Weltanschauung: Christliche Demokratie

Historische und ideelle Voraussetzungen

Historisch entsprang die Christliche Demokratie der Schwellenzeit des Übergangs von der Alten zur Neuen Welt. Sie bildete eine langfristige, in verschiedenen Wellen und politischen Stationen verlaufende Reaktion (im neutralen Sinne des Wortes) auf die von der Französischen Revolution ausgehende Säkularisierung, die sich nun, anders als bei älteren Umwälzungen, in der Form einer grundlegenden Entzweiung, einer „Machtprobe“ zwischen den politischen und religiösen Autoritäten (H. Maier) vollzog. Systematisierend lassen sich drei Reaktionen angeben:

  1. Eine der Romantik und der Restaurationsperiode zuzurechnende traditionalistische Gegenbewegung suchte, aktuelle Zeitkritik mit einer historischen Rückschau verbindend, die kulturell identitätsbildende und sozial versöhnende Kraft des unter päpstlich-geistlicher Leitung stehenden Christentums inmitten einer zunehmend von sprengenden Tendenzen und pluralen Interdependenzen geprägten Welt zu erweisen; sie fiel insofern nicht einfach auf eine vor-revolutionäre Haltung zurück (Adam Müller, Novalis, Friedrich Schlegel, Joseph de Maistre).
  2. Die frühe Christliche Demokratie in Frankreich forderte als Grundbedingung für die Freiheit der Kirche eine freiheitliche politische Entwicklung. In Zukunft könne sich die – „ultramontan“ verstandene – Kirche nur noch in einem politisch freien, die Errungenschaften der Französischen Revolution nutzenden Staatswesen verwirklichen. Dass sie dabei zugleich eine die Gesellschaft transformierende soziale Kraft entfalten müsse, lehrte der – vom Traditionalismus herkommende – bretonische Priester Félicité Robert de Lamennais (1782-1854).
  3. Begrenztere Ziele verfolgte der politische und soziale Katholizismus namentlich in Deutschland und Belgien, indem er sich liberaler und parlamentarischer Mittel zur Verteidigung der Rechte und Freiheiten der christlichen Kirchen bediente. Dieses Handeln war eingebettet in das weiter gesteckte Ziel, eine freie, gegliederte, auf Eigentum, Sitten und Naturrecht gemäß jahrhundertelanger christlicher Prägung gegründete Gesellschaft erhalten oder wiedererringen zu wollen (J. E. Jörg). In mehr konservativer Ausprägung tauchte ein antirevolutionärer Gesellschaftsentwurf im Programm der im April 1931 gegründeten spanischen Acción Nacional auf, die den aus ihrer Sicht die Gesellschaft zerstörenden Kräften eines libertinen Republikanismus die Werte von Religion, Vaterland, Familie, Ordnung, Arbeit und Eigentum entgegenstellte.
Die Gemeinsamkeit dieser unterschiedlichen geistigen Anstöße, publizistischen und politischen Bewegungen lag darin, dass sie sich gegen die Verdrängung des Christentums aus einer vom Primat des Säkularismus oder der Zivilreligion diktierten Neubestimmung der geistigen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Kultur und gegen die vom modernen Staat beanspruchte Allzuständigkeit wandten. Das bedeutete nicht Gegnerschaft gegen den modernen Anstaltsstaat an sich, sondern ein Beharren auf gewissen vorstaatlichen, natürlichen Rechten, die aus einer bestimmten Interpretation der Gesellschaft abgeleitet wurden. Damit ging allerdings einher die Ablehnung der liberalen bürokratischen Staatstheorie des neo-absolutistischen kontinentalen Fürstenstaats, soweit diese aufgeklärt-agnostische, später weltanschaulich-positivistische, sog. jenseitige Ziele ausschließende Positionen bezog. Die Bestrebungen einer christlich inspirierten Neubesinnung waren primär historisch, soziologisch (religionsgeschichtlich) und politisch zu erklärende, je nach Situation in Staaten und Ländern variierende Erscheinungen der Zivilisation (Michael P. Fogarty, Edgar Alexander, in: J. N. Moody). Sie nur oder primär aus der Kategorie der „politischen Theologie“ bzw. der „katholischen Politik“ herzuleiten, greift zu kurz. Bestimmte Gruppen wollten eigene Zielvorstellungen, die mit einem historisch legitimen Grundverständnis ihrer Kultur und Gesellschaft zusammenhingen, mit den Methoden ihrer Zeit und meist über eine parlamentarische Interessenvertretung zur Geltung bringen.

Allerdings kann zu ihrem Verständnis eine allgemeinere, philosophisch-anthropologische Disposition christlicher Lebensauffassung dienen. Sie gründet wohl ursprünglich in den Lehren eines Francisco Suárez (1548-1617) oder (aktualisierten) Thomas von Aquin (1225-1274), fand eine zeitgemäße Ausgestaltung in den Aktivitäten und Schriften von Marc Sangnier (1873-1950), Jacques Maritain (1882-1973) oder Emmanuel Mounier (1905-1950). Der jedem Menschen eine unverwechselbare Individualität und Würde zuerkennende Personalismus leitet aus der menschlichen Mitwirkung an der Gnade Gottes die innere Aufforderung zu einer aktiven, Gesellschaft und Politik einbeziehenden Gestaltung des Lebens ab. Der Mensch erscheint stets als aktives, immer besonderes oder achtbares, mit Gewissen, Verantwortung und Urteilskraft begabtes Subjekt, nicht nur als passives Objekt privater, politischer und sozialer Handlungen, Strukturen und Abläufe. Die Realität zeigt sich vielschichtig, von vielen besonderen Konstellationen konstituiert und auch von moralischen Regeln durchwirkt, die im Gewissen gründen. Handeln hat demnach höhere Gesichtspunkte und den einzelnen Menschen zu beachten sowie pragmatisch auf die einzelnen, umstandsbedingt sich ändernden Situationen zu reagieren. Das Erkennen von Zweck-Mittel-Relationen legt sich nahe, die Verbindung grundsätzlicher Orientierungen mit pragmatischen Zielen.

Aus dem Bekenntnis zur Personwürde ergaben sich grundlegende Orientierungen für die Bereiche der Politik und des Verfassungshandelns, die, im 19. Jahrhundert entwickelt, zur Mitgift der christlich-demokratischen Parteien des 20. und 21. Jahrhunderts wurden:

  1. das Streben nach gesetzlich gesicherter Freiheit und Chancengleichheit,
  2. ein sozial und regional, auf Groß- und Kleingruppen und auf das Verhältnis zwischen Staaten und Nationen anwendbarer Solidaritätsbegriff, breit gefächert gemäß dem Ansatz einer gegliederten statt auf den Klassengegensatz reduzierten Gesellschaftsauffassung,
  3. die Bereitschaft zur Wahrnehmung, aber auch zur Teilung von Verantwortung, die Föderalismus und Subsidiarität anstelle autoritärer oder zentralistischer Bevormundung bevorzugte,
  4. die Offenheit gegenüber dem sozialen Wandel, der sich evolutionär vollziehen sollte, gerade um dem revolutionären Umsturz der Gesellschaft zuvorzukommen.

Winfried Becker