de Jürgen Struck

Landwirtschaft und Nachhaltigkeit

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Spätestens seit den 2015 veröffentlichten Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals) der Vereinten Nationen (UN) ist der komplexe Begriff „Nachhaltigkeit“ ein fester Bestandteil der politischen Kommunikation. Dabei hat sich sein Verständnis in Deutschland stark verkürzt. Für die Landwirtschaft verbindet es sich mit der Vorstellung einer minder produktiven Wirtschaftsweise als ideale Wirtschaftsform, möglichst in Form des Ökolandbaus. Nachhaltig gleich bio – so lautet die Formel. Die in dieser Wirtschaftsweise um etwa fünfzig Prozent deutlich verminderten Erträge pro Fläche plus zusätzliche Flächenstilllegungen gelten als Zielvorstellung. Die Welt wird unserem Verständnis nicht folgen können.

In den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung stehen drei Forderungen seit Langem an der Spitze: Armut und Hunger beseitigen, Bildung sowie Gleichstellung der Geschlechter. Neu hinzugekommen sind vor einigen Jahren „Maßnahmen zum Klimaschutz“ sowie die Forderung nach nachhaltigem Konsum und einer nachhaltigen Produktion.

Global besteht die Herausforderung, die Lebensmittelerzeugung bis 2050 für die dann etwa neun bis zehn Milliarden Menschen umfassende Weltbevölkerung um etwa zwei Drittel – verglichen mit heute – zu steigern. Nach dokumentierten Erfolgen zum Abschluss der Millenniumsziele (2015) steigt die Zahl der Hungernden mittlerweile wieder an, wie aus Berichten der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (Food and Agriculture Organization, FAO) hervorgeht.

 

Klimaschutz versus Hunger?

 

Vor diesem Hintergrund ergibt sich, dass die UN-Nachhaltigkeitsziele der Landwirtschaft eine herausgehobene, teilweise sogar herausragende Rolle einräumen. Der aktive Beitrag des Sektors steht aus globaler Perspektive im Vordergrund. Zwar bleibt ein Spielraum, dass die Vorgaben an die jeweilige Situation angepasst anzuwenden sind, doch mit Blick auf Deutschland besteht eine allzu große Distanz. Während den existenziellen Herausforderungen wie Hunger und Armut in globaler Perspektive möglichst rasch und umfassend zu begegnen ist, beherrschen in Deutschland andere Schwerpunkte die Debatte. „Nachhaltige Entwicklung“ wird gleichgesetzt mit Biodiversität und „Klimaschutz“. Die daraus entstandene Dynamik führt zu weitreichenden Entscheidungen, die alle Sektoren der Volkswirtschaft betreffen, auch den Agrarsektor. Im Sinne einer global nachhaltigen Entwicklung ist es nicht zu vermitteln, dass weltweit landwirtschaftliche Flächen intensiver genutzt werden müssen, um Hunger zu bekämpfen, während hierzulande fruchtbare und ertragreiche Flächen, ökologisch begründet, praktisch stillgelegt und sich selbst überlassen werden sollen. Das ist umso unverständlicher, wenn man bedenkt, dass es nur mit einer nachhaltig intensivierten Landwirtschaft möglich ist, ausreichend Nahrungsmittel zu produzieren.

Schwer fällt der Verlust von weltweit rund zwölf Millionen Hektar Agrarflächen pro Jahr, so das Bundeslandwirtschaftsministerium, ins Gewicht: Setze sich dieser Trend fort, würden die Ernten in den kommenden Jahren um 25 Prozent sinken. Als Konsequenz daraus ergibt sich, dass die landwirtschaftliche Erzeugung künftig an vielen Orten mit steigender Effizienz geschehen muss.

Dabei sind die Voraussetzungen grundsätzlich gegeben, den Hunger besiegen zu können. Erfolge in der Wissenschaft und effiziente Produktionsmittel bilden dafür die Grundlage. Doch einseitige Präferenzen, wie das Ideal von kleinbäuerlicher und möglichst „ökologischer“ Landwirtschaft selbst in Krisenregionen, werden zu einer gedeihlichen Entwicklung nicht beitragen. Dazu müssen die Prioritäten auf einer ebenso effizienten wie umweltgerechten Produktion liegen.

 

Bedenkenlose Ablehnung von Biotechnologie

 

Als wenig zielführend erweist sich, Fortschritte durch neue Formen der Biotechnologie, namentlich in der Pflanzenzucht im eigenen Land, zu verteufeln, während sie anderenorts – leider teils gänzlich bedenkenlos – angewandt werden. Als Reaktion auf unsere ebenso bedenkenlose Ablehnung wandern wertvolles Wissen in der Forschung und Industrie mittelfristig aus Deutschland und EU-Europa ab – was auch die Möglichkeit nimmt, sich an weiteren, auch kritischen Diskussionen und zielorientierten Maßnahmen zu beteiligen und darin ernst genommen zu werden.

Die besonders in Deutschland oftmals geäußerte Kritik an Agrarexporten aus dem eigenen Land gilt es zu überdenken. Nach wie vor ist Deutschland ein Nettoimporteur von Agrargütern, beim Gemüse liegt die Eigenversorgung bei gut dreißig Prozent. Ein großer Teil des „Biogemüses“ stammt aus dem Ausland. Noch viel gravierender ist die Situation in Ländern wie dem Vereinigten Königreich, das traditionell auf den Import von Nahrungsgütern in großem Maßstab angewiesen ist – heute eben auch aus Deutschland und anderen europäischen Ländern. Auch Italien ist auf Milchimporte aus Deutschland angewiesen.

