Einzeltitel

Norbert Gstrein - Literaturpreisträger 2001

von Jorge Semprún
neu erschienen in: Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 1993 - 2002
Laudation: Jorge Semprún

Wunder und Geheimnisse des Alltags

Laudatio auf Norbert Gstrein

1918, aus Cambridge zurückgekehrt, schreibt der Philosoph das Vorwort zu seinem Buch. Wir befinden uns in Wien. Nach jedem Weltkrieg ist Wien gar nicht so übel, auch in Wien regt sich was.

Der Philosoph heißt Wittgenstein. Und er beendet also das Vorwort zu seinem Buch. In Wien, im Jahre 1918, und er sagt: „Dagegen scheint mir die Wahrheit des hier mitgeteilten Gedankens unantastbar und definitiv." Und weiter heißt es: „Ich bin also der Meinung, die Probleme im wesentlichen endgültig gelöst zu haben." Datiert Wien, 1918, und unterzeichnet mit zwei Initialien, die zweite für den bereits erwähnten Namen Wittgenstein, die erste für Ludwig. Er wäre in der Tat keine üble Romanfigur, dieser von seinem Wissen, der unantastbaren und endgültigen Wahrheit seiner Gedanken so überzeugte Philosoph. Er schreibt das Vorwort zu seiner „Logisch-philosophischen Abhandlung", die später, seltsamerweise, überall unter einem lateinischen Titel, Tractatus logicophilosophicus, erscheint, vielleicht in Erinnerung an Baruch Spinoza oder aus Sehnsucht nach einer Weltsprache.

Aber mit diesem Vorwort, mit der Abhandlung, die es eröffnet, will ich mich heute nicht beschäftigen. Heute will ich nur einen Satz des Wittgen-steinschen Traktats erwähnen. Den Satz - siebenter und letzter in der Reihenfolge der Hauptsätze der Abhandlung -, in dem es kategorisch heißt:

„Wovon man nicht reden kann, darüber muß man schweigen."

Mit diesem einzigen Satz wäre hier theoretisch nicht nur eine „unantastbare" und „definitive" Wahrheit ausgesprochen, sondern auch eine praktische, eine soziale Praxis gefordert und angekündigt und dann vielleicht sogar verwirklicht worden, hätten wir - oder, genauer gesagt, hätte er, Ludwig Wittgenstein - mit einem einzigen Schlag die ganze Literatur vernichtet, zur Nichtigkeit verbannt. Ist die Literatur nicht eben der Versuch, die Lust, sogar die Leidenschaft, über das Verschwiegene, das Verdrängte, das Unsagbare zu reden und zu schreiben? Wovon man nicht reden kann, weil es verboten oder verdrängt ist, weil es nicht zur Rede kommt, nicht in Rede steht, darüber muß man schreiben. Darüber darf man überhaupt nicht schweigen.

Ich weiß natürlich nicht, was der österreichische Schriftsteller Norbert Gstrein über diesen Satz Wittgensteins sagen würde. Obwohl er auch Logik und Mathematik studierte, scheint mir Norbert Gstrein nicht so schneidend und entschieden im Bezug auf die Unantastbarkeit oder die Endgültigkeit seiner Gedanken zu sein.

Darüber, über diesen Satz Wittgensteins, möchte Gstrein vielleicht einfach schweigen. Es scheint mir aber, daß seine Literatur einen Kommentar dazu darstellt. Seine Bücher sind eine Antwort darauf.

Vor einigen Monaten hat Norbert Gstrein in einem Zeitungsgespräch gesagt - über W.G. Sebalds Buch Die Ausgewanderten sprechend -, daß dieser eine richtige Sprache für das Thema Exil gefunden habe: „Eine Sprache für den Verlust und das Verschwinden." Die Erfindung und Ausarbeitung einer solchen Sprache für den Verlust und das Verschwinden - diejenigen, die Wittgenstein nämlich zum Schweigen verurteilt - scheint mir die erste und ernsteste Aufgabe zu sein (oder das Vergnügen: Bei den großen Dichtem sind Aufgaben und Vergnügen immer eng verbunden), die sich Norbert Gstrein ausgesucht hat.

Seit den ersten Erzählungen, Einer (1988) und Anderntags (1989), ist diese Sprache am Werk, zerstört diese Sprache Gstreins die konventionellen Redensarten und Sprachroutinen, um alles, was zum Schweigen - also zum Verlust und zum Verschwinden - verurteilt schien, im fabelhaften Eicht des Ausgesprochenen darzustellen, wenn es auch, möglicherweise, ein zweideutiges, sogar zwiespältiges Eicht bleibt.

In seinen ersten Erzählungen hat Norbert Gstrein die Wunder und die Geheimnisse des Alltags erforscht und herausragend beschrieben. Die Wunden des Alltags auch, selbstverständlich. Gibt es Wunder ohne Wunden? Es hat den schweigenden Außenseitern der österreichischen Dorf- und Berggemeinschaften zur Sprache verholten, sie vor dem Verlust und Verschwinden gerettet. Und sie, trotz der innerlichen - scharfen und zarten - Kritik, gerechtfertigt, was wahrscheinlich noch wichtiger ist.

