Einzeltitel

Zum Tode von Prof. Józef Mirosław Zyciński, Erzbischof von Lublin

Philosophisches und theologisches Begreifen war sein Prinzip und Ziel
Zum Andenken an Erzbischof Zyciński dokumentieren wir in leicht gekürzt und mit Überschriften die Festrede von Pater Prof. Dr. Helmut Juros SDS, dem früheren Rektor der Kardinal Wyszyński Universität Warschau, die er im Rahmen der Festakademie Brücken zur deutsch-polnischen Freundschaft als Baustein der Einheit anlässlich der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft im kath. Studentenverein Markomania und der Überreichung der Georg-von-Hertling-Medaille des Kartellverbandes kath. deutscher Studentenvereine (KV) im Festsaal des historischen Rathauses der Stadt Münster am 5. Mai 2007 gehalten hat.

„Die Zeichen der Hoffnung entdecken“

Philosophisches und theologisches Begreifen war sein Prinzip und Ziel

Festrede für Prof. Józef Mirosław Zyciński, Erzbischof von Lublin

Von Pater Prof. Dr. Helmut Juros SDS, Münster, 5. Mai 2007

Das Leben von Erzbischof Zyciński erscheint gebaut zu sein, wie eine Folge mehrerer Generationen und Stationen. Er ist 1948 in Nowa Wieś bei Piotrków Trybunalski geboren worden, wurde 1972 zum Priester geweiht für die Diözese Tschenstochau und achtzehn Jahre später, 1990, zum Bischof von Tarnów, im südlichen Teil Polens ernannt. Sieben Jahre danach 1997 wurde er Erzbischof von Lublin, einer Stadt im Osten Polens.

Diese Karriere im kirchlichen Dienst hatte Józef Zyciński mit einer ununterbrochenen wissenschaftlichen Arbeit verbunden. Nach dem philosophisch-theologischen Grundstudium, wurde er im Alter von 27 Jahren in Theologie an der Theologischen Fakultät in Krakau 1976 promoviert; vier Jahre später, also 1980 legte er nach einem weiterem Studium im In- und Ausland eine Promotion in Philosophie an der Philosophischen Fakultät der Akademie für Katholische Theologie in Warschau ab. Er folgte einem Ruf nach Krakau und wurde zum Professor an der Päpstlichen Theologischen Akademie in Krakau ernannt, wo er bis heute in kompakten Zeiträumen doziert.

Seitdem er ist Erzbischof von Lublin ist, die Diözese leitet und gestaltet, ist er - weniger qua Amt, sondern als zielbewusster Beauftragter des Papstes - sowohl Großkanzler der Katholischen Universität Lublin (KUL), als auch Professor von deren Philosophischer Fakultät. Mit seinen neuen Denkanstößen und faktisch erhobenen Kohabitationsansprüchen hatte er bereits das traditionsreiche und heute teilweise altgewohnte wissenschaftliche Leben an der KUL erfrischt. Erzbischof Zyciński hat mittlerweile Gastvorlesungen u.a. in Berkeley und Oxford, an den Katholischen Universitäten in Washington und Sydney gehalten und vice versa regelmäßig Gastprofessoren aus dem Ausland nach Lublin geholt. Er ist Doktor honoris causa der Jagiellonen-Universität in Krakau und der Lubliner Landwirtschaftsuniversität; er ist Mitglied der Akademien der Wissenschaften (bzw. dessen Komitees) in Warschau und Wien sowie der Russischen Akademie der Biowissenschaften.

Der profilierteste Intellektuelle im polnischen Episkopat

Prämiert werden sollen heute Leistungen von Erzbischof Józef Zyciński, die sein Ansehen in der Öffentlichkeit gefördert haben. Was auch immer in der Begründung gesagt wird, so gibt die Auszeichnung von heute Anlass, von dem vielseitigen und vielförmigen Professor und Bischof, von dem profiliertesten Intellektuellen im polnischen Episkopat zu sprechen.

