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Papstbesuch in der römischen Synagoge

Papst Benedikt XVI. hat am Sonntag, 17. Januar 2010, die Hauptsynagoge von Rom besucht, die etwa zwei Kilometer vom Vatikan entfernt am Tiberufer liegt. Dabei stellte er sich zwar eindeutig hinter die Dialog-Initiativen seiner Vorgänger, vor allem des polnischen Papstes Johannes Paul II.: Dieser war der erste Petrusnachfolger der Neuzeit gewesen, der 1986 diese Synagoge aufsuchte und der wenige Jahre später diplomatische Beziehungen mit dem Staat Israel aufnahm. Benedikt vermied aber – sowohl inhaltlich wie formal – weiterführende Gesten.

Der deutsche Pontifex, der als Kardinal noch bewegende Worte zum Judentum gefunden hat und der auch jüdische Rabbiner zu seinen Freunden zählt, wirkte höflich-geschäftsmäßig und ließ sich nicht auf emotionale Töne ein; im Vatikan überwog nach der Visite die interne Einschätzung: „Er wollte diesmal keine Fehler machen.“ Der Besuch bei der ältesten jüdischen Gemeinde des Westens, die auch über eine eigene Liturgie verfügt, fand unter starken Sicherheitsvorkehrungen statt. Vor dem Betreten der Synagoge legte Benedikt, der u.a. vom deutschen Kurienkardinal Walter Kasper und dem deutschen Verantwortlichen für die Vatikankontakte zum Judentum, Salesianerpater Norbert Hofmann, begleitet wurde, im römischen Ghetto einen Kranz nieder für die Menschen, die von hier aus in Nazi-Vernichtungslager abtransportiert wurden.

Der römische Oberrabbiner Riccardo Di Segni wies darauf hin, dass der neuere Dialog mit dem Judentum eine Frucht des Zweiten Vatikanischen Konzils sei. Das Konzil dürfe nicht in Frage gestellt werden, meinte er mit einer deutlichen Anspielung auf die von der katholischen Kirche abgespaltene Piusbruderschaft. Ein Bischof dieser traditionalistischen, vom verstorbenen französischen Erzbischof Marcel Lefebvre gegründeten Bruderschaft hatte in einem im Januar 2009 veröffentlichten Interview den Holocaust geleugnet. Weil die Veröffentlichung dieses Gesprächs zeitlich mit Anstrengungen des Papstes zusammenfiel, einen Dialog mit dieser Rechtsaußen-Gruppe (die etwa in Frankreich eng mit dem „Front National“ verwoben ist) zustande zu bringen, kam es zu einem Sturm der Entrüstung, der das christlich-jüdische Gespräch nachhaltig in Mitleidenschaft gezogen hat. An dem Ereignis in der römischen Synagoge nahmen auch islamische Gäste teil; aus Jerusalem waren der Lateinische Patriarch Fouad Twal und Israels Vize-Regierungschef Silvan Shalom angereist. In dem jüdischen Gebetshaus am Tiberufer hatten außerdem viele Überlebende des Holocaust Platz gefunden: Eines der eindringlichsten Bilder der Visite war der Moment, als sich der Papst bei der Nennung der Holocaust-Überlebenden spontan von seinem Sitz erhob.

Di Segni erinnerte in seiner Rede an den Papst auch daran, dass Johannes Paul 1986 die Juden als „ältere Brüder“ der Christen ansprochen habe. Nun gebe es im Buch Genesis allerdings viele Brüdergeschichten, so der Oberrabbiner: „Die erste ist die von Kain und Abel, sie geht übel aus... Wenn wir Brüder sind, dann müssen wir uns ehrlich fragen: An welchem Punkt stehen wir auf unserem Weg, und wieviel trennt uns noch von einem echten Verhältnis der Brüderlichkeit und des Verständnisses? Was müssen wir tun, um dahin zu kommen?“

Papst Benedikt hielt ein klares Plädoyer für eine Fortsetzung des katholisch-jüdischen Dialogs - trotz aller Irritationen, von denen die Piusbrüder-Angelegenheit in seinem Pontifikat nicht die einzige ist. Das letzte Konzil sei, sagte Benedikt, „ein fester Bezugspunkt, auf den man sich in der Haltung und den Beziehungen zum jüdischen Volk ständig orientieren kann. Es bedeutete eine neue, wichtige Etappe.“ Der Oberrabbiner zeigte sich in einer ersten Reaktion nach dem Papstbesuch sehr dankbar für diese Passage in Benedikts Redetext. Der Papst hob außerdem die Einzigartigkeit des Holocaust hervor, ohne allerdings die genaue Zahl der jüdischen Holocaust-Opfer zu nennen; für dieselbe Unterlassung war er bei seiner ersten Auslandsreise nach seiner Papstwahl, die ihn 2006 nach Polen und dort auch in das frühere Nazi-Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau führte, von den Medien noch heftig getadelt worden. Den Namen des Staates Israel, welchen er im Mai 2009 besucht hatte, erwähnte er in seiner sehr theologisch angelegten Rede nicht.

