Kultur für den Klassenkampf: Linksextremistische Musik

„Menschenverachtung mit Unterhaltungswert“ - so charakterisierte der Medienwissenschaftler Thomas Pfeiffer rechtsextremistische Hassmusik und ihre Inszenierung als „Event“. Trifft das auch für linksextremistische Musik zu? In Teilen ja, in Teilen nicht, meinen wir.

Musik, Kunst und Kultur gehören für Kommunisten und auch für Autonome zu Knechten und Mägden politischer Absichten degradiert. Sie haben als „Agit-Prop“ die Funktion, politische Anliegen zu unterstützen. Kultur ist, so die gängige kommunistische Doktrin, eine „Waffe im Klassenkampf“. Und da sie die Emotion anspricht, keine unwichtige. Aus linksextremistischer Sicht ist allerdings nicht ihre ästhetische, künstlerische Qualität entscheidend, sondern ihre politische Aussage, ihr „Klassenstandpunkt“. Kunst hatte im „realen Sozialismus“ nur dann eine Berechtigung, wenn sie die Anliegen der Regierung oder der Kommunisten bestätigte. Kunst als Äußerung von Opposition war nicht erwünscht - wer aufmuckte, flog bestenfalls aus der DDR, schlimmstenfalls ins Stasi-Gefängnis, wie es zahllose Dissidenten bezeugen, von denen Wolf Biermann nur der bekannteste ist.

Musik ist im Grundsatz (leider) für jede Form des politischen Extremismus instrumentalisierbar. Man kann Melodien sowohl mit rechts- als auch linksextremistischen Texten singen. Die Verwendbarkeit ist allenfalls graduell eingeschränkt: Der 4/4-Takt des klassischen Militärmarsches taugt für die Konditionierung von Neonazis besser als gregorianische Gesänge aus mittelalterlichen Klöstern. Aber wie sich in jüngster Zeit zeigte, sind auch „linke“ Musikstile wie Rap und Hip Hop für eine rechtsextremistische Verwendung (siehe auch Rechtsextremismus als Event: Rechtsextreme Musik) geeignet.

Das Liedgut der sozialistischen Arbeiterbewegung ist natürlich weder menschenverachtend noch linksextremistisch. Und es gehört zum größeren Teil auch zum Traditionsbestand linksextremistischer Musik. Zudem sind die Texte - anders als beim Rechtsextremismus - nicht im gleichen Ausmaß von Hasstiraden geprägt. Die Gewalt- und Extremismusladung steht weder mit dem Musikstil noch mit der Epoche, in der das Stück entstand, in notwendigem Zusammenhang.

„Weichere“ Varianten linksextremistischer Musik reichen trotz eindeutiger politischer Positionierung in den Bereich der völlig legitimen Sozialkritik hinein. Als Beispiel können sehr gut linke „Liedermacher“ gelten. Dieter Süvercrüp, der singende RAF-Anwalt Franz-Josef Degenhardt, Hannes Wader und Konstantin Wecker - sie alle waren entweder Mitglieder der DKP oder ihr nahe und standen durch Kunst und mit ihrem Namen für den realen Sozialismus ein. Doch bleibt Süvercrüps Figur „Baggerführer Willibald“, der sich an seinem „Ausbeuter“ reibt („Der Boss steht meistens rum und redet laut und dumm“) gewissermaßen kindgerechte Klassenkampfagitation. Wenn Wader das „Lied der Moorsoldaten“ singt, ist die Wiedergabe eines historischen Stückes, das von Häftlingen des KZ Esterwegen komponiert wurde, gewiss als zeithistorisches Kulturgut für sich betrachtet unproblematisch. Passiert dies aber im Kontext aktueller Antifa-Agitation, so lautet der Subtext: Es ist heute in Deutschland nicht viel besser als damals nach 1933. Und zu jeder kommunistischen Friedensballade erklingt eigentlich unhörbar als zweite Stimme der Marsch der sowjetischen Raketentruppen.

