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50 Jahre Verkündung des Marshallplans

Am 5. Juni 1947 verkündete der amerikanische Außenminister George C. Marshall (1880-1959) in einer Rede an der Universität Harvard ein Programm für den Wiederaufbau in Europa:

"Die USA werden alles tun, um die Wiederherstellung gesunder wirtschaftlicher Verhältnisse in der Welt zu fördern, ohne die es keine politische Stabilität und keinen sicheren Frieden geben kann." Wenn der Bedarf Europas an Versorgungsgütern in den nächsten Jahren nicht durch amerikanische Finanzhilfen gedeckt werde, würde Europa in ein wirtschaftliches, soziales und politisches Chaos geraten.

Globale Sicherheit sollte nicht mehr durch Ausschaltung der deutschen Schwerindustrie (Morgenthau-Plan), sondern durch wirtschaftlichen Wiederaufbau in Deutschland und Verflechtung der europäischen Volkswirtschaften langfristig gewährt werden.

Das Außergewöhnliche an Marshalls Vorschlag war, daß die Siegermacht USA den besiegten Kriegsgegnern wirtschaftliche Aufbauhilfe leisten wollte. Es ging vor allem darum, die Einflußnahme der UdSSR in Westdeutschland und Europa aufgrund der wirtschaftlichen Krise und politischen Instabilität zu verhindern und Deutschland fest in das antisowjetische Bündnis zu integrieren. Die sowjetische Besatzungszone und die osteuropäischen Staaten durften auf Weisung der UdSSR nicht am Marshall-Plan teilnehmen, da sie eine Einmischung in innere Angelegenheiten befürchtete.

Das European Recovery Program, allgemein Marshall-Plan genannt, trat im Frühjahr 1948 in Kraft. Die USA leisteten bis Ende 1951 Warenlieferungen im Wert von 12,4 Milliarden Dollar, wovon Westdeutschland 1,3 Milliarden erhielt. Der Marshall-Plan hatte neben Währungsreform und sozialer Marktwirtschaft eine Initiativfunktion für das "Wirtschaftswunder" der Bundesrepublik.

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1967

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(links: Sowjetische Besatzungszone (undatiert); rechts: undatiert)

Literatur:

Gerhard Hardach: Der Marshall-Plan - Auslandshilfe und Wiederaufbau in Westdeutschland 1948-1952, München: dtv 1994.

Wilfried Mausbach: Zwischen Morgenthau und Marshall - Das wirtschaftspolitische Deutschlandkonzept der USA 1944-1947, Düsseldorf 1996 (Forschungen und Quellen zur Zeitgeschichte 30).

Günter Bischof: Der Marshall-Plan in Europa 1947-1952, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 22-23/97 (47. Jg.) v. 23.5.1997, S. 3-17.

Hans-Jürgen Schröder: 50 Jahre Marshall-Plan in Deutschland, ebd., S. 18-29.

Walter Heering: Der Marshall-Plan und die ökonomische Spaltung Europas, ebd., S. 30-38.

The Marshall-Plan and its Legacy. 50 Years later (Special commemorative section), in: Foreign Affairs 76 (1997), No 3, S. 158ff.

Rede Marshalls: u.a. Europa-Archiv 2 (1947), S. 821.

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(undatiert)

Wortlaut der Rede des amerikanischen Außenministers:

Harvard, 5. Juni 1947

Ich brauche Ihnen, meine Herren, nicht zu erzählen, daß die Weltlage sehr ernst ist. Das ist allen intelligenten Menschen offenbar. Eine der Schwierigkeiten liegt meiner Ansicht nach darin, daß das Problem so ungeheuer verwickelt ist, so daß es bei der großen Menge von Tatsachenmaterial, das der Öffentlichkeit durch Presse und Rundfunk geboten wird, für den Mann auf der Straße überaus schwierig wird, zu einer klaren Beurteilung der Lage zu kommen. Außerdem sind die Menschen hier fern von den Notgebieten der Erde, und es ist für sie nicht leicht, sich eine Vorstellung von der Notlage und den sich daraus ergebenden Reaktionen der leidenden Völker oder von der Auswirkung dieser Reaktionen auf die Regierungen im Zusammenhang mit unseren Friedensbemühungen zu machen.

