„Dialektische“ Verunklarung: Wie Linksextremisten aus einem X ein U machen

Der sogenannte „dialektische Materialismus“ galt bis 1989 in kommunistischen Regimes als offizielle „Erkenntnistheorie“, nach deren Verfahrensregeln man die Welt angeblich zuverlässig erklären konnte. Ob ihn bis auf die Ideologie-Exegeten des Systems überhaupt jemand in dieser Rolle ernst genommen hat, kann dahingestellt bleiben.

Wichtiger ist eine andere Funktion des „dialektischen Materialismus“: Als Agitationstechnik ist er bestens dafür einsetzbar, Aussagen gezielt zu verunklaren, Sachverhalte zu verdrehen und klare Stellungnahmen zu umgehen. Wer die Technik „dialektischen“ Argumentierens beherrscht, wird bei einigem Geschick in der Lage sein, in fast jeder Lage einer Tatsachenaussage das Gegenteil vorzuhalten und dem Diskussionspartner buchstäblich ein X für ein U vorzumachen.

Die sogenannten Hauptsätze der Dialektik machen dies möglich. Sie bestehen im Wesentlichen aus drei Grundannahmen:

  1. Alle Erscheinungen und Gegenstände lassen sich nicht getrennt voneinander analysieren, sondern stehen in unauflösbarem widersprüchlichem Bezug zueinander;

  2. keine Sache ist statisch, sondern alle sind in steter Entwicklung und Wandlung begriffen;

  3. diese Entwicklung vollzieht sich nicht in einer Abfolge erkennbarer Ursachen und Wirkungen, sondern dergestalt in Gegensätzen, dass eine Sache oft schon den Keim ihrer inneren Widerlegung in sich trägt. Sie ist dann zum Zeitpunkt der Beschreibung schon etwas anderes, als sie zu sein scheint: Form und Inhalt könnten also auseinandertreten.
Das alles sind wunderbare Grundannahmen und Argumentationsmuster, mit denen politische Aussagen praktisch beliebig gestaltet werden können. Dazu drei Beispiele, die sich auf die genannten Hauptaussagen der Dialektik beziehen:

  1. Die Behauptung von der unauflösbaren gegenseitigen Bedingtheit der Dinge:

    Auf den Vorwurf, die SED habe die Mauer errichtet und 16 Millionen Menschen dauerhaft eingesperrt, wird der Kommunist antworten, die seinerzeitige Erscheinung könne man nicht isoliert von ihren weltpolitischen Bedingungen beurteilen. Dazu gehörten seiner Auffassung nach das revanchistische Programm der Adenauer-Regierung, die DDR personell durch Abwerben von Fachkräften auszutrocknen, die imperialistische Umkreisung des sozialistischen Lagers, die Atmosphäre des vom Westen geschürten Kalten Krieges, der Wunsch, den sozialistischen Aufbau gegen die Konterrevolution zu schützen etc. Am Schluss bleibt von der Menschenrechtsverletzung nichts Nennenswertes mehr übrig, die weltpolitischen Rahmenbedingungen haben die „Grenzsicherungsmaßnahme“ tragischerweise notwendig gemacht.

  2. Die Beschreibung eines gegenwärtigen Zustandes treffe die Sache nicht, weil diese sich in einem ständigen Entwicklungsprozess befinde:

    Die Behauptung, dass es in der DDR einen Mangel an Sanitärinstallationen gegeben habe, wird der Funktionär zurückweisen mit dem Hinweis, dass die isolierte Betrachtung vorübergehender Versorgungsengpässe dem dynamischen Charakter der sozialistischen Wirtschaft nicht gerecht werde. Im Kontext der Entwicklung und Erfüllung des Fünfjahrplanes belegten schon die Planindikatoren, dass die sich stetig vervollkommnende sozialistische Produktionsweise der krisenanfälligen, anarchischen und lediglich kurzfristigem Profitdenken folgenden kapitalistischen weit überlegen sei. Momentaufnahmen, die sich als scheinbare Versorgungsengpässe darstellten, verfehlten daher das Wesen der Sache.

  3. Dinge seien nicht automatisch mit ihrem äußeren Erscheinungsbild identisch. Form und Inhalt könnten auseinandertreten, weil eine Sache stets schon den Keim ihrer dialektischen Widerlegung in sich trage:

    Auf den Vorhalt, die westlichen Staaten hätten mit der Entspannungspolitik zum Frieden in Europa beigetragen, wird der Funktionär antworten, man dürfe die Erscheinungsform imperialistischer „Friedenspolitik“ nicht mit dem aggressiven Wesen des Monopolkapitalismus verwechseln. Tatsächlich sei die Entspannungspolitik eine Reaktion auf die gewachsene Stabilität und Macht des sozialistischen Lagers und zugleich ein besonders heimtückischer Versuch, durch Appelle an die bekannte Friedensliebe der sozialistischen Menschen deren Wachsamkeit gegenüber den revanchistischen Plänen des Imperialismus einzuschläfern.

Mit den verschiedenen Verfahren des dialektischen Argumentierens lassen sich eine Reihe von für den Agitator günstigen Effekten erzielen. Das dialektische Muster 1) nivelliert und relativiert klare Stellungnahmen so lange, bis am Schluss „irgendwie“ alles gleich ist und Unterschiede im Nebel dialektischer „Bedingtheiten“ und Zusammenhänge verdampft sind. Es versteht sich, dass dabei nicht genehme Zusammenhänge eher ausgeblendet und andere hervorgehoben werden. Das Ergebnis hat den Vorteil, dass es – weil eine identifizierbare Ursache fehlt – keine Vorhaltungen wegen irgendwelcher Fehlleistungen mehr geben kann; die Figur des verantwortlichen Verursachers und Täters verschwindet aus dem Denken – zur Relativierung kommunistischer Verbrechen ein sehr wirksames Verfahren.

Das Muster 2) vermeidet klare Aussagen und Wertungen und macht es möglich, auch offensichtlich kontrafaktische (= der Wirklichkeit nicht entsprechende) Behauptungen unter Verweis auf eine gegenläufige Entwicklungstendenz stehenzulassen. Die analytische Beschreibung einer Sache erscheint als weitgehend verzichtbar, wenn sie sich ohnehin in ständigem Wandel befindet.

Das Muster zu 3) schließlich mit seiner Behauptung vom Auseinandertreten des Wesens und der Form ermöglicht es, buchstäblich ein X für ein U vorzumachen: Wenn ein sozialistischer Überfall gar keine Aggression, sondern seinem Wesen nach die Unterstützung einer Befreiungsbewegung war, dann kann auch eine humanitäre Intervention, die der Verhinderung eines bereits in Lauf gesetzten Völkermordes dient, zum „völkerrechtlichen Angriffskrieg“ umgedeutet werden – selbst wenn sie gewaltlos verlaufen sollte.

Wer diese dialektischen Argumentationsverfahren beherrscht, genießt gerade in Diskussionen, bei denen nicht kritisch nachgefragt wird, einen erheblichen Vorteil und hat die Möglichkeit, sich unerwünschten Aussagen weitgehend zu entziehen.

Rudolf van Hüllen

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