Leichter hat man es mit militaristischen und hassgetränkten Texten, die wiederum in ganz unterschiedlichen Stilen auftreten können. Die militarisierte Kultur der DDR hat ausreichend monumentale Instrumentalmusik (von der Intonierung der „Internationale“ angefangen) bis zu ebenso monumentalen, meist von Männerchören gesungenen Hymnen auf die Staatssicherheit hervorgebracht. Sie entsprechen der Wertschätzung der rechtsextremistischen Szene für einschlägiges Wehrmachtsliedgut. Nun kann man dies als nostalgischen, wenig zeitgemäßen Kitsch abtun.

Bisweilen ist aber die Gewaltladung solcher rückwärtsgewandten Formate nicht unerheblich. Die von Ernst Busch gesungenen Kampflieder aus den 1930er Jahren können da mühelos mit modernen Hassgesängen mithalten: „Schluss mit dem Zank und Gezauder. Still da ihr Redner, du hast das Wort: Red’ Du, Genosse Mauser“. Die Zeile aus „Linker Marsch“ ist eine unverhohlene Aufforderung, den Diskurs durch Schusswaffengebrauch zu ersetzen.

Mit linksextremer Hassmusik verbindet man heute den schwer verständlichen Hardrock aus dem „Lauti“ einer Antifa-Demo. Rock, Rap, Hip Hop und Punk eignen sich schon aufgrund ihrer musikalischen Eigenheiten eher als andere Musikstile für gewaltaffine Musikagitation. Sie verbinden sich ja auch ein Stück weit mit gewaltaffinen Jugendkulturen, die ihrerseits mit der Autonomen-Szene teil-amalgamiert sind.

Hier geht es in der Regel nicht um utopisch-schwülstige Kampf- und Durchhalteappelle, sondern sehr konkret um Aufrufe zu physischer Gewalt gegen bestimmte Feindgruppen. Dabei stehen im Mittelpunkt tatsächliche und vermeintliche Rechtsextremisten und Polizisten (siehe auch Der Polizist als Hauptfeind des Linksextremisten). Ein Klassiker dieses keineswegs neuen Phänomens ist die seit 1979 existente Punk-Band „Slime“. Ihr Song „Bullenschweine“ hat seither zahlreiche Variationen gesungener bzw. gegrölter Menschenverachtung nach sich gezogen: „Wir wollen keine Bullenschweine. Dies ist ein Aufruf zur Revolte, dies ist ein Aufruf zur Gewalt. Bomben baun, Waffen klaun, den Bullen auf die Fresse haun: Haut die Bullen platt wie Stullen. Stampft die Polizei zu Brei. Haut den Pigs die Fresse ein, nur ein totes ist ein gutes Schwein“. Zwei Wiederaufführungen des „Klassikers“ durch die gealterten Rockmusiker führten 2010/2011 zu kleineren Straßenschlachten in Berlin und lösten schließlich eine Indizierung des Hassgesangs durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien aus - immerhin dreißig Jahre zu spät.

Es ist kein Zufall, dass die Hasstexte in den autonomen Aktionsfeldern „Antifaschismus“ und „Antirepression“ besonders dehumanisierend ausfallen und den Feindgruppen menschliche Würde und das Recht auf Leben absprechen. Nur haben sich Gesellschaft und Sicherheitsbehörden erst vor einigen Jahren für die Spiegelbilder des Nazi-Rocks zu interessieren begonnen.

Immerhin hatte man mit dem rechtsextremen Zwilling schon seine Erfahrungen und einen gesicherten wissenschaftlichen Forschungsstand, der sich auch für die Entschlüsselung linksextremistischer Menschenverachtung mit Unterhaltungswert nutzen ließ. Manchmal waren die Wege von der einen auf die andere Seite gar nicht so weit: Ein Rechtsextremist, der heute von Westfalen aus unter dem Namen „MaKssDamage“ völkisch-rassistischen Hip Hop verbreitet, hatte seine künstlerische Karriere in der DKP-Jugendorganisation und als Barde bei Berliner Antifa-Konzerten begonnen.

Rudolf van Hüllen

Lesetipps:

  • Ulrike Madest, Linksextremistische Musik in Deutschland, in: Uwe Backes /Eckhard Jesse / Alexander Gallus (Hrsg.), Jahrbuch Extremismus & Demokratie Jg. 25, Baden-Baden 2013, S. 136-149.

  • Verfassungsschutz des Landes Brandenburg, Tagungsband „Kultur des Hasses - Extremisten und Musik“ (2011), online hier verfügbar.

Compartir