Autonomer Szene-Jargon

Autonomer Szene-Jargon ist nicht „wissenschaftlich“, dafür aber emotional sehr expressiv. Er vermittelt Hass auf die bestehende Gesellschaft, umschreibt manchmal offen, manchmal ironisch-zynisch die eigene Gewaltbereitschaft gegen Andersdenkende und lehnt sich nicht selten an die Sprache von Gauner- und Kriminellenmilieus an.

Der Begriff „Szene“ ist eine Selbstbezeichnung autonomer Gruppen für ihr Milieu. Man sieht, dass es weniger stark um formalisierte Organisationen wie bei den Kommunisten geht (siehe auch Was ist Kommunismus?). Sehr diffus ist gelegentlich von „unseren Zusammenhängen“ die Rede. Festgelegte Einrichtungen gibt es nur wenige. An erster Stelle ist die „Vollversammlung“ oder das „Plenum“ zu erwähnen. Auch hier gibt es keine festen Mitgliedschaften, hinzukommen kann, wer von den anderen akzeptiert wird. Nicht wenige Szenen kennen Gender-Mainstreaming-segregierte „FrauenLesbenPlena“, zu denen Männer selbstverständlich keinen Zugang haben. Als Stützpunkte kennt die Szene sogenannte „Freiräume“, zumeist besetzte Häuser, aber auch linke Kneipen, Buchläden und kommunale Einrichtungen. Oft verfügen „autonome Zentren“ über „Infoläden“ – Räume, in denen Agitationsmaterial ausgetauscht wird, die über Fax und Internet-Anschluss verfügen und so als kommunikative Drehscheiben der Szene fungieren. Im Anschluss an Veranstaltungen kann, wer möchte, sich in „Voküs“ („Volxküchen“) verköstigen. Dort wird in der Regel vegetarisch oder vegan gekocht, das Ausgangsmaterial wird gespendet, geklaut oder „containert“ (1).

Ironisch und damit stark verharmlosend umschrieben wird im Szenejargon alles, was mit „politischen actions“ zusammenhängt, weil es meist strafbaren Einschlag aufweist. Ladendiebstähle, kleinere Sachbeschädigungen (z.B. an Fahrkartenautomaten oder anderen öffentlichen Einrichtungen), Versicherungsbetrug, Sozialleistungserschleichung oder Schwarzfahren gelten als „Alltagsmilitanz“ oder „Widerstand“. „Klandestine Aktionen“ ist der übliche Begriff für im Geheimen vorbereitete, zumeist nachts ausgeführte Anschläge gegen Symbole, Einrichtungen oder Personen des „Systems“. Sie müssen nach autonomem Benimm der eigenen Klientel „vermittelbar“ sein, weshalb im Regelfall eine Taterklärung mit ausführlicher Begründung veröffentlicht wird – heute zumeist im Internet. Wenn darin verharmlosend die Rede davon ist, man habe „XY angegriffen“, bedeutet das keine verbale Attacke, sondern die unmittelbare physische Schädigung entweder der angegriffenen Person oder ihrer Vermögenswerte.

Auch scheinbar lustige Begriffe wie im Zusammenhang mit Brandstiftungen an Fahrzeugen das „Abfackeln“, „Auslüften“ oder „Tieferlegen“ meinen die Totalzerstörung wertvoller Wirtschaftsgüter, die den Besitzer nicht selten substanziell in seiner Lebensführung trifft. Gehört das „Abfackeln“ von Autos zu den relativ „üblichen“ Anschlagsformen der Szene, so umschreibt die Bezeichnung „große Dinger“ Brand- und Sprengstoffanschläge von größerem Ausmaß. Handelt es sich nicht um „Erfolgsmeldungen“, sondern um die Vorbereitung von Straftaten, wird dies sprachlich sorgfältig verpackt. Wenn im Rahmen des sogenannten „Fahndungsantifaschismus“ Fotos, Anschriften und Kfz-Kennzeichen beispielsweise von Rechtsextremisten veröffentlicht werden, heißt es häufig dazu: „Wir möchten selbstverständlich nicht zu Straftaten auffordern. Wir hoffen, ihr macht von den Infos verantwortungsvollen Gebrauch.“ Wie das tatsächlich gemeint ist, ergibt sich aus der gern verwendeten, von der KPD der 1930er Jahre entlehnten Parole „Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft“ oder deren Weiterentwicklung „Trefft die Faschisten, wenn ihr sie schlagt“. Straßenkrawalle, die oft mit exzessiven Zerstörungen und Plünderungen einhergehen, werden daher auch knapp als „Putz“, „Randale“ oder „Bambule“ bezeichnet – deutlicher kann kaum ausgedrückt werden, dass es hier längst nicht mehr um die Wahrnehmung von Demonstrationsrechten (Art. 8 GG „...friedlich und ohne Waffen“) geht. Gleichwohl werden vorab solche Gewaltexzesse mit verharmlosenden Bezeichnungen versehen wie „laute, bunte und kämpferische Demo“. Wer sich auskennt, versteht die Botschaft: Hier wird Gewalt systematisch vorbereitet.

Bei Gewaltfantasien gegen politische Gegner bedienen sich Autonome gerne beim Kriminellen-Jargon: „Faschisten aufs Maul“ oder „Nazischweine plattmachen“ sind gängige Beispiele dafür. „Schweine“ ist eine Etikettierung, die darauf zielt, dem Gegner die Menschenwürde abzuerkennen. Es gibt sie auch in der Kombination „Kapitalistenschweine“ und „Bullenschweine“ (siehe auch Der Polizist als Hauptfeind des Linksextremisten), entsprechende bildhafte Darstellungen unterstützen solche menschenverachtenden Sprachregelungen. Die „Schweine“-Diktion, am häufigsten verwendet in der Bezeichnung der existierenden Gesellschaftsordnung als „Schweinesystem“, teilen Autonome mit dem Sprachgebrauch von Linksterroristen (2) (siehe auch Führt Linksextremismus zu Terrorismus?). Aber nicht nur von Linksterroristen: Die ungehemmte Gewaltsprache fanden vor Jahren auch die neonazistischen „Autonomen Nationalisten“ so anheimelnd, dass sie ganz unkompliziert einige Parolen aus dem autonomen Spektrum mit „seitenverkehrter“ Umdeutung abkupferten (siehe auch „Autonome Nationalisten“).

Rudolf van Hüllen

(1) „containern“: Beschaffung von Lebensmitteln, die in Supermärkten wegen Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums aussortiert werden.

(2) Legendär ist die Aussage von Ulrike Meinhof: „Bullen sind Schweine, der Typ in Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch (…). Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden (…), und natürlich kann geschossen werden.“ (Ulrike Meinhof in: Der Spiegel vom 15.06.1970.)

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