Aus- und Weiterbildung, berufliche

Die berufliche Bildung ist im Gegensatz zur Allgemeinbildung (allgemeinbildende Schulen) auf das Aneignen von speziellen Kenntnissen und Fertigkeiten eines bestimmten Berufes (Ausbildung) oder auf den Erwerb von Zusatzqualifikationen (Weiterbildung) gerichtet. Im Gegensatz zu anderen Ländern, etwa bisher Großbritannien, ist die Berufsausbildung ganzheitlich, beruflich umfassend angelegt und nicht rein modulartig, ausschließlich fachbezogen. Sie findet als duale Ausbildung mit ihrem praktischen Teil im Betrieb und mit ihrem theoretischen Teil in der Berufsschule statt und dauert in der Regel 2,5 bis 3,5 Jahre. Die Definition der Berufe (Berufsbilder) erfolgt durch Berufsausbildungsordnungen, die zwischen den Tarifparteien unter Hinzuziehung von Experten auf der Grundlage des Berufsbildungsgesetzes (Bundesgesetz im Gegensatz zu den Schulgesetzen, die Landesgesetze sind) erarbeitet und dann vom Staat als rechtskräftig erklärt werden. In sie fließen unmittelbar die Arbeitsplatzanforderungen der Arbeitgeber ein, und zwar dergestalt, dass die Anforderungen eine allgemeine Gültigkeit haben, also nicht nur betriebsspezifisch sind, sondern auf dem nationalen und teils auch europäischen Arbeitsmarkt generell als Anforderungen anerkannt werden. 312 Berufe werden auf diese Art und Weise unterschieden.

Das deutsche Ausbildungssystem genießt, anders als das deutsche Schul- und Hochschulsystem, im Ausland hohes Ansehen. Die Erklärung dafür ist vor allem das starke Interesse der ausbildenden Betriebe und Unternehmen, sich möglichst guten qualifizierten Nachwuchs heranzuziehen: Da der größte Teil der Ausbildung im Betrieb stattfindet (betriebliche Ausbildung) und von den einzelnen Betrieben selbst zu finanzieren ist, ist das Interesse der Betriebe an einer guten und geeigneten Ausbildung sehr groß. Von der Ausbildung der Mitarbeiter hängt ganz wesentlich der langfristige Erfolg des Unternehmens ab. Das Interesse der Betriebe an einer guten Ausbildung ist daher deutlich größer als das einer öffentlichen Schule oder Hochschule, für die der Erfolg in der Ausbildung der Schüler und Studierenden keine oder kaum Konsequenzen hat.

Voraussetzung für eine berufliche Ausbildung ist ein Ausbildungsvertrag, der zwischen dem Auszubildenden und dem Betrieb abzuschließen ist. Das Problem ist, dass derartige Verträge auf freiwilliger Basis abgeschlossen werden und ein Unternehmen oder eine staatliche Verwaltung dazu nur bereit ist, wenn ein Bedarf besteht und die geeigneten Auszubildenden zu finden sind. Oft fallen die beruflichen Vorstellungen der Auszubildenden und der Ausbildungsbedarf der Wirtschaft auseinander. Auch halten sich Unternehmen in der Ausbildung dann zurück, wenn die geschäftlichen Aussichten auf längere Sicht nicht gut sind.

Hinzu kommt, dass es geburtenstarke und geburtenschwache Jahrgänge gibt und es dementsprechend zu einem Nachfrageüberhang oder einem Nachfragedefizit (Angebotsüberhang) an Ausbildungsplätzen kommen kann. So kommt es vor, dass nicht alle einen Ausbildungsplatz finden, die einen suchen, oder umgekehrt, nicht alle Ausbildungsplätze besetzt werden können. Letzteres ist selbst dann möglich, wenn ein Teil der Ausbildungsplatzsuchenden keinen gefunden hat und arbeitslos wird, weil die Betroffenen die Anforderungen nicht erfüllen oder die von ihnen gesuchten Ausbildungsplätze (regional oder beruflich) nicht mit denen übereinstimmten, die verfügbar sind.

