Einzeltitel

Begegnung mit dem Nachbarn (II.)

Niederländische Gegenwartsliteratur
Die Publikation ist gegen eine Schutzgebühr von 2,50 Euro zu beziehen.

Inhalt

Vorwort
Birgit Lermen / Michael Braun
7
Grußwort
Wilhelm Staudacher
11
Grußwort
Kees van Spronsen
15
Problematische Nähe. Niederländisch-deutsche Konflikte nationaler Identität im 20. Jahrhundert
Guillaume van Gemert
19
„Schluss mit „nie davon gehört“.Die niederländische Literatur in Deutschland
Lut Missinne
51
Niederländische Literatur seit 1945
Carel ter Haar
89
„Europa ist nicht, sondern will werden“. Die Zugehörigkeit des Außenstehenden.Europa-Bilder im Werk von Cees Nooteboom
Alexander von Bormann
119
Ostwestdeutsche und niederländische Literatur nach 1990
Anthonya Visser
139
Einführung in die Literatur von Marcel Möring
Günther Rüther
163
Auszug aus dem Roman Mendel
Marcel Möring
169
Autoren und Herausgeber 180

Leseproben

Grußwort

Wilhelm Staudacher

Dieser Sammelband über niederländische Gegenwartsliteratur dokumentiert die zweite Konferenz der Reihe Begegnung mit dem Nachbarn, die die Konrad-Adenauer-Stiftung 2002 mit dem Thema „Österreichische Gegenwartsliteratur“ begonnen hat. Zwei Tage lang haben sich niederländische und deutsche Wissenschaftler in unserem Bildungszentrum Schloss Eichholz mit Fragen der nationalen Identität, mit Europabildern in der Literatur und mit der Rezeption niederländischer Schriftsteller in Deutschland befasst. Sie haben uns einen vertieften Einblick in kulturelle und historische Zusammenhänge der Literatur ihres Landes vermittelt. Damit haben sie unter Beweis gestellt, wie wichtig die Literatur als Orientierungsinstanz und als Leitmedium der europäischen Verständigung ist.

Mein besonderer Dank gilt unserem Konferenzpartner, der Botschaft des Königreichs der Niederlande. Wir freuen uns, dass die Botschaft, namentlich ihr Botschafter, Seine Exzellenz Dr. Nikolaos van Dam, und der erste Botschaftssekretär für Kultur, Herr Ton van Zeeland, unsere Idee, eine gemeinsame Tagung mit niederländischen und deutschen Wissenschaftlern, Lehrern und Studenten auszurichten, interessiert aufgegriffen und dieses Projekt mit finanziellen Mitteln unterstützt haben. Mein Dank gilt auch dem Gesandten und seinerzeitigen Leiter der Bonner Außenstelle der Botschaft, Herrn Dr. Kees van Spronsen, der im Rahmen der Autorenlesung von Marcel Möring im Bonner Wissenschaftszentrum an unserer Tagung teilgenommen und ein Grußwort gesprochen hat.

[...]

Ziel unserer Reihe Begegnung mit dem Nachbarn ist es, mit der jährlichen Konzentration auf die Literatur eines Nachbarlandes – jeweils in Kooperation mit dessen Botschaft – das wechselseitige wissenschaftliche und kulturelle Gespräch zu vertiefen. Es geht uns darum, hartnäckige Vorurteile zwischen den Nationen abzubauen und die kulturellen Beziehungen zwischen den europäischen Nachbarn zu vertiefen. Dazu leistet die Literatur dank ihrer welterschließenden und erkenntnisfördernden Kraft einen besonderen Beitrag. Die Literatur ist Orientierungsinstanz in Zeiten brüchig gewordener Wertesysteme und schwindender religiöser Verbindlichkeiten. Sie ist Wegbereiterin einer in Frieden und Freiheit geeinten Wertegemeinschaft. Dies ist – vor dem Hintergrund der europäischen Einigung – besonders wichtig.

[...]

Grußwort
Kees van Spronsen

In den Niederlanden wird der 5. Mai, der zweite Tag der niederländisch-deutschen Konferenz, aus der dieser Sammelband hervorgegangen ist, überall als Tag der Befreiung gefeiert.