Primäre Funktion der Landwirtschaft war und ist, qualitativ hochwertige Nahrungsmittel vielfältig und ausreichend zu produzieren. Dabei setzen auch konventionelle Landwirte – selbst wenn es, wie in jeder Berufsgruppe, auch schwarze Schafe gibt – allein schon aus Eigeninteresse auf den effizienten Umgang mit natürlichen Ressourcen. Seit einiger Zeit melden sich die landwirtschaftlichen Erzeuger in Deutschland verstärkt zu Wort und zeigen: Im internationalen Vergleich hervorragend ausgebildete Landwirte produzieren mittels moderner Technologie verantwortungsvoll Lebensmittel und deren Rohstoffe. Dass es mit Sicht auf Biodiversität und Klimaschutz wie an anderen Stellen der Gesellschaft noch Luft nach oben gibt, auch teils ein Umdenken notwendig ist, bestreiten die wenigsten. Aber sie wollen sich nicht dafür entschuldigen, dass sie Produzenten von Lebensmitteln sind. Den teils romantisierenden, städtischen Vorstellungen vom Landleben widersetzen sie sich und mahnen an: Grundlegende gesellschaftliche Umbrüche dürfen sich nicht selektiv an eine Gruppe richten.

Immerhin erkennt der Klimaschutzplan der Bundesregierung an, dass die Potenziale, klimarelevante Gase zu mindern, in der Landwirtschaft grundsätzlich limitiert sind. Kohlendioxid ist eben ein Teil des Lebens. Dennoch soll der Sektor in Deutschland bis 2030 mit bis zu 38 Prozent im Vergleich zu 1990 dazu beitragen, die Klimaziele zu erreichen. Dazu sollen Tierbestände abgebaut und Flächen stillgelegt werden. Zusätzlich sollen Lachgasemissionen aus der Düngung deutlich reduziert werden, selbst wenn der Anteil der Landwirtschaft an den gesamten Treibhausgasemissionen in absoluten Zahlen vergleichsweise gering ausfällt.

 

Die Frustration der Bauern

 

Der seit Jahrzehnten stattfindende Strukturwandel in der landwirtschaftlichen Erzeugung blieb für die Gesamtgesellschaft weitgehend unbemerkt. Gab es im Jahr 1960 allein im damaligen Gebiet der Bundesrepublik Deutschland noch mehr als 1,5 Millionen landwirtschaftliche Betriebe, so sind es derzeit nur noch rund 260.000. Ihre Zahl wird nach einer Studie der Deutschen Zentralgenossenschaftsbank allein in den kommenden zwanzig Jahren auf etwa ein Drittel sinken – mit erheblichen Konsequenzen für das Leben in den betreffenden Regionen. Allen Appellen und Beteuerungen zum Trotz, besonders kleine Betriebe erhalten und fördern zu wollen. Denn wie sollten diese ständig steigende Anforderungen und regulatorische Vorgaben erfüllen können, und wer ist noch dazu bereit?

Nur ein hoher Ausbildungsstand der in der Landwirtschaft verbliebenen Akteure, moderne Produktionstechnik und effiziente Betriebsorganisation bei Einbindung in den Weltmarkt lassen die Produktion hierzulande überhaupt noch zu. Allerdings ist die Landwirtschaft seit Beginn der 1980erJahre zunehmendem Druck gesellschaftlicher Gruppen ausgesetzt, der sich in der jüngeren Zeit massiv erhöht hat. Die Kritik umfasst alle Produktionsbereiche und kann ständig nach Belieben erweitert werden. Die Agrarwirtschaft scheint in ihrer Breite zur einer Art „Moving Target“, zum beweglichen Ziel, geworden zu sein. Die Frustration vieler Landwirte ist groß, aber sie müsste es nicht sein, wenn man ihre zentrale Rolle in Fragen globaler Nachhaltigkeit ernst nimmt.

Entgegen der hiesigen Sichtweise muss es für mehr Nachhaltigkeit weiterhin ein vorrangiges Ziel sein, bestehende Bodenpotenziale sinnvoll zu erschließen, die Bildung von Wüsten einzudämmen oder im Idealfall die Flächen wieder zu „begrünen“. Der Anbau neuer und mittels gentechnischer Verfahren angepasster Pflanzensorten mit entsprechenden Merkmalen, wie ausgeprägter Trocken- oder Schädlingsresistenz, wäre für eine wirklich nachhaltige Entwicklung in den genannten Regionen sinnvoll.

Die heimische Landwirtschaft könnte dazu beitragen, für eine nachhaltige Bauwirtschaft neue Rohstoffe jenseits von Holz als Bau- und Stroh als Dämmmaterial bereitzustellen. Übrigens sind hochwertige pflanzliche Rohstoffe für vegetarische Lebensmittel in Deutschland knapp und müssen bisher ebenfalls zu großen Teilen importiert werden. In sozialer Hinsicht bieten die ländlichen Räume in Mitteleuropa Ansatzpunkte, beispielsweise für Pflege- und Wohngemeinschaften in geeigneten landwirtschaftlichen Betrieben. Erste Projekte machen Hoffnung. Kreative Lösungen sind gefragt und möglich. Es darf in der Agrarpolitik für Europa nicht nur die Option geben, zwischen „Acker oder Brache“, begleitet von Verboten, zu entscheiden. Gefragt ist vielmehr ein Pakt für ländliche Räume, der – jenseits städtischer und nationaler Blasen – den aktiven und zentralen Beitrag von Landwirtinnen und Landwirten sowie ihres regionalen Umfelds für die umfassenden UN-Nachhaltigkeitsziele wahrnimmt und ermöglicht.

 

Jürgen Struck, geboren 1956 in Höxter, promovierter Agrarwissenschaftler und Autor.