Weltanschauung: Christliche Demokratie

Aktionsfelder

Tatsächlich stellten katholische, protestantische und christlich-demokratische Parteien weder Ersatzkirchen noch illegitim auf dem politischen und sozialen Feld agierende konfessionelle oder religiöse Interessengruppen dar, sondern Organisationen, die von bestimmten, auch wandelbaren Standpunkten ausgehend, Belange vertraten oder Forderungen erhoben, die die Annahme positiver Wechselbezüge von Staat und Kirche, Gesellschaft und sittlicher Bindung des Einzelnen zur Voraussetzung hatten. Dies lässt sich auf den Feldern (a) der Kirchen- und Kulturpolitik, (b) der Sozialpolitik aufzeigen, gilt aber zum Beispiel auch für ein Programm der internationalen Beziehungen, das mit der Priorität der Friedenswahrung, mit den Ideen der Gerechtigkeit, des Ausgleichs der Interessen und des gegenseitigen Respekts normative Bezugspunkte politischen Handelns zwischen den Staaten entwickelte (Jacques Maritain).

(a) In Deutschland traten katholische Parlamentarier erstmals in den Landtagen des Vormärz für die Rechte ihrer konfessionellen Minderheit gegenüber den Eingriffen des Staatskirchentums ein, die aus der Großen Säkularisation der geistlichen Fürstentümer und Stifter gefolgt waren. Die Verteidigung der Kirche und der christlichen Religion war überhaupt ein zentrales Anliegen des universalistischen romantischen Denkens, das die Religion im Volk bewahren und so einen Halt auch für die Existenz des Staates in der Zukunft gewinnen wollte. Autoren evangelischer wie katholischer Herkunft zeigten Übereinstimmung in solchen Grundanliegen. J. Görres, der mit seinem 1838 erschienenen „Athanasius“ den entscheidenden Anstoß zur Entwicklung einer kirchenpolitischen Publizistik gab, sah in dem die Gesetze der Moral missachtenden Machtstreben des Fürstenstaats eine Bedrohung des Gemeinwohls. Auf der Basis eines kurzzeitig von staatskirchlichen Fesseln befreiten Vereinslebens (Piusvereine von 1848) gelang den preußischen und deutschen Katholiken in der – gescheiterten – 48er Revolution dennoch die zukunftsweisende Verbindung von religiöser und bürgerlicher Freiheit, die grundrechtliche Sicherung der Freiheit und Selbstverwaltung für die innere Autonomie genießenden Kirchen und Religionsgesellschaften.

Mit den Anfängen der Christlichen Demokratie ist so die Sicherung der Freiheit und Selbständigkeit der kirchlichen Gemeinschaften, zugleich ihrer Wirkmöglichkeiten in der Gesellschaft, z.B. im Schulwesen, verbunden, auch die Distanzierung von Bestrebungen, die Kirchen über ungleiche Behandlung oder Bedingungen ihrer Privilegierung dem im 19. Jahrhundert vordringenden Einfluss des Staates auszuliefern.

Nach dem preußisch-österreichischen Krieg von 1866 stellte sich überscharf das Problem der konfessionellen Parität in einem mehrheitlich protestantischen Kleindeutschland. Unter anderen Vorzeichen war die Wirk- und Existenzmöglichkeit der französischen Katholiken in der Dritten Republik von der militant laizistisch eingestellten Majorität der Nationalversammlung bedroht. Beim Zentrum in Deutschland wie bei der Démocratie chrétienne in Frankreich (Marc Sangnier) traten Bestrebungen hervor, die kirchlichen Rechte und die Freiheit der Religionsausübung zu verteidigen, zugleich die Ineinssetzung partikularer Interessen, Parteien oder antikirchlicher Weltanschauungen mit dem Staat zu bestreiten. Zumindest tendenziell zeichnete sich damit ein Beitrag der kirchlich gesinnten Kräfte zu einer pluralistischen Auffassung des Staatswesens ab, wie auch der Gründer der Catholic Association in Irland, Daniel O’Connell, zur Ausbildung eines die Rechte der Iren und Katholiken berücksichtigenden Parlamentarismus in England beigetragen hat.