Am Vortag, dem 4. Mai, dem Tag unserer nationalen Totenehrung, gedenken wir der Opfer insbesondere des Zweiten Weltkrieges, aber auch der niederländischen Opfer der bewaffneten Konflikte nach dem Zweiten Weltkrieg und während der Friedensoperationen. Dieser 4. Mai ist für viele Holländer noch immer ein Tag voller Emotionen. Diese Emotionen findet man selbstverständlich auch in der niederländischen Nachkriegsliteratur. Bis heute werden in unserem Land noch immer viele literarische Werke geschrieben, denen dieser Krieg als Thema oder zumindest als Kulisse dient. Die Frage nach dem Warum ist hierbei durchaus berechtigt. Die Antwort könnte lauten: „tiefste seelische Erschütterung”. Denn wir hatten seit 1813 keinen Krieg mehr erlebt, jedenfalls nicht im eigenen Land. Wir hatten uns zwar an Konflikte, z.B. die Trennung von Belgien um 1830 und die Konflikte in den Kolonien, gewöhnt, aber ein faktischer Nationaler Krieg war bis 1940 aus dem niederländischen Kollektivgedächtnis verbannt und deswegen schlicht unvorstellbar!

Die Kriegsjahre haben dazu geführt, dass man sich unausweichlich mit dringendsten moralischen Fragen auseinander gesetzt hat, die man an die Erfahrungen von damals knüpfte und bis heute knüpft. Diese Auseinandersetzung geschieht manchmal auf eine ‚einhämmernde‘ Art, die den Leser zum Nachdenken zwingt, ja sogar zu einer Stellungnahme auffordert. Ich nenne als Beispiel den Roman Die Dunkelkammer von Damokles von Willem Frederik Hermans, der vor kurzem erst ins Deutsche übersetzt wurde: ein Buch, das den Leser in Zweifel und Verwirrung versetzt.

Mit fortschreitender Zeit kam auch die Nachkriegsgeneration, die viel weniger mit dem Zweiten Weltkrieg verband, mehr und mehr zum Zuge. Diese Generation hatte andere Probleme und einen anderen Hintergrund. Die sechziger und siebziger Jahre verfehlten ihre Auswirkung nicht. Ich nenne die sexuelle Revolution, die unverkennbar festgehalten wird in den Romanen von Jan Wolkers, einem der größten niederländischen Schriftsteller. Später entstand eine Erzähler-Generation, die viel epischer als sachlicher eingestellt war. Und dann entwickelte sich der sogenannte Autobiographismus zu einem Genre in den Niederlanden, das von vielen gelesen und noch mehr gepriesen wurde. Viele Schriftsteller vertrauten auf literarische Weise ihr eigenes Leben und Denken den Lesern zur Beurteilung an.

Auch Marcel Möring kann man dem Kreis von „Autobiographisten“ zuordnen. Im Spiegel beispielhafter Familiengeschichten erzählt er von den Nachwirkungen von Holocaust und Krieg, von christlicher und jüdischer Kultur und von nationaler und europäischer Identität.

Es ist interessant zu sehen, wie manche Schriftsteller nicht so sehr die große Außenwelt, sondern eher ihr eigenes Leben in ihrem Werk thematisieren. Dies gibt den Lesern Halt. Literatur ist fiktionalisierte Geschichte – aber auch eine Weise, sich selbst zu betrachten, zu erkennen und zu analysieren. Die scheinbare Alltäglichkeit spielt hierbei eine bedeutsame Rolle, denn die einfach erscheinenden Themen, wie Liebe und Tod, Einsamkeit und Zweifel, bleiben, in welcher Mischung auch immer, die elementaren Motive der Literatur.

Das gilt sowohl für die deutsche als auch für die niederländische Literatur, und ich bin froh, dass in Deutschland so viele unserer bekannten Schriftsteller gelesen und, ich sage das hinter vorgehaltener Hand, auch verkauft werden (ich meine natürlich die Bücher). Wenn ich hier für die Niederländische Literatur ein wenig werben möchte, so geht es nicht so sehr um die merkantilen Aspekte, sondern vielmehr um die kulturellen, genauer gesagt: um die literarischen Beziehungen, die eine Rolle in dem breiten Spektrum deutsch-niederländischer Zusammenarbeit spielen. Gerade in der Literatur geht es darum, zwischenmenschliche Bande zu schmieden – auch diesseits und jenseits der Flüsse Maas und Rhein.

