. November 1918 zwischen dem Deutschen Kaiserreich und der Entente geschlossen wurde, als Jahrestag des Endes der „Grande Guerre“. Der Blick auf die Jahre 1914 bis 1918 tut auch heute Not.

Rund um den 11. November 2018 finden weltweit Gedenkveranstaltungen statt. Am Arc de Triomphe de l‘Étoile nehmen 70 Staats- und Regierungschefs an einer internationalen Gedenkzeremonie mit militärischen Ehren teil. Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron und die deutsche Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel enthüllen zuvor im Wald von Compiègne eine Gedenkplakette und tragen sich im sogenannten Waffenstillstandswagen in das Goldene Buch ein. 

 

Insbesondere französische und deutsche Medien berichten zurzeit ausführlich über das Geschehen der Jahre 1914 bis 1918. Das Leiden der Soldaten und das Schicksal ihrer Familien bleibt bis heute unermesslich. Die deutsch-französische Freundschaft, die europäische Einigung und die multilaterale Zusammenarbeit weltweit müssen weiterhin als gemeinsame Verantwortungsarbeit für den Frieden begriffen werden. Wer diese gering schätzt, dem sei ein Besuch ehemaliger Schlachtfelder und Soldatenfriedhöfe sowie in besonderer Weise der Blick auf „Verdun“ empfohlen.

 

Die Schlacht von Verdun ist als „apokalyptisches Inferno“ in das kollektive Gedächtnis der Franzosen und Deutschen eingegangen. Zeitgenossen haben das Martyrium als „Glutofen“, „Knochenmühle“ und „Blutpumpe“ beschrieben – oder lebenslang dazu geschwiegen. „Ich finde keine Worte, um meine Eindrücke wiederzugeben. So furchtbar kann nicht einmal die Hölle sein” schrieb der französische Leutnant Alfred Joubaire am 22. Mai 1916 bei Verdun in sein Tagebuch. Wenige Tage später fiel der Zwanzigjährige als eines von hunderttausenden Opfern dieser erbitterten Materialschlacht. Auch 100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg bleibt der brutale Stellungskrieg von 1916, welcher 300 Tage lang alle 40 Sekunden ein junges Menschenleben kostete, einen Soldaten verwundete oder verstümmelte, unfassbar.

 

Wer sich in die vermutlich zweitbekannteste Stadt Frankreichs zum wohl symbolträchtigsten Schlachtfeld der „Grande Guerre” begibt, besucht eine zusammenhängende Gedenkstätte aus zerfurchten Landschaften, Friedhöfen, Museen und Denkmälern. Über 130.000 gefallene Soldaten konnten nie identifiziert werden, zehntausende wurden nicht einmal geborgen und ruhen noch im Boden. In seinem Gedicht „Verdun. Viele Jahre später” schrieb Erich Kästner: „Diese Gegend ist kein Garten, und erst recht kein Garten Eden. Auf den Schlachtfeldern von Verdun, steh’n die Toten auf und reden.”

 

Das Auslandsbüro Frankreich und die KommunalAkademie haben bei Verdun mit Stipendiaten der Begabtenförderung sowie französischen und deutschen Bürgermeistern, Historikern, Journalisten, Behörden und Gedenkstätten ein mehrjähriges Forschungsprojekt realisiert. Im Ergebnis stehen mehrere Veröffentlichungen und ein deutsch-französischer Informationspfad: Zehn mehrsprachige Tafeln führen über die am westlichen Ufer der Maas gelegene Doppelhöhe „Toter Mann“. Einst trennten nur wenige Meter die jungen Soldaten der verfeindeten Nationen. Heute verbindet uns hier eine Wegstrecke des Gedenkens und der europäischen Begegnung. Wenn wir den quälenden Durst, den immerwährenden Artilleriebeschuss und den ständigen Überlebenskampf auch nur ansatzweise erahnen können, dann an Orten wie diesen. Unterschiedliche Aspekte der Kämpfe und ihre Auswirkungen werden verdeutlicht: individuelle Soldatenschicksale, Frontverläufe sowie die Entwicklung der Flora und Fauna in der geschützten „zone rouge“. Der Rundweg führt durch frühere Schützengräben und Granattrichter zu ehemaligen Unterständen und Tunnelanlagen, quert aber auch erstaunlich idyllische Waldstücke. Abgrund und Zuversicht liegen hier nahe beieinander. Nähere Informationen sowie eine begleitende Handreichung zur Politischen Bildung finden Sie unter www.kas.de/verdun.

 

Mit Unterstützung der Civitas-Bernhard-Vogel-Stiftung und in Zusammenarbeit mit französischen Partnern weihten der Ehrenvorsitzende, das Auslandsbüro Frankreich und die KommunalAkademie der Konrad-Adenauer-Stiftung zum 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkrieges auf dem ehemaligen Schlachtfeld ein großes Holzkreuz ein. Bei der Zeremonie fanden sich Franzosen, Amerikaner, Briten und Deutsche zum Gedenken an alle Gefallenen und ihre Familien ein. 

 

Wenn wir die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges wieder verlassen und ganz selbstverständlich nach Hause fahren, denken wir daran, dass genau dies unzähligen jungen Männern nicht vergönnt war. Sie ließen hier ihr junges Leben und kehrten nie zu ihren Familien und Freunden zurück. Hier haben Menschen Heimat verloren. Hier hat Heimat Menschen verloren. Hier haben alle verloren.


Die Erinnerung an dieses Schicksal mahnt uns, die deutsch-französische Zusammenarbeit als „Erbfreundschaft” zu begreifen und gemeinsam für ein geeintes Europa einzutreten. Symbolisch dafür steht der historische Händedruck von Staatspräsident François Mitterrand und Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl vom 22. September 1984 auf dem französischen Nationalfriedhof von Douaumont.