Falsche Vorbilder: Rosa Luxemburg

„Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“ – wer kennt nicht Rosa Luxemburgs berühmte Worte? Nicht alle Linksextremisten stimmen ihnen allerdings zu. Orthodoxe Kommunisten verteufeln das Zitat als Abweichung von der „reinen Lehre“. Andere erheben es dagegen zum Leitspruch eines „demokratischen“ Sozialismus. Zu Unrecht. Denn die in unterschiedlichen Lagern wie eine Heilige verehrte Rosa Luxemburg war alles andere als eine Anhängerin von Freiheit und Demokratie.

Zehntausende sind es Januar für Januar, die Rosa Luxemburg und ihrem Mitkämpfer Karl Liebknecht mit Kranzniederlegungen huldigen. Wie zuvor die SED schreitet seit der demokratischen Revolution in der DDR die Spitze ihrer Nachfolgeparteien PDS bzw. Die Linke bei den Gedenkmärschen voran. Sie knüpfen an den Märtyrer-Kult an, der schon bald nach der Ermordung der beiden Kommunisten im Jahr 1919 begann. Bereits die von ihnen mitbegründete KPD hielt auch während ihrer Stalinisierung zu Zeiten der Weimarer Republik an dieser quasireligiösen Verehrung fest – während zugleich Luxemburgs Werk in Ungnade fiel (1).

Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte zunächst auch die SED-Diktatur diesen Widerspruch nicht auflösen. Dies änderte sich erst in den 1960er Jahren. Damals begann in Westdeutschland eine „Neue Linke“ damit, Luxemburg für einen „dritten Weg“ zwischen „Kapitalismus“ und „Stalinismus“ zu vereinnahmen. Dies zwang die Machthaber in der DDR zur Kehrtwende. Luxemburg holte man eilends in den Kanon der herrschenden Ideologie des Marxismus-Leninismus zurück. Damit wurde die SED der Kommunistin eher gerecht als nach der „Wende“ die PDS. Denn ab 1989 musste die Berufung auf Luxemburg als Beweis einer demokratischen „Erneuerung“ herhalten. Heute treten Linksextremisten und auch linke Demokraten jeder Schattierung in ihrem Namen für „Frieden“ und „soziale Gerechtigkeit“, gegen „Faschismus“ und „Neoliberalismus“ ein. Völlig vergessen ist offenbar, für welche Ziele Luxemburg zu ihren Lebzeiten gekämpft hat.

Rosa Luxemburg war eine streitbare, eloquente Frau, die leidenschaftliche Liebesbriefe schrieb, trotz einer Behinderung mit körperlichem Einsatz für ihre Ideale stritt und am Ende einen schrecklichen Tod fand. Sicherlich ist das der Stoff, aus dem Mythen gestrickt werden. Mythen aber, die den Blick auf die von ihr vertretene Ideologie verstellen. Am Ende des 19. Jahrhunderts war die aus Polen stammende Luxemburg die Kontrahentin Eduard Bernsteins im sogenannten Revisionismusstreit in der SPD. Dessen sozialreformerische Ideen erkannte sie allenfalls als Mittel zu einer „Diktatur des Proletariats“ an. Auch ihre spätere, in scharfer Polemik vorgetragene Kritik an den SPD-Politikern Ebert und Scheidemann war Ausdruck ihrer tiefen Abneigung gegenüber der parlamentarischen Demokratie, zu der sich die SPD inzwischen mehrheitlich bekannte. So war es nur konsequent, dass sich Luxemburg und ihre Mitstreiter von der Partei abwandten. Ihr „Spartakusbund“ geriet selbst in der USPD, die sich im Streit um die Kriegskredite von der SPD abgespalten hatte, in die Isolation. Die Gründung der KPD unter dem Eindruck der Oktoberrevolution 1917 in Russland war eine logische Folge. Die Spaltung der Arbeiterbewegung nach dem Ersten Weltkrieg in Sozialdemokraten und Kommunisten, mithin in Demokraten und Extremisten, ist nicht zuletzt mit Luxemburgs Namen verknüpft.