Bei unseren Erwägungen über die Bedürfnisse Europas für den Wiederaufbau wurden die Menschenverluste, die sichtbare Zerstörung der Städte, Fabriken, Bergwerke und Eisenbahnen richtig einkalkuliert, aber es hat sich in den letzten Monaten herausgestellt, daß diese sichtbare Zerstörung wahrscheinlich weniger schwerwiegend ist als die Tatsache, daß das gesamte europäische Wirtschaftssystem aus den Angeln gehoben wurde. Zehn Jahre lang haben höchst anormale Zustände geherrscht. Die fieberhaften Kriegsvorbereitungen und die noch fieberhaftere Aufrechterhaltung der Kriegsanstrengungen haben alle Gebiete der Volkswirtschaft in Mitleidenschaft gezogen. Der Maschinenbestand verfiel oder veraltete. Unter der willkürlichen und zerstörungswütigen Naziherrschaft wurde praktisch jeder geeignete Betrieb in die deutsche Kriegsmaschine eingespannt. Alte Handelsverbindungen, private Einrichtungen, Banken, Schiffahrtsgesellschaften und Versicherungsgesellschaften verschwanden durch Kapitalverlust, Verstaatlichung oder einfach durch Vernichtung. In vielen Ländern ist das Vertrauen in die Währung stark erschüttert. Das Geschäftsleben in Europa hat während des Krieges einen vollkommenen Zusammenbruch erlitten.

In dem Erholungsprozeß ist dadurch eine schwerwiegende Verzögerung eingetreten, daß man sich zwei Jahre nach Einstellung der Feindseligkeiten noch immer nicht auf eine Friedensregelung mit Deutschland und Österreich geeinigt hat. Aber selbst bei einer schnelleren Lösung dieser schwierigen Probleme würde die Gesundung der europäischen Wirtschaftsstruktur ganz offensichtlich eine sehr viel längere Zeitspanne und viel größere Anstrengungen fordern, als man anfangs angenommen hatte.

Diese Angelegenheit hat eine interessante und zugleich ernste Seite. Der Bauer hat schon immer Nahrungsmittel zum Tausch gegen andere lebenswichtige Güter für den Städter produziert. Diese Arbeitsteilung ist die Grundlage der modernen Zivilisation. Im Augenblick steht sie vor dem Zusammenbruch. Die städtischen Industrien bringen keine ausreichende Warenmenge zum Tausch gegen die Nahrungsmittel der Landbevölkerung hervor. Rohmaterialien und Brennstoffe sind knapp. Die Maschinen sind abgenutzt oder fehlen ganz. Der Landwirt oder Bauer kann die Waren nicht finden, die er kaufen möchte. Darum erscheint ihm der Verkauf seiner landwirtschaftlichen Produkte gegen Geld, das er nicht gebrauchen kann, als ein wenig einträgliches Geschäft. Er hat daher viele Felder dem Getreideanbau entzogen und benutzt sie als Viehweiden. Er verfüttert mehr Korn an das Vieh und hat für sich und seine Familie genug zu essen, wie knapp er auch an Kleidung und anderen Gaben der Zivilisation sein mag.

Inzwischen leidet die Stadtbevölkerung unter dem Mangel an Nahrungsmitteln und Brennstoffen. Die Regierungen sind also gezwungen, ihre Devisen und ausländischen Kredite zum Einkauf dieser lebensnotwendigen Dinge aus dem Auslande zu benutzen. Durch diesen Vorgang werden die Geldmittel erschöpft, die für den Wiederaufbau dringend benötigt werden, und so entwickelt sich sehr bald eine ernste Lage, die der Welt nicht viel Gutes verheißt. Das moderne System der Arbeitsteilung, auf das sich der Warenaustausch gründet, steht vor dem Zusammenbruch.

In Wahrheit liegt die Sache so, daß Europas Bedarf an ausländischen Nahrungsmitteln und anderen wichtigen Gütern - hauptsächlich aus Amerika - während der nächsten drei oder vier Jahre um so viel höher liegt als seine gegenwärtige Zahlungsfähigkeit, daß beträchtliche zusätzliche Hilfsleistungen notwendig sind, wenn es nicht in einen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Verfall sehr ernster Art geraten soll.