Als etablierte Minderheitspartei suchte das Zentrum seine kulturpolitischen Interessen, vor allem in der Schulfrage, während der sturmumtosten Jahre der Weimarer Republik durch Koalitionspolitik zu verteidigen und zugleich als Garant des strukturell schwachen und ökonomisch gefährdeten Verfassungsstaats aufzutreten.

Der Generalangriff der totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts, des Nationalsozialismus und des Kommunismus, auf die Kirchen und ihre Gläubigen hat den Stellenwert dieser Institutionen und der ihnen nahestehenden Parteien für ein freiheitliches Staatswesen unmissverständlich verdeutlicht. Zwar standen die interkonfessionelle Union in Deutschland und die Democrazia Cristiana in Italien nach 1945 den Kirchen nicht mehr so nahe wie einige ihrer Vorgängerinnen (Zentrum, Partito Popolare) in ihren spezifischen Regionen und Milieus. Sie nahmen um ihrer politischen Selbständigkeit und um des interkonfessionellen Ansatzes willen eine gewisse Distanzierung von den kirchlichen Gemeinschaften vor; doch repräsentierten sie nun als Mehrheitsparteien einen ansehnlichen Teil von vordem als konservativ geltenden, breiten Bevölkerungskreisen, die durch das die (Staats-)Liberalen begünstigende Zensuswahlrecht von einer angemessenen Regierungsbeteiligung ferngehalten worden waren (Preußen, Italien vor 1918).

(b) Sozialreform und Sozialpolitik bildeten in der Zeit der Industrialisierung wesentliche Bestandteile der sich über die Staatsgrenzen hinweg angesichts ähnlicher gesellschaftlicher Probleme entwickelnden christlich-demokratischen Programmatik. Schon der dem Görres-Kreis angehörende Romantiker Franz von Buder machte seine Mitwelt auf die Probleme des „vierten Standes“, der „Proletairs“, aufmerksam. Ebenfalls schon im Vormärz widmete sich der evangelische Pfarrer Johann Hinrich Wichern brennenden sozialen Aufgaben wie der Gefangenenfürsorge und der Betreuung armer und alleinstehender Jugendlicher (Rauhes Haus in Hamburg).

Antoine-Frédéric Ozanam und andere schufen mit ihren karitativen Vereinen zeitgemäße Formen des katholisch-sozialen Laienapostolats. Inmitten des im Revolutionsjahr 1848 ausbrechenden demokratisch-liberal-konstitutionellen Verfassungsenthusiasmus wies der Mainzer Bischof W. E. von Ketteler, 1871/72 Reichstagsabgeordneter des Zentrums, öffentlich auf die Dringlichkeit der sozialen Frage hin, die sich aus der bedrängten Lage der Fabrikarbeiter ergab. Die französische Démocratie chrétienne von 1848 und wieder der 1890er Jahre leitete die Forderung nach einer sozialen Hebung der Arbeiterklasse aus dem Evangelium ab. Einige Unternehmer, so Léon Harmel, nutzten ihre Position, um den Arbeitern zu helfen.

Von solchen Ideen, Initiativen und Patronagen ausgehend, entwickelte sich eine von christlichen Parlamentarierkreisen wesentlich mitgeformte Sozialpolitik in zwei Stufen:

Erstens galt es, den Staat für die Intervention auf diesem Gebiet, d.h. für gesetzgeberische Maßnahmen zum Schutz der Arbeiter und zur Einführung der Sozialversicherung, zu gewinnen. Hier übernahm die Zentrumspartei eine gewichtige Rolle im Deutschen Reichstag seit 1877. Indes wirkte der liberale Katholik Charles Forbes de Montalembert, Mitarbeiter noch von Lamennais, schon 1841 an dem Gesetz über die Frauen- und Kinderarbeit in den Fabriken mit. Ein eifriger parlamentarischer Streiter für soziale Gesetze war in Frankreich zwischen 1883 und 1912 Graf Albert de Mun, der sich auch bei der Gründung der Association Catholique de la Jeunesse Française (1886-1956) hervortat.

