Versteckspiel mit Wörtern: Sprachliche Mimikry

Es gibt Wörter, mit denen man ganz negative Dinge verbindet: Krieg, Diktatur, Gewalt zum Beispiel. Wer so etwas zum politischen Programm erklärt, wird damit bei einer Mehrheit der Bevölkerung schwerlich Zustimmung finden. Aber es gibt natürlich die Möglichkeit, diese unangenehmen Dinge mit Bezeichnungen auszustatten, die wir eher positiv finden. In der Natur kennt man solche Täuschungstechniken als „Mimese“: Ein Insekt betreibt Mimese, indem es die Form und die Farbe eines Astes annimmt. Es wird dann von seinen Fressfeinden nicht als Insekt erkannt.

So etwas geht auch in der Sprache.

Kommunisten werden einen von ihnen beabsichtigten Krieg nicht Krieg, sondern „Befreiungskampf“ nennen; sie werden statt Diktatur „Volksdemokratie“ sagen und statt Gewalt „Widerstand“ (siehe auch Marxistische bzw. marxistisch-leninistische Terminologie und „Krieg ist Frieden“ – die Umkehrung von Bedeutungen im linksextremen Sprachgebrauch).

Dafür gibt es Gründe: Karl Marx hatte 1848 im „Kommunistischen Manifest“ noch ganz ungeniert von „Diktatur des Proletariats“ gesprochen, und Lenin (siehe auch Falsche Vorbilder: Wladimir Iljitsch Lenin) hatte präzisiert, dass darunter eine Diktatur unter der „führenden Rolle der Partei“ (siehe auch Was war die „führende Rolle der Partei“?) zu verstehen sei. Weil die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) in der alten Bundesrepublik sich genauso offen äußerte, wurde sie 1956 vom Bundesverfassungsgericht verboten (siehe auch Wann darf man politische Parteien verbieten?).

Seither gilt es bei Kommunisten als unschicklich, derartig offen zu reden: Bei der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) hieß die „Diktatur des Proletariats“ daher eher unauffällig „politische Macht der Arbeiterklasse“ (1), für „Revolution“ verwendete die Partei „Bruch mit den herrschenden Verhältnissen“. Die Linke ist da noch etwas weicher: Sie stellte in den Reden ihrer Parteivorsitzenden bei ihrem Fusionskongress im Juli 2007 die „Systemfrage“, und in ihrem im Oktober 2011 in Erfurt verabschiedeten Programm spricht sie von einem „großen transformatorischen Prozess gesellschaftlicher Umgestaltung“ (2). Das klingt zwar kompliziert, aber zunächst einmal nicht bedrohlich.

Semantische Mimese kann sich nicht nur auf politische Absichten beziehen, sondern auch auf Handlungsmethoden und auf Personen. Ein Autonomer, der bei einem Protest gegen die NPD Geschäfte demoliert, Müllcontainer anzündet und Steine auf Polizisten wirft, wird eben in linksextremistischen Zeitschriften nicht als krimineller Randalierer, sondern als „jugendlicher Antifaschist“ bezeichnet (siehe auch Wie stehen Linksextremisten zur Gewalt als Mittel der Politik? und „Gewalt ist ein legitimes Mittel.“). Terroristen scheint es im Linksextremismus nicht zu geben, denn durchweg werden linksterroristische Organisationen dort als „Befreiungsbewegungen“, „Widerstandsgruppen“ oder – immerhin etwas deutlicher – als „Guerilla“ bezeichnet. Damit übernehmen Linksextremisten bewusst die Selbstbezeichnung solcher Gruppen: Auch die terroristische Rote-Armee-Fraktion bezeichnete sich selber als „Stadtguerilla“ (siehe auch Führt Linksextremismus zu Terrorismus?). Solchen sprachlichen Manövern sollte man sofort widersprechen. Schließlich käme ja auch niemand auf die Idee, eine Schlägerbande von Neonazis nach ihrem Selbstverständnis als „nationale Widerstandsgruppe“ zu bezeichnen.

Sprachliche Mimese gibt es nicht nur defensiv zur Verharmlosung linksextremistischen Handelns, sondern auch in einer offensiven Variante: Wenn Linksextremisten Aktivitäten ihrer politischen Gegner beschreiben, klingt das zumeist bedrohlich. Sie werden grundsätzlich mit derartig negativen Begriffen beschrieben, dass sich für den unkritischen Zuhörer oder Leser eine entsprechende Bewertung geradezu aufdrängt. Maßnahmen der amerikanischen Außenpolitik können in solcher Sprache nie etwas anderes sein als „Imperialismus“, und der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan mutiert dann schnell zum „völkerrechtswidrigen Angriffskrieg“ oder sogar zu „Staatsterrorismus“ (siehe auch Kann Deutschland auf die Bundeswehr verzichten? und Sind Auslandseinsätze der Bundeswehr „Imperialismus“?). Das Handeln von Unternehmern wird in linksextremistischer Terminologie immer mit „Profitmaximierung“ und „Ausbeutung“ in Zusammenhang gebracht. Die strafrechtliche Verfolgung linker Gewalttäter ist stets „Repression“. Bereits Kritik an linksextremistischen Positionen kann unter Umständen als „Provokation“ beanstandet werden – was schon die Ankündigung einschließt, der Provozierte werde dann wohl im Recht sein, wenn er handfest zurückschlägt, um die Kritik zu unterbinden.

Es gibt sehr krasse Herabwürdigungen des politischen Gegners durch Linksextremisten, die dem so Bezeichneten die Menschenwürde aberkennen: Das ist zweifellos der Fall, wenn z.B. Polizisten als „Bullenschweine“ bezeichnet werden. Aber selbst mildere und subtilere Formen können wirksam sein und zielen auf Ausgrenzung des Angegriffenen. Eine Stigmatisierung als „rechts“ oder „extrem rechts“ grenzt in Deutschland aus; vergleichbar wirkt das modernere Etikett, jemand sei „islamophob“, also wohl ausländerfeindlich (siehe auch Was meinen Linksextremisten mit dem Vorwurf „islamophob“?). Und schon die en passant eingeflochtene Bewertung, ein Politiker sei „umstritten“, kann ähnliche Wirkungen erzielen. Worin das „Umstrittene“ besteht, wird zwar nicht erläutert, aber die unterschwellige Botschaft lautet: Der Betreffende ist irgendwie unseriös und man sollte sich besser von ihm fernhalten.

Rudolf van Hüllen

(1) Mannheimer Programm der DKP von 1978, S. 59.

(2) Erfurter Programm der Linken, Oktober 2011, S. 21.

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