Professor Zyciński ist keinesfalls ein Schöngeist. Als Wissenschaftsphilosoph hat er zahlreiche Bücher und Beiträge in deutsch, englisch, französisch, italienisch, spanisch, russisch, slowakisch und ungarisch veröffentlicht. Eine Besprechung der Publikationen wäre ein Thema für sich. Hier und jetzt das zu tun, wäre fehl am Platz. Doch einiges über seine Schriften werde ich doch sagen. Erzbischof Zyciński ist kein verborgener Intellektueller, sondern tief verankert und präsent in der Orts- und Weltkirche. Auf seiner pastoralen und kirchenpolitischen Wirkung liegt kein Schatten des Geheimnisses. Er ist (bzw. war) u.a. Mitglied der Bildungskongregation und des Päpstlichen Rates für Kultur; der Gemeinsamen Arbeitsgruppe der Katholischen Kirche und des Weltkirchenrates (bis 2005); der Glaubenskommission der Polnischen Bischofskonferenz; Vorsitzender des Rates des Laienapostolats im polnischen Episkopat; Mitglied der Gemeinsamen Kommission des Episkopats und der Regierung der Republik Polen.

Einem breiten polnischen Publikum ist er nicht nur als brillanter Prediger, sondern vor allem als Publizist und Essayist bekannt. Gern gelesen ist er als Autor von Texten in der Krakauer Wochenzeitung Tygodnik Powszechny, der Warschauer Tageszeitung Rzeczpospolita und Gazeta Wyborcza. In den Texten schneidet er die Themen scharf zu, greift mit einer Schärfe und Brillanz aktuelle Probleme auf, ohne sie in der Betrachtungsweise zu entsystematisieren, zu „enttotalisieren“, gerade wenn er sich mit weltanschaulichen und ethischen Fragen auseinandersetzt, mit Wertfragen, die heute in den europäischen Gesellschaften und in der europaweiten Politik zum Ausdruck kommen.

Philosophisches und theologisches Begreifen ist sein Prinzip und Ziel. Die Texte bilden eine Flut von Gedanken, eine überquellende Kraft und Stütze für geistig Haltlose, die auf der Sandbank im Meer der Zeit nach festem Halt suchen.

Er tritt auf der Agora, dem „öffentlichen Marktplatzes“ der heutigen Meinungsvielfalt, auf den modernen Areopagen der medialen Öffentlichkeit und öffentlichen Debatte auf, um der Auflösung idealer Prinzipien, Grundwerte und absoluter Normen entgegenzutreten. Vor allem ist er zunächst ein großer unbequemer Fragesteller, um dann erst sich selbst als Antwortgeber auf die denkerischen, gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen zu empfehlen. Es kommt ihm darauf an, seine Leser und Gesprächspartner auf der Basis des Vertrauens zum Nachdenken zu bringen. Sogar für die polnisch Linksliberalen, wie etwa den bekannten Herausgeber der Tageszeitung Gazeta Wyborcza Adam Michnik, ist Bischof Zyciński eine intellektuelle und moralische Autorität, ein großes Symbol für die Verbindung von philosophischer Weisheit und christlichem Mut zum Risiko und zum öffentlichen Bekenntnis. Herausragend ist sein unglaublich sicherer Blick aus der Distanz für moralische Qualität und argumentative Schärfe im öffentlichen Diskurs. Kurzum: Sein Lebenswerk bietet ein Panorama aller großen gesellschaftlichen, akademischen und kirchen-politischen Fragen, die sein Leben bestimmt haben; die in den dunklen Zeiten der kommunistischen Diktatur in Mittel- und Osteuropa für uns wichtig waren und die paradoxerweise weiterhin mutatis mutandis im Aufbauprozess des demokratischen Rechtsstaates und des europäischen Integrationsprozesses relevant geblieben sind. Diese Themen blieben seine Leidenschaft, stets eingebettet in die religiöse, geistige und kulturelle Situation der Zeit.

Wir Katholiken in Polen brauchen seine Gaben

Es macht die Stärke von Erzbischof Zyciński aus, dass er als Philosophieprofessor nie im akademischen Elfenbeinturm dachte. So wie er einst für eine genaue Kenntnis des Marxismus und Kommunismus gesorgt hat, so hat seine Bindung an und nachhaltige Prägung durch die analytische Philosophie dafür gesorgt, dass er immer wieder versuchte, mit einer Präzision, Strenge und Schärfe seines Urteils auf die Kernfragen, die die moderne Gesellschaft und in besonderer Weise die Kirche herausfordern, zu antworten. Erzbischof Zyciński weiß um seine Talente und wir Katholiken in Polen brauchen seine Gaben, diesen Mut in der Kirche zu fördern, dem christlichen Wahrheitszeugnis alles zuzutrauen. Seine große Stärke ist die Fähigkeit, argumentativ zu überzeugen, anspornend zuzustimmen, sanft zu widersprechen und diplomatisch auszusprechen.