Um vor allen Dingen zu vermeiden, dass junge Menschen keinen Ausbildungsplatz finden und um die Auswahlfähigkeit zu erhöhen, wird deshalb immer wieder die Einführung einer Umlagefinanzierung von Ausbildungsplätzen erwogen. Eine solche Umlage soll von allen Betrieben erhoben werden, die ausgebildete Arbeitskräfte beschäftigen. Sie soll in einen Fonds eingezahlt werden, aus dem die Ausbildungsplätze finanziert werden. Die meisten dieser Vorschläge, die von Arbeitnehmerseite gemacht werden, sehen dabei vor, dass die Betriebe, die selbst ausbilden, in dem Maße wie sie ausbilden, von der Abgabe (Umlage) befreit werden. Das setzt allerdings voraus, dass die Kosten dieser Ausbildungsplätze erfasst werden, um die Umlage um diese zu kürzen. Es versteht sich, dass dies Verwaltungsaufwand verursacht und mit hoher Sicherheit dazu führt, dass die Fondsverwaltung präzise Vorschriften der Kostenerfassung sowie andere Vorschriften, die die Ausbildung regeln, den Betrieben auferlegt. Dies engt deren Handlungsspielraum ein und entlässt die Betriebe mehr und mehr aus der Verantwortung, selbst auszubilden. Die Steuerung der Ausbildung nach den Anforderungen des Beschäftigungssystems würde auf diese Weise aufgeweicht. U. a. aus diesen Gründen hat die Arbeitgeberseite einer solchen Regelung bisher nicht zugestimmt.

Tatsächlich beruht die Leistungsfähigkeit des deutschen dualen Systems der Berufsausbildung auf dem Prinzip der einzelbetrieblichen Finanzierung (Bildungsfinanzierung). Sie gibt den Anreiz, Ausbildungsbedarfe betrieblich sorgfältig abzuschätzen und qualitätsvoll auszubilden. Um die Nachteile, die die einzelbetriebliche Finanzierung der Berufsausbildung mit sich bringt zu beseitigen, ist es deshalb zweckmäßiger, einen Ausgleich von Angebot und Nachfrage nach Ausbildungsplätzen durch Kostensenkung (Anpassung der Ausbildungsvergütung) bzw. Erhöhung der produktiven Beiträge der Auszubildenden als Kompensation für die vom Betrieb zu tragenden Ausbildungskosten zu erreichen. Außerdem kann und sollte der Staat in einer Sozialen Marktwirtschaft Ausbildungszulagen (Ausbildungssubventionen) und steuerliche Erleichterungen gewähren.

Die berufliche Weiterbildung ist im Gegensatz zur betrieblichen Ausbildung gesetzlich nicht geregelt, spielt aber im Zeitalter der Wissensgesellschaft und des lebenslangen Lernens eine immer größere Rolle (Bildungs- und Wissenschaftspolitik). Dabei wird der Einzelne mehr Verantwortung für seine Qualifizierung übernehmen müssen, um beruflich flexibel zu sein und das Risiko der Arbeitslosigkeit zu verringern. Das erfordert mehr Transparenz und Beratung durch zuständige Führungskräfte und Experten, wie es in einigen Betriebsvereinbarungen und inzwischen vereinzelt auch in Tarifverträgen (Tarifrecht) als vertraglicher Anspruch vorgesehen ist. Es setzt auch voraus, dass der Einzelne bereit ist, den in einer Reihe von Bundesländern bestehenden Rechtsanspruch auf Bildungsurlaub für die berufliche Weiterbildung zu nutzen und ggf. Freizeit zu opfern sowie sich an den Kosten der Weiterbildung zu beteiligen. Letzteres ist dann erforderlich, wenn die berufliche Weiterbildung zwar dem Einzelnen nützt, nicht aber dem derzeitigen Arbeitgeber. Die Bundesagentur für Arbeit unterstützt außerdem im Rahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik Arbeitnehmer bei der Fortbildung, Umschulung und Einarbeitung, um deren Arbeitslosigkeit von vornherein zu vermeiden. Fernunterricht, Internet und der Einsatz neuer Technologien eröffnen darüber hinaus kostengünstige Möglichkeiten der beruflichen Weiterbildung.

Literaturhinweise:

  • Bundesministerium für Bildung und Forschung, Berufsbildungsbericht (jährlich) sowie Berichtssystem Weiterbildung VII (erscheint im 2-Jahresrhythmus);
  • Lith, Ulrich van (1997), Finanzierung der beruflichen Bildung, in: Zeitschrift für Wirtschaftspolitik, Nr.7, S. 400 – 407.

Ulrich van Lith