Die Lösung liegt in einer Durchbrechung des Circulus vitiosus und in der Wiederherstellung des Vertrauens bei den europäischen Völkern auf die wirtschaftliche Zukunft ihrer Länder und ganz Europas. Der Fabrikant und der Landwirt in weiten Gebieten müssen gewillt und in der Lage sein, ihre Produkte für eine Währung in Tausch zu geben, deren fester Wert außer Zweifel steht. Abgesehen von der demoralisierenden Wirkung auf die ganze Welt und von der Möglichkeit, daß aus der Verzweiflung der betroffenen Völker sich Unruheherde ergeben könnten, dürfte es auch offensichtlich sein, welche Folgen dieser Zustand auf die Wirtschaft der Vereinigten Staaten haben muß.

Es ist nur logisch, daß die Vereinigten Staaten alles tun, was in ihrer Macht steht, um die Wiederherstellung gesunder wirtschaftlicher Verhältnisse in der Welt zu fördern, ohne die es keine politische Stabilität und keinen sicheren Frieden geben kann. Unsere Politik richtet sich nicht gegen irgendein Land oder irgendeine Doktrin, sondern gegen Hunger, Armut, Verzweiflung und Chaos. Ihr Zweck ist die Wiederbelebung einer funktionierenden Weltwirtschaft, damit die Entstehung politischer und sozialer Bedingungen ermöglicht wird, unter denen freie Institutionen existieren können. Ich bin überzeugt, daß eine solche Unterstützung nicht nach und nach entsprechend der jeweiligen Entwicklung von Krisen geleistet werden darf. Wenn die Regierung der Vereinigten Staaten in Zukunft Hilfsleistungen gewährt, so sollten diese eine Heilungskur und nicht nur ein Linderungsmittel darstellen. Jeder Regierung, die bereit ist, beim Wiederaufbau zu helfen, wird die volle Unterstützung der Regierung der Vereinigten Staaten gewährt werden, dessen bin ich sicher. Aber eine Regierung, die durch Machenschaften versucht, die Gesundung der anderen Länder zu hemmen, kann von uns keine Hilfe erwarten. Darüber hinaus werden alle Regierungen, politischen Parteien oder Gruppen, die es darauf abgesehen haben, das menschliche Elend zu einem Dauerzustand zu machen, um in politischer oder anderer Hinsicht Nutzen daraus zu ziehen, auf den Widerstand der Vereinigten Staaten stoßen.

Eines ist schon jetzt klar: bevor die Vereinigten Staaten ihre Bemühungen zur Besserung der Lage fortsetzen und zum Gesundungsprozeß der europäischen Welt beitragen können, müssen die Länder Europas untereinander zu einer Einigung darüber kommen, was die gegenwärtige Lage am dringendsten erfordert und inwieweit die Länder Europas selbst dazu beitragen können, eine volle Auswertung der Maßnahmen unserer Regierung zu erzielen.

Es wäre weder angebracht noch zweckmäßig, wenn die Regierung der Vereinigten Staaten von sich aus ein Programm entwerfen würde, um die wirtschaftliche Wiederaufrichtung Europas durchzuführen. Das ist Sache der Europäer selbst. Die Initiative muß von Europa ausgehen, meine ich. Unsere Rolle sollte darin bestehen, den Entwurf eines europäischen Programms freundschaftlich zu fördern und später dieses Programm zu unterstützen, soweit das für uns praktisch ist. Es sollte ein gemeinsames Programm entworfen werden, hinter dem, wenn nicht alle, so doch eine Anzahl von europäischen Nationen stehen.

Wesentlich für den Erfolg einer Maßnahme seitens der Vereinigten Staaten ist das Verständnis des amerikanischen Volks für die Natur des Problems selbst und der anzuwendenden Heilmittel. Politische Leidenschaften und Vorurteile müssen ganz ausgeschaltet werden. Mit der nötigen Voraussicht und Bereitwilligkeit seitens unseres Volkes, die ungeheure Verantwortung auf sich zu nehmen, die die Geschichte unserem Lande auferlegt hat, können und sollen die geschilderten Schwierigkeiten gemeistert werden.

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Dr. Michael Borchard

Dr

Hauptabteilungsleiter Wissenschaftliche Dienste/Archiv für Christlich-Demokratische Politik

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