Während sie im Jahr 1918 eine Gefängnisstrafe absaß, verfasste Luxemburg das Manuskript ihrer erst posthum veröffentlichten Schrift „Zur russischen Revolution“. Darin notierte sie das „Freiheits“-Zitat als Randbemerkung. Es ist ein Irrtum zu glauben, der Begriff der Freiheit sei fest in Luxemburgs Denken verankert. Er findet sich in keinem anderen Text ihres umfangreichen Gesamtwerks. Gleichwohl hatte sie in ihrer Gefängnisschrift Lenins Bolschewiki scharf attackiert (siehe auch Falsche Vorbilder: Wladimir Iljitsch Lenin). Insbesondere deren Zentralismus und Cliquenwirtschaft fanden bei Luxemburg keine Gnade. Sie sah die Spontaneität der revolutionären „Volksmassen“ in Gefahr. Für diese könne es „Freiheit“ nur unter der Diktatur einer Klasse, nicht aber unter der Diktatur einer Partei geben. Die – tatsächlich andersdenkenden – „Bürgerlichen“, die Lenin zu Tausenden liquidieren ließ, waren Luxemburg jedoch nicht der Rede wert. Was sie als „Freiheit“ ausgab, galt nur für Anhänger der kommunistischen Bewegung, nicht aber für den „Klassenfeind“. So verwundert es wenig, dass Luxemburg am Ende ihrer Schrift die Bolschewiki in den höchsten Tönen lobte: Es sei „ihr unsterbliches Verdienst“ gewesen, „dem internationalen Proletariat vorangegangen zu sein“.

Strikt unterschied Luxemburg also zwischen einer „bürgerlichen“ und einer „sozialistischen Demokratie“. Letztere sei nichts anderes als die „Diktatur des Proletariats“. Die Institutionen eines demokratischen Verfassungsstaates strafte sie dagegen als „Werkzeug der herrschenden Klasseninteressen“ mit Verachtung. Die Staatsform der Republik taugte ihrer Ansicht nach allenfalls als Mittel „zur Verwirklichung des Sozialismus“. Dass Luxemburg die Bolschewiki wegen der Auflösung der russischen Verfassungsgebenden Versammlung schalt, hatte nichts mit einer Akzeptanz des Parlamentarismus zu tun. Die „bürgerlichen“ Volksvertretungen waren für sie nicht mehr als eine „Arena des Klassenkampfes“. Während und nach einer sozialistischen Revolution hätten sie ihr „Daseinsrecht verwirkt“. Luxemburg war eine Marxistin durch und durch. Sie teilte den Kern dieser Ideologie ohne Wenn und Aber: die Doppelstrategie aus sozialen Reformen innerhalb des „bürgerlichen Systems“ und dessen letztendliche Beseitigung durch einen sozialistischen Umsturz. Nicht ein „parlamentarischer Mehrheitsbeschluss“, sondern „einzig der Hammerschlag der Revolution“ werde einer sozialistischen Gesellschaft den Weg bahnen. Luxemburg schreckte auch vor Bürgerkrieg nicht zurück, der nur ein anderer Name des Klassenkampfes sei. In ihrem Verständnis als „Antiimperialistin“ agitierte Luxemburg zwar gegen den Ersten Weltkrieg. Doch Pazifistin war sie nicht (siehe auch „Antimilitarismus“ und „Antiimperialismus“ bei Linksextremisten).

Heute beziehen sich unterschiedliche linksextremistische Strömungen auf Rosa Luxemburg (2). Dabei werden ihr orthodoxe Marxisten am ehesten gerecht: Sie zeichnen das realistische Bild einer militanten Revolutionärin, die den „bürgerlichen“ Staat fundamental ablehnte. Das „Freiheits“-Zitat wird allerdings vorsichtshalber ignoriert. Wer dagegen, wie nicht wenige Reformsozialisten, unter Berufung auf Luxemburgs berühmte Worte einen „dritten Weg“ eines „demokratischen Sozialismus“ weist, zeigt Scheinalternativen auf. Luxemburgs kommunistisches Doppel-Konzept einer „revolutionären Realpolitik“ dient immerhin noch heute selbst den „Reformern“ in der Partei Die Linke als Vorbild. Rosa Luxemburg kann für vieles stehen – für eine soziale und zugleich freiheitliche Demokratie keinesfalls.

Jürgen P. Lang

(1) Vgl. Barbara Könczöl, Märtyrer des Sozialismus. Die SED und das Gedenken an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, Frankfurt am Main 2008.

(2) Vgl. Jürgen P. Lang, Heilige Rosa? Die Luxemburg-Rezeption in der Partei „Die Linke“, in: Deutschland Archiv 42 (2009), S. 900–907. Im Internet hier abrufbar.

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