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Corona - Alltag - Masken.

Eine ethnologische Sicht auf die Pandemie

Ethnologin Dr. Juliane Stückrad über das Tragen von Masken

Sie sind das Symbol für unser neues Leben mit Corona, die kleinen Stofflappen, die wir uns seit einigen Wochen vor Mund und Nase binden, wenn wir öffentliche Orte betreten. Sie werden im Handel unter den unterschiedlichsten Namen angeboten: Atemschutzmaske, Mund-Nase-Maske, Mundschutz, Gesichtsmaske, Mundbedeckung oder Spuckschutzmaske. Um selbstgefertigte Masken von den zertifizierten FFP-Masken zu unterscheiden, spricht man auch von Alltagsmasken. Da die Kulturen des Alltags Gegenstand ethnologischen und volkskundlichen Forschungsinteresses sind, lädt dieser Begriff dazu ein, einige Gedanken zur kulturellen Dimension der Maskenpflicht während der Corona-Pandemie zu formulieren.

Vor Corona verstand man unter der Maske des Alltags das Gesicht, mit dem man eine bestimmte soziale Rolle spielte. Das Gesicht wurde damit selbst zur Maske, um Emotionen, die den reibungslosen Ablauf des Alltags gefährden könnten, zu verbergen. Mit Corona ist zu dieser Bedeutung eine weitere hinzugekommen, die sich nicht auf den menschlichen Körper bezieht, sondern auf einen Gegenstand, ohne den die alltäglichen Wege im öffentlichen Raum derzeit nicht mehr möglich sind. 

Noch ist die Verwendung von Mund-Nase-Masken im Alltag neu und damit alles andere als alltäglich. Das, was aus asiatischen Großstädten seit Längerem bekannt ist, sorgt im eigenen Gebrauch noch immer für Befremden. Wie stark alltägliche Routinen vom Lernen und Wiederholen abhängen, zeigen die vielen Hygienehinweise zum richtigen Gebrauch der Masken. Das Wissen, das eigentlich nur in medizinischen Zusammenhängen notwendig war, wird allgemein relevant. Was passiert, wenn wir eine Alltagsmaske tragen?

Dafür müssen wir uns vorerst die Bedeutung des menschlichen Gesichts vergegenwärtigen. Der Gesichtsausdruck ist unser stärkstes nonverbales Kommunikationsmittel. Dieser wird durch das Tragen der Alltagsmaske massiv eingeschränkt. Nicht umsonst beklagen Psychologen, dass die Maskenpflicht während der Therapie den Zugang zur Emotionalität des Patienten erschwert. Aus der Ritualforschung wissen wir, dass das Erscheinungsbild der Masken Auswirkung auf die Bewegungen des Trägers hat. Mir scheint, dass das Tragen der Alltagsmasken zumindest die Rolle der Augen bei der Kommunikation noch einmal verstärkt. Auf sie ist man nun noch mehr angewiesen, um zu ergründen, was unser Gegenüber gerade im Schilde führt. An die Stelle des zur Hälfte verhüllten Gesichts aber tritt nun die Maske als vieldeutiges Kommunikationsmittel.

Die Bezeichnung Mund-Nase-Schutz lässt offen, ob wir unseren Mund und unsere Nase schützen oder die Anderen davor schützen wollen. Mund und Nase sind Öffnungen, durch die wir im steten Austausch mit der Welt bleiben. Das Bedecken dieser Öffnungen ruft das Strömen zwischen Körper und Welt ins alltägliche Bewusstsein, indem es dieses problematisiert. Als Spuckschutzmaske bezeichnet, erinnert der Mund-Nase-Schutz daran, dass beim Atmen und Sprechen krankmachende Partikel freigesetzt werden. Eine Vorstellung, die durchaus Ekel erregen kann. Wer sich aber ekelt, geht auf Abstand. So rufen Alltagsmasken widersprüchliche soziale Gefühle hervor. Sie gelten als Ausdruck der gegenseitigen Wertschätzung und gleichzeitig des Ekels und der Angst vor der Ansteckungsgefahr durch unsere Mitmenschen. Die Maske ist Ausdruck der umfassenden Medikalisierung unseres Alltags.

Im Gegensatz zu den Halbmasken des Theaters verhüllen unsere Alltagsmasken nicht Augen und Nase, sondern Mund und Nase. Wie jede Maske versetzt auch die Alltagsmaske ihren Träger in eine besondere Rolle. Sie kennzeichnet ihn für sich und andere deutlich als Mitglied einer globalen Schicksalsgemeinschaft, das sich der staatlichen Macht unterordnet, weil es deren Entscheidungen als vernünftig einschätzt oder die Strafen bei Nichteinhaltung dieser fürchtet. Das kleine Stück Stoff erhält damit eine machtpolitische Bedeutungsaufladung und eignet sich deshalb auch als Ausdruck des Protestes, wenn man auf das Maskentragen verzichtet.

Vermummung und Enthüllung aber sind die Elemente des Karnevals, der zeitlich begrenzt Machtstrukturen umkehrt und damit letztlich entlastend für die Beherrschten wirkt. In den vergangenen Wochen kursierten zahllose originelle Videos und Bilder zum kreativen Umgang mit der Maskenpflicht. Der teilweise böse Humor angesichts der sich immer weiterverbreitenden Angst vor dem qualvollen Erstickungstod durch Covid-19 erinnert an die befreiende Kraft des Lachens, wie sie der russische Literaturwissenschaftler Michail Bachtin in der Lachkultur der Menschen des Mittelalters und der Renaissance beschrieb. Im Rahmen ihrer Feste lachten diese über die Furcht, die ihren Alltag bestimmte. Bachtin sprach von einer „Karnevalisierung des Bewusstseins“, das alles Bedrohliche ins Komische kehrt.1 Somit hält ein Witz über die Mund-Nase-Maske oder deren kreative Gestaltung der Bedrohung durch Krankheit und Tod das Lachen und die Freude am Leben entgegen. Die Entwicklungsgeschichte des Menschen kennt schon sehr lange den Maskenbauer und den Maskenträger, der sich spielerisch mit den Zumutungen des Lebens auseinanderzusetzen weiß. Das Gefühl der Sicherheit, das uns Alltagsmasken vermitteln sollen, ergibt sich aus dieser spielerischen Perspektive heraus betrachtet, nicht mehr aus der vermeintlich hygienischen Schutzfunktion, sondern aus dem Humor, den sie hervorrufen. Trotz aller Sorgen, die wir uns angesichts der Pandemie machen, bewirken die Halbmasken in vielen Situationen auch, dass wir uns skurril verhalten. Sie karnevaliseren in gewisser Weise den Alltag und können uns dazu bringen, das Schreckliche zu verlachen und ihm damit die Macht über unser Bewusstsein zu nehmen.

 

[1] Bachtin, Michail M.: Literatur und Karneval. Zur Romantheorie und Lachkultur. Frankfurt/M. 1996, S. 28, 36-39.

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