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Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi: „Ich kämpfe weiter!“

von Oliver Ernst
Dass die iranische Anwältin, Frauen- und Menschenrechtlerin Shirin Ebadi noch lebt, das kommt vielen im Iran wie ein Wunder vor, gehört sie doch zu den profiliertesten Gegnern der Regierung Ahmadinedschad und zu den vehementesten Verteidigern der Menschenrechte in der Islamischen Republik. In Teheran leitet sie das Zentrum für die Verteidigung der Menschenrechte im Iran und unter Gefährdung ihres eigenen Lebens verteidigt sie als Anwältin Oppositionelle, religiös verfolgte Baha’i und Menschenrechtler, die weniger prominent sind als sie selbst und daher weniger internationalen Schutz genießen.

Als sie im Oktober 2003 als erste Iranerin den Friedensnobelpreis für ihren Einsatz um Demokratie und Menschenrechte im Iran erhielt, da setzte sich der damalige Reformpräsident Chatami persönlich beim Religiösen Führer Chamenei für den Schutz von Shirin Ebadi ein. Dennoch kann sie heute, in einer Zeit, in der viele hochrangige politische Mitstreiter von Chatami in Haft genommen und in Massenprozessen gedemütigt werden, vor Verfolgung nicht sicher sein. Es war daher ein glücklicher Zufall, dass sie am Tag vor den iranischen Präsidentschaftswahlen zu einer Menschenrechtskonferenz nach Madrid reiste und sich seitdem im Ausland aufhält.

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Shirin Ebadi (r.) fordert die internationale Gemeinschaft zur Unterstützung von Menschenrechten und Demokratie im Iran auf. Foto: Dr. Oliver Ernst

Derzeit ist sie im „Exil“ in der Hansestadt Hamburg, einer Stadt mit einer traditionell großen iranischen Gemeinde. Am gestrigen Montag stellte sie vor über 300 iranischen und deutschen Zuhörern in der Körber-Stiftung ihre Perspektive für ihren weiteren Einsatz für Menschenrechte vor. Und ihre mutige Botschaft lautet: „Ich lasse mich nicht davon abhalten, mich zu engagieren!“

In etwa zwei Monaten möchte Shirin Ebadi in ihre iranische Heimat zurückkehren. Dort geht derweil laut Ebadi der Widerstand weiter: „Mütter von Verhafteten und Verschwundenen versammeln sich schwarz gekleidet und schweigend im Park.“ Andere Frauen sammeln sich ebenfalls schweigend um diese Gruppe herum, um ihre Solidarität zu zeigen. Inzwischen hat sich der Protest gegen die anhaltenden Menschenrechtsverletzungen durch die Gründung eines Komitees der trauernden Mütter institutionalisiert. Auch im Ausland, in Köln, in Italien, England, sogar in Südkorea schließen sich Menschen diesen Protesten an.

Für Shirin Ebadi ist das Engagement der internationalen Gemeinschaft sehr wichtig: „Das Gesicht abzuwenden hilft nicht – ich glaube an den Dialog, selbst mit Ahmadinedschad!“ Doch Ebadi kritisiert, dass in den letzten Jahren nur über das Nuklearprogramm des Iran geredet worden sei: „Bitte sprechen Sie über Demokratie und Menschenrechte! Dies sind universelle Werte und es ist keine Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Iran. So wie der Iran über die Menschenrechte in Afghanistan und Palästina spricht, so muss der Westen mit dem Iran über Menschenrechte und Demokratie im Iran sprechen.“

Das aktuelle Thema verschärfter Sanktionen beurteilt die Friedensnobelpreisträgerin differenziert: „Mit wirtschaftlichen Sanktionen gegen Iran oder mit einem Angriff bin ich nicht einverstanden, aber die iranische Regierung sollte mit politischen Sanktionen zur Achtung der Menschenrechte gezwungen werden. Wenn zum Beispiel sämtliche europäische Botschafter zurückgezogen würden, dann würde dies die iranische Regierung isolieren. An Regierungsmitglieder oberhalb der Staatssekretärsebene sollten keine Visa mehr vergeben werden. Durch die politischen Sanktionen würde der Riss in der Regierung größer werden, weil die Menschen sehen würden, dass es so nicht weiter gehen kann. Da die politischen Sanktionen – im Gegensatz zu wirtschaftlichen Sanktionen – der Bevölkerung nicht schaden würden, würden die Menschen im Iran auch den Westen positiver sehen,“ so Ebadi.

Ihrer baldigen Rückkehr in den Iran sieht Shirin Ebadi mit sehr gemischten Gefühlen entgegen: „Druck auf mich ist nichts Neues. Alle Verteidiger der Menschenrechte im Iran sind in einer sehr schwierigen Situation. So wurde der Gründer des Menschenrechtsvereins in (Iranisch-)Kurdistan, Mohammad Sadigh Kaboodvand, zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Er sitzt seit zwei Jahren diese Strafe ab. Dennoch: wenn ich hier alle meine Reden gehalten habe, werde ich in den Iran zurückkehren. Ich werde in den Iran zurückgehen, weil meine Kollegen und Landsleute mich dort brauchen!“