Die persönlichen Gespräche mit Józef Zyciński, so wie seine Teilnahme in den öffentlichen Debatten, zeugen von der Tiefe und Weite seines Denkens. Er versucht ständig die aktuellen Probleme und Herausforderungen analytisch aufzusprengen und zugleich kritisch auf die anthropologisch-ethische Mitte hin zu ordnen. Nie hat er dabei seine starken Überzeugungen und exakten Denkrichtungen verschwiegen. Als entschiedener Verfechter intellektueller und moralischer Redlichkeit legte er großen Wert darauf, die diskutierten Sachverhalte im Spannungsfeld von christlichem Glauben, wissenschaftlicher Rationalität und politischem Öffentlichkeitsdiskurs zu klären. Allerdings hat er dabei weder die wissenschaftliche Stringenz und die ethischen Prinzipien als Blockade gegenüber den Denkansätzen der modernen Welt betrachtet, noch die Grundsätze des christlichen Glaubens als Ausrede benutzt. Im Gegenteil, gerade aus diesem Blickwinkel zeigt er besonderes Interesse für Fragen nach der Bedeutung der Religion für die Gesellschaft und den Staat. Darum steht sein Anliegen und Einsatz im pastoralen Dienst unter dem Leitmotiv, den Glauben und die Moral des einzelnen Christen mit dem Sozialen und Politischen in Einklang zu bringen, in der Hoffnung, dass die Gesellschaft und der Staat den inneren Zusammenhalt künftig nicht verlieren. Theoretisch sieht er keinen Widerspruch zwischen Politik und Werten in der Demokratie. Dennoch konnte er manchen politischen Entwicklungen und fragwürdigen Kompromissen nicht zustimmen. Ein Ton von Enttäuschung ist auch bei ihm in der Wendezeit nicht zu überhören. Gerade dann, wenn er als Vertreter der Kirche, der sich ganz für Unabhängigkeit von Staat und Kirche einsetzt, dennoch sich zu politischen Entwicklungen eindeutig äußert.

Das nationale Bewusstsein christianisieren

Erzbischof Zyciński ist – wie ihm die öffentliche Meinung der polnischen Gesellschaft bescheinigt – ein meisterhafter Mittler zwischen Religion/Kirche und Gesellschaft. Unbeirrt und unverdrossen kämpft er einerseits für die Religionsfreiheit in der Öffentlichkeit, andererseits fordert er von den polnischen Gläubigen mehr Mündigkeit und Selbstverantwortung. Mit anderen Worten, anstatt das eigene Christsein der Polen zu nationalisieren, sind sie vielmehr berufen, sein nationales Bewusstsein zu christianisieren. Seine Ausblicke vermitteln den polnischen Christen einen erkenntnistheoretischen Optimismus und zugleich eine praxisfähige Bereitschaft zum Handeln in der Gesellschaft und Kirche. Meisterhaft versteht er, die aktuellen Fragen auf dem Hintergrund der geistig-kulturellen Situation zu sehen und die Antworten in einem Wirklichkeitsbezug neu zu formulieren. Daher konnten viele Menschen von seinen Einsichten und Sichtweisen lernen. Seine Absicht ist, wie ich das sehe, unter den Katholiken in unseren Ländern spirituelle Kräfte zu sammeln und sozial-ethische Haltungen und Kompetenzen zu schärfen. Gerade heute wäre für ihn eine bloße Warnung vor dem Kulturumbruch in der jüdisch-christlichen Tradition Europas und vor einem Verrat der christlichen Werte in unseren Gesellschaften ungenügend.