Zweitens trachtete christlich-demokratische Sozialpolitik danach, durch Bildungs- und Organisationsanstrengungen, auf dem Wege der sozialen Emanzipation, die Arbeiter auf ein Niveau zu heben, das sie zur Selbsthilfe in Stand setzte, sie von der zugleich bevormundenden und vereinnahmenden Hilfe der Patrons und des Staates unabhängig machte. Zu diesem Zweck gründete der „Sillon“ (seit 1894) Schulungsgruppen für Arbeiter. Wirksamer arbeiteten in dieser Hinsicht die Christlichen Gewerkschaften (seit 1899) mit Adam Stegerwald und Johann Giesberts, die, interkonfessionell ausgerichtet, entschlossener als die katholischen Arbeitervereine die Arbeiterinteressen vertraten. Eine Trennung zwischen nominell katholischen Gewerkschaften (Circulos de Obreros Católicos, gegründet durch Antonio Vicent SJ 1865; Sindicatos Amarillos) und unabhängigen, den direkten Einfluss der Kirche ablehnenden Gewerkschaften (Sindicatos Católicos Libres) machte sich zu Anfang des 20. Jahrhunderts auch in Spanien geltend.

Die sozialen Katholiken und die Christlichen Gewerkschaften wandten sich sowohl gegen den Liberalismus als auch gegen den Sozialismus, der allerdings direkt mit ihnen um den Einfluss auf die Arbeiter konkurrierte. (Ihr Antiliberalismus steigerte sich indes nicht zum Antisemitismus der Christlichsozialen A. Stoeckers.) Sie lehnten den sozialistischen Klassenkampf wie die unumwundene Interessenpolitik der liberalen, angeblich allein dem Staatsinteresse dienenden Industriellen-Kreise ab und entwickelten eine korporative Konzeption der Gesellschaft in Anlehnung an die katholische Soziallehre. Danach war die Gesellschaft in sog. natürliche Einheiten gegliedert, in Familien, Vereine, Verbände, Berufsgruppen, Gemeinden, Regionen oder Länder bis hin zu einem Bund der Völker. Die Gesellschaft sollte durch Solidarität zusammengehalten werden und den Arbeitern durch Aufstieg und Interessenausgleich einen angemessenen Platz innerhalb der zunächst sittlich verstandenen „Volksgemeinschaft“ (Adam Stegerwald) bieten. Ein „korporativ“ zu nennender, von einigen Autoren dem Mittelalter zugeschriebener Gesellschaftsbegriff lag der Enzyklika „Rerum novarum“ (1891) zugrunde, die die soziale Ausrichtung des Katholizismus in vielen Ländern befruchtete. Die Vorstellung einer gegliederten, nicht sozialistisch egalisierten oder – umgekehrt – singulären Interessen ausgelieferten Gesellschaft verstattete dem Mittelstand (dessen Förderung z.B. das Programm der Christlich-Sozialen Volkspartei Luxemburgs vorsieht) und selbst den geistigen Berufen einen legitimen Platz im Gesellschaftsgefüge. Sie war dem umfassenden Wandel zu einer offenen Gesellschaft, der nach 1945 einsetzte, unterworfen. Ihre Aktualität liegt u.a. in der Abweisung einer überzogenen Interessenpolitik und einer übertriebenen staatlichen Verteilungsgerechtigkeit, in der Ermutigung der Subsidiarität, in der weiteren Verfolgung einer auf internationale Verflechtung der Handelsbeziehungen gerichteten, dennoch das Wohlergehen der Menschen in einem überschaubaren Raum und Binnenmarkt anstrebenden Wirtschaftspolitik.

Winfried Becker