Deutsche Zentrumspartei (nach 1945)

Die Gründung der Deutschen Zentrumspartei (DZP) am 14. Oktober 1945 in Soest/Westfalen war das Resultat der gescheiterten Verhandlungen zwischen ehemaligen Zentrumspolitikern, christlichen Gewerkschaftern und katholischen Arbeitervertretern um die Frage: Wiedergründung der 1933 aufgelösten Zentrumspartei oder Gründung einer neuen Partei auf interkonfessioneller Grundlage (Wilhelm Hamacher, Karl Spiecker). Die Befürworter des Zentrumsgedankens befürchteten für eine neue, interkonfessionelle Partei den Zustrom von Konservativen und Liberalen aus den Parteien vor 1933 und die Entwicklung zu einer bürgerlichen Rechtspartei. Obwohl die große Mehrheit der ehemaligen Zentrumspolitiker den Weg in die CDU fand, scheiterten die Einigungsverhandlungen. Das Zentrum erreichte nicht mehr die Stellung, die es vor 1933 hatte und schrumpfte auf seine Kerngebiete (Rheinland, Westfalen und katholische Teile Niedersachsens). Entscheidend für den Niedergang seit den 1950er Jahren war, dass es seinen Vertretern nicht gelang, die katholische Kirche auf ihre Seite zu ziehen, die DZP neben der CDU als politische Kraft zu etablieren, die unterschiedlichen Strömungen zu integrieren und eine bundesweite Organisation aufzubauen.

Die konsequente Vertretung katholisch-kirchlicher Interessen (Bekenntnisschule, konfessionelle Lehrerbildung, Elternrecht, u.a.) führte dazu, dass besonders in Nordrhein-Westfalen einflussreiche katholische Kleriker die parlamentarische Existenz des Zentrums zu sichern suchten. Sie drängten die Partei in ungeliebte Wahlarbeitsgemeinschaften mit der CDU. Um dem Fusionsdruck zu entgehen, suchte die DZP auch Bündnisse mit anderen Parteien: mit der Bayernpartei (BP) unter dem Namen Föderalistische Union (FU) 1951 und 1957, und – um den Status einer Fraktion im Deutschen Bundestag zu erhalten – mit der Christlichen Volkspartei (CVP) des Saarlandes zur CVP-Zentrumspartei, die nach nur einjähriger Dauer im April 1957 auseinanderbrach.

Nach der Wahlniederlage der FU und dem endgültigen Ausscheiden aus dem Bundestag unternahm die Zentrumsführung erfolglos einen Reorganisationsversuch mit Ausweitung der Partei in alle Länder. 1969 blieb die DZP bei den Bundestagswahlen weit unter 1% der Stimmen und wurde politisch bedeutungslos. In ihren Kernregionen konnte sich die Partei nur bis etwa Mitte der 1950er Jahre behaupten. Im ernannten Landtag von Nordrhein-Westfalen 1946/47 hatte die DZP 18 von 100 Sitzen und stellte zwei Minister. Nach den 1. Landtagswahlen im April 1947 war die DZP mit zwei bzw. einem Minister in den drei Kabinetten Arnold vertreten. Auch nach dessen Sturz blieb das Justizressort mit Rudolf Amelunxen weiterhin in Zentrumshand. In Niedersachsen konnte sich die DZP in den Kabinetten Kopf (SPD) bis Ende 1953 halten. Auf kommunaler Ebene war sie bis 1953 in ihren Kerngebieten eine starke Konkurrenz für die CDU. In den Zentrumshochburgen des Münster- und des Paderborner Landes konnte sich die Partei nicht nur behaupten, sondern errang vereinzelt absolute Mehrheiten. Während bei den Kommunalwahlen 1948 in Nordrhein-Westfalen 10,7% der Mandate erzielt wurden, waren es 1952 noch 6,9%. Nur in 64 von 93 Wahlkreisen konnten eigene Kandidaten aufgestellt werden. Bei den Kommunalwahlen 1956 kandidierte die Partei nur noch in 58 von 95 Stadt- und Landkreisen und erreichte lediglich 4% der Mandate. 1977 zählte die Partei 41 Mandatsträger. Damit hatte sie „zeitweise mehr kommunale Mandatsträger als eingeschriebene Mitglieder“ (U. Schmidt). Im 100. Gründungsjahr 1970 wurde die Splitterpartei kaum noch wahrgenommen. Die gegen den erklärten Willen früherer Zentrumspolitiker nach 1945 durchgesetzte Wiedergründung war endgültig gescheitert.

 

Literatur:

U. Schmidt: Zentrum oder CDU. Politischer Katholizismus zwischen Tradition und Anpassung (1987); J. Nietfeld: Die Zentrumspartei. Geschichte und Struktur 1945–1958 (1985); H. Heitzer: Die CDU in der britischen Zone (1988). – Bestand: Staatsarchiv Münster.

Horst W. Heitzer

 

 

Vorsitzende
1945-1946 Wilhelm Hamacher
1946-1948 Johannes Brockmann (geschäftsführend)
1948 Johannes Brockmann
1948-1949 Karl Spiecker
1949 Fritz Stricker
1949-1952 Helene Wessel
1952-1953 Johannes Brockmann (geschäftsführend)
1953-1969 Johannes Brockmann
1969-1974 Gerhard Ribbeheger
1974-1986 Gerhard Woitzik
1986-1987 Adelgunde Mertensacker
1987-1996 Gerhard Ribbeheger
1996-2009 Gerhard Woitzik
seit 2009

Alois Degler oder Gerhard Woitzik (umstritten)

2011-2021 Gerhard Woitzik
seit 2021 Klaus Brall