Ich hoffe, dass wir weiterhin im deutsch-niederländischen Literatur-Dialog bleiben werden, weil der Dialog neben der Vernunft das wichtigste Phänomen der menschlichen Kommunikation ist. Und nicht nur das: Dialog und Vernunft bilden auch den Kern zwischenstaatlicher Beziehungen. Wenn wir taub sind für einander, sind wir direkt in Gefahr, Fehler zu begehen. Wir sind in Gefahr, in Opportunismus abzusinken, oder sogar in Gefahr, zum Scharlatan zu werden. Ohne Dialog gibt es keine wesentliche Bezogenheit. Man sollte sich mit dem Nobelpreisträger Elie Wiesel fragen, welchen Vorteil der Mensch ohne dieses Aufeinander-Bezogensein von all seinem Besitz hat, für den er sich anstrengt unter der Sonne. Eine Generation geht, eine andere kommt. Auch der Dialog kommt und geht; bloß die Erde, so Wiesel, steht mehr oder weniger in Ewigkeit. Elie Wiesel fährt fort:

„Die Sonne, die aufging und wieder unterging, atemlos jagt sie zurück an den Ort, wo sie wieder aufgeht. Er weht nach Süden, dreht nach Norden, dreht, dreht, weht, der Wind. Alle Flüsse fließen ins Meer, und das Meer wird nicht voll.
Zu dem Ort, wo die Flüsse entspringen, kehren sie zurück, um wieder zu entspringen“.

Alle Dinge sind also rastlos tätig, kein Mensch kann alles ausdrücken, nie wird ein Auge satt, wenn es beobachten möchte, nie wird ein Ohr vom Hören voll, wenn es hören möchte!

Im Sinne dieses Dialogs freue ich mich besonders, dass mein Landsmann Marcel Möring, einer der bedeutendsten niederländischen Erzähler seiner Generation, im Rahmen der Konferenz gelesen und einen Ausschnitt aus seinem Roman Mendel für diesen Sammelband zur Verfügung gestellt hat. Dem Sammelband wünsche ich viele interessierte Leser und eine weitreichende Resonanz im deutsch-niederländischen Dialog.

Schluss mit „nie davon gehört“. Die niederländische Literatur in Deutschland
Lut Missinne

[...]

1988 schrieb Marjolein de Vos im niederländischen NRC-Handelsblad einen Artikel mit anklagendem Unterton und mit dem Titel ‚Het buitenland leest ons niet graag‘ (‚Das Ausland liest uns nicht gerne‘). Die Rezensentin hatte mit dem Suhrkamp Verlag telefoniert und dort gehört, dass der Verkauf niederländischer Titel (mit Ausnahme von Renate Rubinstein und Cees Nooteboom) mäßig bis sehr mäßig voran ging. Bei einer Umfrage bei anderen Verlagen stellte sich heraus, dass es dort nicht wesentlich anders war. Die Bücher erhielten zwar gute Kritiken (so schrieb die Neue Zürcher Zeitung, dass Versunkenes Rot von Jeroen Brouwers eines der wichtigsten Werke der Gegenwartsliteratur sei); trotzdem kaufte der Buchhandel die Bücher kaum an. In einer Analyse desselben Problems schrieb Alexander von Bormann ein Jahr später (1989) einen Artikel mit dem Titel Nie gehört! Zur Nicht-Öffentlichkeit der niederländischen Literatur in Deutschland. Nach einer beeindruckenden Aufzählung von mehr als sechzig übersetzten Autoren kam er zu folgender Analyse:

„Wenn es also nicht an der Produktion liegt (wie bemerkt, werden vie-le Autoren übersetzt) und auch nicht an der Distribution (es sind in der Mehrzahl doch bekannte Verlage), bleibt also, literatursoziologisch gesprochen, nur die Rezeption übrig“.

Er kam zu dem Schluss, dass es einen Mangel an product managment gebe.

„Soll sie als niederländische Literatur, also als Zusammenhang oder Ausdruck einer Kulturszene oder gar einer kulturellen Identität wahrgenommen werden, so muss sie auch entsprechend angeboten, das heißt ins Bewußtsein gerückt werden“ .

