Einzeltitel

Und wieder ein nächstes Kapitel

von Michael Braun
Neuerscheinungen von Literaturpreisträgern der Konrad-Adenauer-Stiftung zur Frankfurter Buchmesse 2018
Wie politisch ist die Literatur? Nobelpreisträger Günter Grass war das Wort vom „politischen Dichter“ ein Graus: das Beiwort sei unnötig, das wäre so, als redete man von einem „katholischen Radfahrer“. Natürlich: Wo kämen wir hin, wenn Autoren nur für eine Partei denken würden? Die meisten unter ihnen halten es mit Norbert Lammerts Wort: „Wir denken selbst“. Auch die Frankfurter Buchmesse gibt sich 2018 politisch.
Ein Stapel mit Büchern
Ein Stapel mit Büchern

Anstelle ihr eigenes Jubiläum, immerhin das 70., zu feiern, würdigt sie das ebenso lange Bestehen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Das Meinungsfreiheitsrecht steht im Mittelpunkt. Da passt es gut, dass Aleida Assmann, die am Sonntag gemeinsam mit ihrem Mann Jan Assmann den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels empfängt, eine alte Idee neu gestaltet hat: „Menschenrechte und Menschenpflichten“ heißt ihr Essay, der die aktuellen Spaltungstheorien durch das Konzept eines Gesellschaftsvertrags zu überwinden sucht, der als transnationale Pflichten unter anderen Solidarität, Bescheidenheit und ziviles, friedliches Miteinander aufzählt. Und was gibt es von den Literaturpreisträgern der Konrad-Adenauer-Stiftung Neues?

Heimkehr mit Hindernissen: Thomas Hürlimanns neuer Roman

Man sehe es den Wegen im Abendlicht an, dass sie Heimwege sind. Thomas Hürlimann hat sich gern auf dieses Wort seines Landsmanns Gottfried Keller berufen. Die „Heimat“ ist eine Schweizer Erfindung, geprägt von denen, die sie außer Landes vermissten. Nun hat Hürlimann (Preisträger der KAS 1997) einen Roman über die „Heimkehr“ geschrieben, nach zwölfjähriger Pause. Einmal abgesehen von den autobiographischen Spuren, die dieser Roman zweifellos hat, ist es ein sehr vielfältiger Roman über Weggehen und Ankommen, über Politik und Kultur, eine Erzählung vom Tod ins Leben, eine Geschichte vom verlorenen Sohn, ein Welttheaterbuch voller karnevalesker Einfälle. Heinrich Übel junior, mit 20 vom Vater, einem Gummifabrikanten, des Hauses verwiesen, ist einer der typischen Hürlimannschen heiter-gelassenen Pannenproduzenten. Er kehrt nach nochmals 20 Jahren zurück, kracht mit seinem Auto auf vereister Brücke ins Geländer und erwacht in Sizilien mit einer odysseischen Narbe auf der Stirn. Ist es ein Tagtraum, politische Realität oder ein Kulturschock, als es ihn nach Afrika und in die ehemalige DDR verschlägt und schließlich wieder in die fremdgewordene Heimat? „Im Abschiedslicht“, heißt es an einer Stelle des Romans, „zeigt sich dir die Welt von ihrer schönsten Seite“.

Wunder des Lesens: Michael Köhlmeier erzählt von „Bruder und Schwester“

Auch Michael Köhlmeier (Preisträger 2017) hat wieder einen Roman geschrieben, umfangreich und ganz auf der Linie eines ebenso fabelfrohen wie geschichtsbewussten Erzählens. „Bruder und Schwester Lenobel“ erzählt im Gewande eines Midlife-Crisis-Romans von der Suche nach dem plötzlich vermissten Robert Lenobel. Der hat eine historisch mehrfach belastete Personalakte: Jude, Wiener, Psychoanalytiker, er ist ein Hochgenie, befreundet mit dem Schriftsteller Sebastian Lukasser, den wir bereits aus Köhlmeiers Roman „Abendland“ kennen. Seine Schwester Jette kommt eigens aus Dublin, um nach dem Verschwundenen zu fahnden. Und so wird der Leser mitgenommen auf eine Reise in die Seelengründe einer europäisch-jüdischen Familie und in die Untiefen der Geschichte, begleitet von Roberts unorthodoxen philosophischen, psychologischen und theologischen Lektüren und einer jeweils den Kapiteln vorangestellten Serie von Märchen, die es an grotesker und grausamer Wahrheit nicht fehlen lassen. Ein von Mythen und Mementos durchtrainierter Roman über die nachmoderne Dynamik von Religion und Psychologie.

