Berliner Manifest

I

Die Bewohner der Stadt sind Bürger der Stadt. Sie wissen es nur noch nicht. Die Diskussion findet nicht statt: Wie sehe ICH mich selbst in der Stadt, gebe ICH mir Chancen und Visionen und bin ICH bereit, Anstrengungen dafür auf mich zu nehmen.

II

ICH, WIR, ES, SIE: Zu diesen Bereichen haben und brauchen wir Antworten. Zu den meisten haben und brauchen wir auch noch die Fragen.

III

Der Reiz Berlins liegt nicht in der Zersplitterung, sondern in seiner Heterogenität. Die Vielfalt Berlins, die Möglichkeiten, alles tun zu können, ist eine der wirksamsten Mechanismen, echtes Tun zu verhindern.

IV

Ist Heterogenität schon Selbstzweck? Berlin eine ewige Vollversammlung mit Protokollen der momentanen Befindlichkeit als Ergebnis?

Damit Heterogenität nicht in Beliebigkeit stecken bleibt, muss etwas entscheidendes geklärt werden: Nicht was uns unterscheidet, wird wesentlich sein, sondern zu welchen Gemeinsamkeiten im Handeln wir in unserer Vielfalt fähig sind.

V

Die Muttersprache Berlins ist Deutsch. Unsere Mutter ist in der Welt nicht mehr wirklich zu Hause. Berlin sollte sich kollektiv die Vatersprache Englisch zulegen. Das ist keine Kapitulation, sondern angewandte Dienstleistungsgesellschaft.

VI

Multikulturell bedeutet auf der einen Achse:

Der zupackende Optimismus Amerikas, aber nicht die hegemonistischen Attitüden.

Die geistige Qualität des Islam ohne Fundamentalismus.

Die asiatische Gelassenheit ohne ihren Fatalismus.

Die lässige Eleganz Afrikas ohne Stammesfanatismus.

Die Weisheit Europas ohne Lethargie.

Auf der anderen Achse bedeutet Multikulturell:

Wissenschaftskultur, Unternehmenskultur, Bürgerkultur:

Am Schnittpunkt beider Achsen sollten wir Linden pflanzen.

VII

Die Faszination liegt nicht darin, dass alles zusammen in einer Stadt zu finden, sondern: Das alles zusammen für diese Stadt zu aktivieren!

Die Angst und die Erfahrung mit dem Missbrauch von Hierarchie darf nicht in trotziger Negation von Hierarchie enden. Sprache ist hierarchisch. Denken ist hierarchisch. Wenn wir Heterogenität als unsere Basis verstehen, Selbstbestimmung als unseren Treibstoff, dann erschrecken wir nicht mehr vor der Macht der Hierarchie, sondern anerkennen sie als Voraussetzung für die Verwirklichung komplexer Vorhaben.

VIII

Berlin war in den vergangenen Jahrhunderten Kristallisationspunkt von Gewalt und Fremdbestimmung, von Zerrissenheit und Feindschaft. Die Stadt hat exemplarisch die Konflikte der letzten Jahrhunderte in sich ausgefochten, ihre Spannungen ausgehalten. Sie war Schauplatz, ihre Bewohner als Täter und Opfer Protagonisten in Welt umspannenden Antagonismen.

Diese Stadt verkörpert die Forderung nach einer Vision, die aus der Geschichte die Lehre zieht: Versöhnung.

IX

Echte Versöhnung ist mehr als ein schönes Gefühl. Das kann der Spin des gesamten Handelns sein – die noch zu schreibende Gebrauchsanweisung für die Zukunft - Ost mit West. Religion mit Wissenschaft. Spiritualität mit Materialismus. Nord mit Süd.

Kultur mit Wirtschaft. Wir mit uns. Die Stadt mit ihrer Geschichte. Das Land mit seiner Hauptstadt. Versöhnung von allem mit allem! Kleiner geht das nicht!

X

Die Unzufriedenen, die Veränderungsbereiten sind die Energie für eine neue Unternehmungslust, für Einfallsreichtum und Risikobereitschaft, für einen anderen Umgang miteinander, mit anderen und mit der Verantwortung sich selbst gegenüber.

Die Internationalität Berlins weist der deutschen Hauptstadt den Weg in die Welt. Sie weist der Welt den Weg nach Berlin. Kein Gegensatz.

Kein Weg führt an uns vorbei.

Contact

Andreas Kleine-Kraneburg

Andreas Kleine-Kraneburg bild

Head of Team Educational Institutions|Deputy Department Head, Department Civic Education

Andreas.Kleine-Kraneburg@kas.de +49 30 26996-3257 +49 30 26996-3224