Das bereits Gesagte, sollte bis jetzt Aufschluss geben, wie ich die Errungenschaften von Erzbischof Zyciński begreife; sollte einen eindrücklichen Nachhall bieten und von seiner Persönlichkeit und seiner Wirkung zeugen. Nachfolgend seien in wenigen unzulänglichen, holzschnittartigen Überlegungen noch weitere Motive und Gründe seiner Ehrung thesenhaft ausgeleuchtet und daraus Ansätze einer Rechtfertigung abgeleitet. Das Bild von Erzbischof Zyciński, das ich bisher gezeichnet habe, sollte nicht zu akademisch sein, wie bei einer Ehrenpromotion, sondern anschaulich darstellen, warum er seiner Auszeichnung würdig ist. Denn dieser Preis signalisiert eine deutliche Entscheidung sowohl für die Wahrnehmung seiner Stimme aus dem Osten Europas, die dem westlichen Europa etwas zu sagen hat, als auch für die Wahrnehmung der christlichen Re-Aktion in Deutschland auf seinen Notruf aus dem Osten zur mehr Solidarität in einem Europa. Dies ist ein guter Ausgangspunkt, um sich der Frage nach der Bedeutung der Auszeichnung am heutigen Tag zu nähern.

Deutsch-polnische Partnerschaft der Kirchen und der Städte

Aus polnischer, östlicher Perspektive hätte der Festakt für Erzbischof Zyciński keinen besseren Hintergrund und aktuelleren Zusammenhang haben können, als selbst die Orts- und Zeitbestimmung dieser Veranstaltung. Es gibt besondere Gründe, seinen Tag gerade jetzt und hier in Münster mitzufeiern. Der Name Zyciński steht für ein langjähriges Programm von Aktivitäten der Städtepartnerschaft zwischen Münster und Lublin, die zugleich Partnerschaft der beiden - deutschen und polnischen - Ortskirchen ist. Als Ikone der Partnerschaft und Solidaritätsaktion mit Polen und Osteuropa überhaupt gilt für die beiden Kirchen pars pro toto die bundesweite Renovabis-Pfingstaktion. Die 15. Pfingstaktion von Renovabis wird morgen von Ihnen, Herr Bischof Lettmann, im Paulus-Dom zu Münster geöffnet, unter dem Leitwort Einander Halt sein – Ehe und Familie im Osten Europas stärken. Zur Renovabis-Pfingskollekte 2007 haben die deutschen Bischöfe aufgerufen. Sie appellieren an die Verbundenheit der deutschen Katholiken mit der Kirche in Osteuropa, um dort im diesen Jahr die Ehen und Familien, insbesondere die jungen Paare zu unterstützen; ihnen zu helfen, „in einer stabilen und dauerhaften Partnerschaft zu leben und Kinder zu bekommen“. Die Inauguration der Renovabis-Pfingstwoche ist keine bloße Kulisse und Dekoration für den Festakt im Rathaus. Im Hinblick auf die großzügige Hilfsbereitschaft der deutschen Katholiken betrachtet, geht es uns hier darum, den Sinn und die Bedeutung der Verleihung der Auszeichnung für Erzbischof Zyciński aus christlicher Sicht zu begründen. Er ist kein Politiker, sondern zuallererst ein Bischof. Er betreibt keinen „Versöhnungskitsch“ zwischen Deutschen und Polen, eine der Wirklichkeit nicht entsprechende Scheinkunst mancher Politiker, stattdessen setzt er sich im Kleinen und Großen konkret und wirksam ein, die Vorhänge in den Herzen der Menschen aufzuziehen, seitdem die Zwänge der Teilung Europas weggefallen sind, wie sich mal der Wiener Kardinal Schönborn ausgedrückt hat.