Geheimnis des Glaubens: Ralf Rothmanns Roman aus den letzten Kriegsmonaten

Warum hat Ralf Rothmann eigentlich noch nicht den Büchnerpreis bekommen, fragte der Kritiker des „Tagesspiegels“ am 30. Mai. Der Preisträger der Adenauer-Stiftung 2008 knüpft mit „Der Gott jenes Sommers“ an sein neues Erzählprojekt an. Es geht darum, was geschah, kurz bevor der Krieg in Deutschland zu Ende ging. Aber anders als bei Kempowski, Timm und Jirgl konzentriert sich Rothmann auf die Perspektive der verlorenen Unschuld, eine Jugendperspektive, deren Leuchtkraft in dunkler Zeit gebrochen wird. Die Geschichte spielt in Schleswig-Holstein, als Kiel brennt, ausgebombte Rumpffamilien und heimatvertriebene Flüchtlinge auf dem Land zusammentreffen, wo Hunger und Elend herrschen, während es sich die 'Goldfasane' und Nazibonzen gut gehen lassen. Der Erzähler Rothmann schont keine seiner Figuren, die Heldin, die zwölfjährige Luisa schon gar nicht; der Mensch erscheint als „Gott in Trümmern“, wie es in Rothmanns Roman „Stier“ heißt, und der Krieg wird, so kann man die in den Roman eingebaute Chronik des Dreißigjährigen Krieges, der auch ein Glaubenskrieg war, lesen, nicht beendet, sondern mit anderen Mitteln fortgesetzt. Und dennoch gibt es – am religiös sehr musikalischen Ende des Romans – einen Funken Hoffnung auf eine „Welt voller Wohlwollen“. Ralf Rothmann liest am 26.11. auf Einladung der Stiftung an der Universität Bonn in Zusammenarbeit mit dem Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaften.

Dialog mit dem Orient: Michael Kleebergs „Divan“ des 21. Jahrhunderts

Mit seinem „West-östlichen Divan“ ist Goethe ein Pionier des Orients in der europäischen Literatur. Das Orientbild im 21. Jahrhundert hat freilich ein gänzlich anderes Gesicht. Michael Kleeberg hat es in seinem Roman „Der Idiot des 21. Jahrhunderts“, der im Untertitel „Ein Divan“ seinem Ahnherren Tribut zollt, gezeichnet, in zwölf Tableaus, wie bei Goethe. Sie erzählen von einer kämpferisch-humanistischen Gesellschaft zwischen Orient und Okzident pendelnder Menschen, die Gedichte lesen, Privatopern aufführen, Terror- und Kriegsverletzte heilen, Fundamentalismen abwehren, Flüchtlinge aufnehmen und über die Versuche sprechen, Kulturen zu versöhnen, nicht zu spalten. Politisches ist reichlich vorhanden, etwa in der Geschichte eines deutschen Unternehmers im Iran, der durch unglückliche Umstände auf die schwarze Liste der Amerikaner von vermeintlichen Terrorunterstützern gerät und buchstäblich alles verliert. Es gibt Götter, die sprechen, und Epitaphe über Attentatsopfer. Die Formen des Romans sind vielfältig, eine Erzählfantasie in orientalischem Gewand, in der Gewalt neben der Idylle, der Essay neben der Poesie steht, eine „Welt der unaufhebbaren wechselweisen Durchdringung von Ost und West“ (Erhard Schütz). Michael Kleeberg diskutiert seine Thesen mit Martin Mosebach (auch einem Preisträger der Stiftung) auf Einladung von KAS, „Die Zeit“ und Katholischem Medienhaus am 12. Dezember im Bonner Hotel Königshof.

Und die Lyrik? Reiner Kunzes Halten an der Stille

Reiner Kunze ist ein behutsamer Dichter. Kürze und Konzentration sind Kennzeichen seiner Lyrik seit über 60 Jahren. Er findet Halt „an der stille“, so zitiert er sich selbst in der ihm eigentümlichen gemäßigten Kleinschreibung in seinem Lyrikband „die stunde mit dir selbst“. Es ist eine erfüllte Stunde, eine Lektion des Alters und eine Liebeserklärung an die Muttersprache, zu der sich Kunze übrigens in einer bemerkenswerten, in diesem Band mit abgedruckten Rede vor dem Europäischen Parlament bekennt. Die Gedichte haben Reisen zum Anlass, nach Helsinki und in die Ukraine, die Erinnerungslandschaften der Lyrik von Paul Celan und Rose Ausländer. Sie rufen Schneefall und Augustsonne auf. Sie arbeiten sich am digitalen Zeitalter ab mit einer vielleicht etwas zu skeptischen Sicht auf die modernen Medien. Und sie schreiben sich auf den Zerfall der Zeit im hohen Lebensalter zu, wenn oft Schweigen die Antwort ist, ohne der Ehrfurcht vor dem Schönen und dem nicht abnehmenden Staunen über manche Dinge zu weichen. Klarsichtige Gedichte mit leiser Melancholie, konzise Kalenderblätter.

Aleida Assmann: Menschenrechte und Menschenpflichten. Auf der Suche nach einem neuen Gesellschaftsvertrag. Wien: Picus, 2018.

Thomas Hürlimann: Heimkehr. Roman. Frankfurt: S. Fischer, 2018.

Michael Kleeberg: Der Idiot des 21. Jahrhunderts. Ein Divan. Berlin: Galiani, 2018.

Michael Köhlmeier: Bruder und Schwester Lenobel. Roman. München: Hanser, 2018.

Reiner Kunze (kein KAS-Preisträger): die stunde mit dir selbst. Gedichte. Frankfurt: S. Fischer, 2018.

Ralf Rothmann: Der Gott jenes Sommers. Roman. Berlin: Suhrkamp, 2018.

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