Dies ist eine zutreffende Analyse der Situation in den achtziger Jahren. Es wurden zwar Autoren aus dem Niederländischen übersetzt, aber bis auf einzelne wenige Erfolge fehlte der damaligen Übersetzungspolitik eine Struktur. Das änderte sich allerdings in den neunziger Jahren. Ein wichtiges Ereignis diesbezüglich war die Frankfurter Buchmesse, die 1993 mit dem Schwerpunkt Niederlande und Flandern stattfand. Trotz aller Probleme bei der Vorbereitung und trotz Reibereien zwischen niederländischen und flämischen Organisatoren ist die Buchmesse für die niederländische Literatur ein Erfolg geworden. In diesem Jahr wurden um die 70 belletristische Titel ins Deutsche übersetzt. Das ist für eine verhältnismäßig kleine Literaturszene wie die niederländische eine beeindruckende Anzahl, besonders wenn man bedenkt, dass auf dem niederländischen Markt im Durchschnitt zwischen 250 und 300 neue Romantitel herausgebracht werden.

[...]

Auszug aus dem Roman Mendel
Marcel Möring

[...]

„Du bist der Stammhalter“, hatte sein Großvater vor langer Zeit gesagt. Er hat-te gefragt, was das bedeute. „Wenn du keine Kinder bekommst, stirbt der Na-me Adenauer aus. Du bist der letzte Jude, der Adenauer heißt.“ Er fragte, ob es denn auch Leute gebe, die Adenauer hießen und keine Juden seien. Sein Großvater hatte genickt. „Ursprünglich ist es nicht einmal ein jüdischer Name“, sagte er. „Die Deutschen haben einen Kanzler gehabt, der Adenauer hieß.“ Wie üblich folgte eine Geschichte. Es gebe zwei mögliche Erklärungen für diesen bizarren Namen. Die erste: Eine entfernte Vorfahrin habe einen Deutschen namens Adenauer geheiratet, ohne ihren eigenen Glauben untreu zu werden. Die zweite Erklärung, sein Großvater hatte eine geheimnisvolle Miene dazu gemacht, sei eine Familienüberlieferung. „Stell dir vor, irgendwo im Osten, in einem kleinen Dorf, eine jüdische Familie. Sagen wir: in Polen oder in Russland. Es ist kurz, nachdem die Franzosen dort ihr Recht und ihre Verwaltung hinterlassen haben. Ein Beamter erscheint an der Tür des Häuschens, in dem diese jüdische Familie wohnt, und sagt, die Zeit sei gekommen, da jeder einen festen Nachnamen haben müsse. Es gibt einige in dem Moment, die denken, das sei eine Modelaune, die sich darüber lustig machen und sich Nacktgeboren oder Immervoll nennen. Unser Vorfahre jedoch hört den Beamten an und sagt, er sei der Sohn von Aron und jeder wisse das und ... Der Beamte, der bereits fünfzehn polnische Scherzbolde aufgesucht hat, ist ungeduldig. Er schüttelt den Kopf. Er sagt: ‚Nein, blöder Jude, einen Nachnamen sollst du dir ausdenken, und wenn du dich nicht beeilst, dann fliegst du in den Bau.‘ Unser Vorfahre hat früher bereits Bekanntschaft mit der Ungeduld der Polen gemacht. Aus Angst und Entsetzen hebt er die Hände gen Him-mel und ruft den Herrn der Welten an: ‚Adonai!‘ Der Beamte greift zu seinem Bleistift und notiert einen neuen Nachnamen.“ Sein Großvater hatte dabei gelacht. Die Vorstellung, daß dieser merkwürdige Name aus dem Munde von jemandem gekommen war, der in seiner Not Gott anrief, gefiel ihm sehr.

[...]

Abdruck des vorliegenden Textausausschnitts aus: Marcel Möring: Mendel. Roman. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. © Luchterhand Literaturverlag, München 2003. Nachdruck in M. Braun / B. Lermen (Hrsg.): Begegnung mit dem Nachbarn (II.): Niederländische Gegenwartsliteratur. Eine Reihe der Konrad-Adenauer-Stiftung. Bornheim 2003, mit freundlicher Genehmigung des Luchterhand Literat urverlags.

Bestelladresse:

Birgitt Scheja
Konrad-Adenauer-Stiftung
Rathausallee 12
Tel.: ++49 (0)2241-246-299 (9-12 Uhr)
E-Mail: birgitt.scheja@kas.de