Wir brauchen heute einen solchen uneigennützigen Beteiligten, wie Erzbischof Zyciński, im gesellschaftlichen und kirchlichen Leben. Er kann so vom Christsein her sprechen, dass wir begreifen: das geht uns an, wir sind gemeint. Als bedeutende Schwellenfigur zwischen den Ländern versteht er, über nationale und kultur-historische Aspekte hinauszugehen, so dass das von uns gelebte Christsein in einer kosmischen Beziehung des Menschen zu Himmel und Erde eingeschrieben wird und doch konkret bleibt. So will es der Beschluss des Katholischen Studentenvereins, der ihm die Auszeichnung vergibt. Man ehre hier einen Bischof, der bis jetzt und weiterhin eine vernehmbare Stimme der Verständigung zwischen den Völkern und Generationen erhebt, und die Kraft hat, eine friedliche Zusammenarbeit zu organisieren. Aus diesem Grund ist die Städtepartnerschaft Münster und Lublin ein weiterer Punkt, den ich in den Vordergrund stellen möchte. Die Städte Münster und Lublin in ihrer partnerschaftlichen Beziehung sind ein besonderes Symbol des Dialogs und der Kooperation zwischen den Menschen. Beide Städte haben eine lange, jeweils ideenreiche, aber auch leidensvolle Geschichte, und trotzdem bilden sie eine wunderbare Tradition des friedlichen Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Nationalität und Konfession. Die Einwohner beider Städte, die Christen, Katholiken und Protestanten, gemeinsam mit den Juden, im Münsterland und im fernen Lubliner Land, alle legten bereits über Jahrhunderte die geistigen Fundamente des Kontinents und bauten kontinuierlich die Einheit Europas. Sie alle sind heute mit Herz und Seele, als überzeugte Europäer, die politische Kraft, die ein „Europa – nicht ohne seine Bürger“ („Europe: Not without People“ – ein Titel, unter dem unlängst in Berlin getagt wurde) fordert, damit Europa demokratischer und solidarischer wird. Die Städtepartnerschaft Münster – Lublin ist ein gutes Beispiel der Mitsprache der europäischen Bürger, die mit ihrer zivilgesellschaftlichen und kirchlichen Forderung mehr Subsidiarität und Solidarität von der Europapolitik abverlangen. Somit betrifft der nächste Punkt, auf den ich nun kurz zu sprechen kommen möchte, das Verhältnis von Deutschland und Polen.

Eine Stimme der Verständigung zwischen Polen und Deutschen in schwierigen Zeiten

In diesem Zusammenhang ist die ehrenvolle Auszeichnung der Markomania besonders dankenswert, weil sie damit das Augenmerk auf die deutsch-polnische Beziehungen richtet, die sich heute in mancher Hinsicht schwerer behaupten, als z.B. die deutsch-französischen Verhältnisse. Über dieses Thema wurde in der letzten Zeit mehr als je zuvor debattiert. Doch bei allen politischen Aufregungen ist die eigentliche Problematik aus dem Blick geraten: die Menschen. Die offiziellen Beziehungen auf der politischen Ebene entwickeln sich kaum noch weiter, vielmehr werden sie aufgeweicht und gleichzeitig verschärft. Sie drehen sich im Kreise. Alte Mythen und Vorurteile werden wieder aufgeführt, man bedient mit billigen Erwartungen alte Klischees, obwohl sich die öffentlichen Einstellungen in den Gesellschaften inzwischen grundlegend verändert haben und neue Möglichkeiten und Freiheiten unserer Völker gewachsen sind.

In dieser Situation ist es symptomatisch und wichtig, dass wir als Christen aufs Neue aufgefordert sind, Vordenker und Bannbrecher und nicht Skeptiker und Bremser auf dem Gebiet der Verständigung zwischen Menschen zu sein. Das heißt: Wir dürfen uns als Kirche und als Interessengruppe der Zivilgesellschaft nicht aus der politischen Zankerei verdrossen herauszuhalten. Unsere Aufgabe ist es, dabei konstruktiv mitzudenken und weiter gemeinsam für das friedliche Zusammenleben aktiv zu handeln. Das weit geöffnete Terrain einer Kooperation - nach der Wiedervereinigung Deutschlands und der Aufnahme Polens in die Europäische Gemeinschaft - darf man nicht allein Politikern überlassen. Erforderlich ist es, neue Beziehungen zu kultivieren. Würde Erzbischof Zyciński, wie viele andere Brückenbauer aufgeben, sich in die Verliererecke stellen, hätte er die schöne Auszeichnung nicht verdient. Man müsste dasselbe ausdrücklich über die ehrenamtlich getragene und zugleich offizielle Städtepartnerschaft zwischen Münster und Lublin sagen, die - wie einst im Verlauf der Geschichte der Aufbau von wissenschaftlichen, wirtschaftlichen, kulturellen und karitativen Netzwerken - Europa mit zur einer Wertegemeinschaft gebildet hat.