Ausdrücklich lobte das Kirchenoberhaupt Initiativen des Vatikans zur Judenrettung in Zeiten des Holocaust: „Leider blieben viele gleichgültig – aber viele, auch unter Italiens Katholiken..., haben doch mutig reagiert und die Arme geöffnet, um Juden zu helfen, wobei sie oft ihr eigenes Leben riskiert haben... Auch der Heilige Stuhl leistete damals ein Werk der Hilfe, oft verborgen und diskret.“ Auf die Polemik um Pius XII., dem vielfach sein öffentliches „Schweigen“ zum Holocaust vorgeworfen wird, für den aber derzeit auch mit guten Erfolgsaussichten ein Seligsprechungs-Verfahren läuft, ging Benedikt nicht direkt ein.

Dabei hatte einer seiner Vorredner, der Präsident der jüdischen Gemeinde von Rom Riccardo Pacifici, diesen heiklen Punkt ausdrücklich angesprochen: In ganz Europa hätten zur Nazizeit Kirchenleute „ihr Leben riskiert, um Tausende von Juden vor dem sicheren Tod zu retten“, so Pacifici. „Darum schmerzt das Schweigen von Pius XII. zur Shoah noch wie ein Versagen. Vielleicht hätte er die Todeszüge nicht stoppen können – aber er hätte ein Signal, ein Wort des Trostes, der menschlichen Solidarität geben können für unsere Brüder, die nach Auschwitz transportiert wurden!“ Intern zeigten sich im Vatikan einige irritiert über diese als Störfeuer empfundene Äußerung; es sei doch vorab klar verabredet worden, den Seligsprechungsprozeß für Pius XII., der eine rein kircheninterne Angelegenheit sei, beim Synagogenbesuch des Papstes nicht anzusprechen. Ein US-Kardinal äußerte bei internen Besprechungen im Vatikan zwei Tage nach dem Synagogen-Ereignis: „Mich hat noch nie ein Jude auf Pius XII. angesprochen – noch nie!“

Tatsächlich bestimmte das Schweigen Benedikts zu Pius Teile der Berichterstattung und Bewertung seines Synagogenbesuchs in den Stunden und Tagen danach. „Dass es von Papstseite in diesem Sinne keine Selbstkritik und keine Problematisierung der Situation gab, das hat doch sehr viele Leute enttäuscht“, meint der Schweizer Jesuit Christian Rutishauser, der an der Päpstlichen Hochschule Gregoriana in Rom Jüdische Studien lehrt. „Gerade in der Angelegenheit Pius XII.“ hätten viele „wirklich erwartet, dass ein Wort gesagt wurde – es ging nicht um eine große Entschuldigung, aber um eine Problematisierung.“ Benedikts Schweigen zu diesem Punkt habe in der Synagoge zu „Kopfschütteln“ und „eindeutigem Unbehagen“ geführt.

Entsprechend gemischt fielen denn auch die Reaktionen auf die von der Vatikanzeitung „Osservatore Romano“ vorab als „historisch, aber gleichzeitig normal“ apostrophierte Visite aus: „Applaus und Kritik“, titelte die israelische Zeitung „Ha`aretz“ treffend, ansonsten sprachen Israels Medien wenig von dem Ereignis. Immerhin habe der jetzige Papst das, was sein Vorgänger vormachte, nun „institutionalisiert“, meinte der Rabbiner David Rosen, einer der erfahrensten Dialogpartner auf jüdischer Seite. Der Präsident der italienischen Rabbinervereinigung, Giuseppe Laras, sah hingegen „nichts Neues“ und „keinen Grund, der zu mehr Optimismus über unsere Beziehungen verleiten könnte“: Laras war dem Ereignis ferngeblieben. Etwa hundert Lefebvre-Anhänger und Traditionalisten feierten in Verona zeitgleich zu dem römischen Ereignis eine Sühnemesse, um gegen den Papstbesuch in der Synagoge zu protestieren: Der vom Vatikan geführte Dialog sorge schließlich dafür, „dass die Nichtkatholiken in ihren Irrtümern verharren“.

„An die Kritiken und Spaltungen vor dem Besuch wird man in Zukunft nicht mehr denken, sie sind unwesentlich“, schreibt die Historikerin Anna Foa im Leitartikel der „Pagine Ebraiche“, zu deutsch „Jüdische Seiten“. Viel sei erreicht worden: klare Bekenntnisse zum Dialog von jüdischer Seite, „ein klares Bekenntnis des Papstes zum Konzil und zur engen Verbindung zwischen Christen und Juden“. All dies bedeute, „dass die Blicke sich nun nach vorne richten“.

Dort waren die Blicke allerdings schon vor dem Besuch Benedikts in der römischen Synagoge. Kein Zweifel: Mit seiner Visite im jüdischen Gebetshaus zementiert der Papst die dialogbereite Linie des Vatikans gegenüber dem Judentum; das nimmt die ganze Kurie und auch seine Nachfolger in die Pflicht. Dennoch hat der Besuch auch deutlich gemacht, wieviel Konfliktpotential, untergründige Spannung und Unverständnis das katholisch-jüdische Gespräch weiterhin aufweisen. Und nicht zum ersten Mal hat Benedikt XVI. Gesten, die von seinem Vorgänger Johannes Paul gesetzt wurden und zu ihrer Zeit prophetisch wirkten, lediglich wiederholt – scheinbar ohne den Versuch, sie in irgendeiner Hinsicht zu übertreffen.