Mit dem Roman Die englischen Jahre (1999) vollzieht sich im Werk Gstreins eine Wende. Kein Bruch, sicher nicht. Aber eine Erweiterung, eine Vertiefung der Themen. Darüber hat er in einem Gespräch gesagt: „Es gab eine Zeit, in der über den Holocaust geschwiegen wurde, und es gab eine Zeit, oder: es gibt sie immer noch, in der man dieses Thema schlagartig verredet hat. Vielleicht ist es jetzt erst möglich, einen Weg zu finden, sich damit auf angemessene Weise zu beschäftigen."

Es wäre wirklich schön, wirklich ermutigend, wenn in der deutschsprachigen Eiteratur dieser neue Weg eröffnet und beschritten würde. Ich hoffe, vermute sogar, daß Norbert Gstreins Englische Jahre ein Zeichen davon und dafür sein werden. Wir befinden uns nämlich in einer besonderen historischen Situation. Bald, spätestens in einigen wenigen Jahren, gibt es keine Zeugen mehr. Keine lebendigen Zeugen. Niemand mehr will Rauch und Geruch des Krematoriums als persönliche Erinnerung, als inneres Erlebnis beibehalten. Niemand mehr will also von den Lagern wissen. Ich meine: mit Fleisch und Blut wissen.

Das ist natürlich nichts Neues. Immer schon ist Gedächtnis Geschichte geworden. Das Sonderbare, das Eigenartige ist nur, daß diese historisch banale Erfahrung uns betrifft. Daß wir - unsere Generation und diejenige unserer Söhne und Enkel - es erleben müssen. Darum wäre es schön, wenn Erzählungen, Romane, Theaterstücke, Musikwerke und andere ästhetische Erfindungen den Platz der Zeugnisse einnähmen. Wir brauchen jetzt junge Schriftsteller, die das Gedächtnis der Zeugen, das Autobiographische der Zeugnisse, mutig entweihen. Jetzt können und sollen Gedächtnis und Zeugnis Literatur werden. Jetzt sollte man wie der französische Schriftsteller Boris Vian sagen dürfen: „In diesem Buch ist alles wahr, weil ich es erfunden habe."

Zum Schluß kehre ich zu Wittgensteins Traktat zurück. Aber nicht deshalb, weil ich mit Wittgenstein eine persönliche Rechnung offen hätte. Es handelt sich nur um eine philosophische Frage. Im Tractatus schrieb er nämlich: „Der Tod ist kein Ereignis des Lebens, den Tod erlebt man nicht." Ich kannte diesen Satz schon vor meinen Erfahrungen im KZ Buchenwald. Bereits damals habe ich diese Aussage als oberflächlich bezeichnet. Natürlich kann der Tod kein Ereignis des Lebens sein, auch keine Erfahrung des reinen Bewußtseins: Er wird stets eine vermittelte, begriffliche Erfahrung sein, die Erfahrung einer praktischen, gesellschaftlichen Tatsache. Doch hinter dieser äußerst dürftigen Evidenz verbirgt sich nur eine tautologische Banalität. Eigentlich müßte Wittgensteins Satzstrenggenommen so lauten: „Mein Tod ist kein Ereignis meines Lebens. Meinen Tod erlebe ich nicht."

Später, im KZ, bestätigte sich dieser Satz, als ich den Tod der anderen -von Kumpeln oder Unbekannten - als persönliches Erlebnis erfuhr: als unser Mitsein-zum-Tode zum tiefsten und innigsten Erlebnis jener Zeit wurde, da gelang es mir, mit der Oberflächlichkeit von Wittgensteins Satz fertig zu werden.

Norbert Gstrein ist 1961 geboren: Mit jenem Tod, mit jenem Mitsein-zum-Tode des nazistischen Lagers hat er nichts zu tun. Trotzdem schreibt er in Selbstportrait mit einer Toten (200), einer Erzählung, die so eng mit dem Roman Die englischen Jahre verbunden ist (und es geht um die Figur des Schriftsteller, dieses redenden und schweigenden und wütenden und verwunderten Max, eines Doppelgängers vielleicht, aber nicht nur Gstreins:

Doppelgänger aller Schriftsteller) - trotzdem heißt es da: „als gebe es noch eine andere Gemeinschaft für ihn als die der Überlebenden".

Und das stimmt: Überlebende sind wir. Überlebende sind alle wahren Schriftsteller. Das Schweigen und den Verlust und das Verschwinden haben wir überlebt. Darum, obwohl Norbert Gstrein mit unserer Vergangenheit nichts oder nicht viel zu tun hat, hat er alles zu tun mit unserer Zukunft. Wir warten auf seine neuen Bücher. Ich erwarte sie.