Hier wird es deutlich, dass die Aussöhnung zwischen dem polnischen und deutschen Volk ein Faktum ist und zugleich eine Aufgabe bleibt. Die Verständigung und Versöhnung hat stattgefunden und ist gelungen auf einer religiös-ethischen und politischen Grundlage. Die Glaubenskraft und die moralische Überzeugung der Menschen – der Bischöfe, aber auch vieler Laienchristen in Deutschland und Polen - sowie die klug angewandten politischen Mittel haben das möglich gemacht. Trotzdem, oder besser gesagt, gerade deshalb mischt sich die Kirche aufs Neue in den gegenwärtigen Vergangenheitsstreit ein. Für sie ist das kein polemischer Streit nach dem Motto: „Vergangenheit soll Vergangenheit bleiben!“ Ihre religiöse und ethische Option für die Gegenwart der Vergangenheit und die Zukunft der Geschichte verbindet sie mit der Herausforderung und dem Anspruch, sich selbst in die Pflicht zu nehmen. Sie will dazu beitragen, die Schatten der Vergangenheit zu überwinden und ihren Dienst an Dialog, Geschwisterlichkeit und Versöhnung sowie an anderen grundlegenden Werten unserer Kultur als einen entscheidenden Beitrag zum europäischen Einigungsprozess leisten. Damit will sie Verantwortung für die Zukunft der europäischen Völkergemeinschaft übernehmen. Die Kirche in beiden Ländern hat heute die Hoffnung, dass der Weg zu einem mit sich versöhnten Europa unumkehrbar ist. Dieser Festakt für Erzbischof Zyciński und die Eröffnung der Pfingstwoche von Renovabis wurzelt in der Überzeugung, dass sich jedes Land, jede Ortskirche im Westen und Osten Europas in die Pflicht nehmen muss, um ihren Dienst der Verständigung über die Grenzen der Völker hinaus zu konkretisieren, und zwar in Begegnungen, Partnerschaften und Kooperationen auf verschiedenen Ebenen und in unterschiedlichen Bereichen.

Als spräche man über einen Freund

Zum Schluss erlauben Sie mir, meine Damen und Herren, auch ein Wort sagen, was mein Herz bewegt und von meinem Herzen kommt, denn das Herz läuft einem über beim Anblick dieses Mannes, der ausgezeichnet wird. Über Sie, lieber Herr Erzbischof, zu sprechen, das ist, als spräche man über einen Freund, worüber man sich immer freut. In dieser Stunde, in der Sie in Wirklichkeit auch uns ehren, freue ich mich ganz besonders, persönlich ein Wort der Hochachtung und Glückwünsche an Sie zu richten. Es macht doch Freude, einen bedeutenden Mann zu Lebzeiten geehrt zu sehen. Schön, wenn man dabei sein darf und sich mit Gratulationen anschließen kann.

Sehr geehrter Herr Erzbischof Zyciński, lieber Kollege, wir wollen Ihnen sagen, dass wir froh sind, Sie persönlich beim Wort zu nehmen. Wir sagen: gut das es Dich gibt! So wie der Professor und Philosoph Josef Pieper, der berühmte Münsteraner, in seinen Vorträgen – z.B. auf seiner Studienreise in Polen, die ihn über Warschau, Lublin, Krakau und Breslau geführt hat – oft diese Formel aus seinem Buch über die Liebe apostrophiert hat und uns seine Achtung erweisen wollte.

Wir wünschen Dir alles Gute, Gottes Segen für die Zukunft! Du sollst noch lang genug den Vorzug eines christlichen Zeugen der kulturellen Umbrüche und Aufbrüche in der Welt und Kirche erfahren, immer wieder „die Zeichen der Hoffnung entdecken“ (so wie der Titel Deines Buches auf Deutsch lautet); die Hoffnung auf das Gelingen eines würdigen Lebens der Menschen, die – mit anderen, klaren Worten von Benedikt XVI. - „an der eigenen Identität“ nicht zweifeln müssen, gerade im heutigen Europa, das leider „öfter zu bestreiten scheint, dass es universale und absolute Werte gibt“ und eine „einzigartige Form der ´Apostasie´ (der Abwendung) von sich selbst“ annimmt, „noch bevor sie Apostasie von Gott ist“. (Ansprache an die Teilnehmer des Kongresses, der von der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (COMECE) veranstaltet wurde; L’Osservatore Romano, dt. Nr.14 vom 6. April 2007).

Soweit sei genug gesagt. Es scheint, es wurde alles Wesentliche gesagt, aber nicht von allen. Deshalb gebe ich das Wort nun weiter und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

Erzbischof Prof. Józef Zyciński, Lublin