Ausprägungen von Marktwirtschaften

Die konstituierenden Elemente von Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen sind „Ort der Entscheidungsfindung“ – dezentral (Unternehmen und Haushalte) oder zentral – und „Form des Eigentums“ – Privat- oder Kollektiveigentum. Wenn wir diese Elemente miteinander kombinieren, ergibt sich folgende Matrix:

http://www.kas.de/upload/bilder/LSM/63.jpg

Dabei sind sozialistische Marktwirtschaft und kapitalistische Zentralverwaltungswirtschaft entweder bloß gedankliche Konstrukte oder Übergangsphänomene (z. B. in Kriegszeiten) , die im Zeitverlauf zu dem einen oder anderen Grundtyp tendieren. Damit gibt es in der realen Welt im Prinzip bloß zwei Grundtypen: Marktwirtschaft oder Zentralverwaltungswirtschaft. Sie galten als stabil; man muss inzwischen korrigieren – als relativ stabil, sind doch die sozialistischen Gesellschaften wie morsche Gebäude zusammengebrochen; bei Kuba, Nordkorea und China lautet die Frage, wie lange deren Sozialismus sich noch halten kann.

Wenn es zu Zeiten des real existierenden Sozialismus statthaft war, Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen entweder als Marktwirtschaft oder als Zentralverwaltungswirtschaft zu klassifizieren, so muss man jetzt die verschiedenen Ausprägungen von Marktwirtschaften in den Blick nehmen. Auch hier vereinfachen wir die Realität, wenn wir zwischen vier Formen unterscheiden:

a. Marktwirtschaften ohne staatliche Interventionen,

b. Marktwirtschaften mit staatlichen Interventionen,

c. Marktwirtschaften mit überlappenden staatlichen und privaten Einflusssphären,

d. früher sozialistische Wirtschaftsordnungen auf dem Wege zur Marktwirtschaft, die sog. Transformationsländer.

ad a. Die USA gelten als eine Marktwirtschaft ohne staatliche Interventionen (Interventionismus). Die Wirtschaft wird nahezu ausschließlich über Preise und Gewinne gesteuert. Staatliche Betätigung ist auf Infrastruktur und Rahmenbedingungen konzentriert; privater Initiative wird breiter Raum gelassen. Die Gesellschaft ist individualistisch ausgerichtet. Zugleich sind Innovationskraft und Dynamik stark ausgeprägt. Wenn der Einzelne sich nicht auf die Gemeinschaft verlassen kann und auch nicht soll, so wird der Anreiz, selbst Abhilfe zu schaffen, gestärkt. Als Problem hat zu gelten: Was geschieht mit denen, die dazu nicht oder kaum in der Lage sind? Auch wenn man nicht sagen kann, dass eine solche Gesellschaft unsozial ist, so kann man doch dem Nobelpreisträger Robert Solow zustimmen: „Mein eigenes Land ist ziemlich gut, was den ‚Markt-Teil’ betrifft, und schlecht, was den ‚Sozial-Teil’ betrifft. In Deutschland ist es heutzutage in etwa umgekehrt. Die Frage ist, kann man beiden Aspekten in gleicher Weise gerecht werden?“

ad b. Es ist das Ziel der „Sozialen Marktwirtschaft“, „auf der Basis der Wettbewerbswirtschaft die freie Initiative mit einem gerade durch die marktwirtschaftliche Leistung gesicherten sozialen Fortschritt zu verbinden“ (Alfred Müller-Armack). Ein wirtschaftspolitisches Programm des „Wohlstands für alle“ (Ludwig Erhard) sollte die Bürger so stellen, dass sie auf staatliche Fürsorge immer weniger angewiesen seien. Der politische Wettbewerb führte jedoch dazu, im Zuge wachsenden Wohlstands und steigender Steuereinnahmen die Sozialsysteme zu perfektionieren und auszubauen. Der Sozialstaat ist andere Wege gegangen, als dessen Vertreter den Bürgern versprochen haben. Die darauf aufbauende Bürokratie spielt die politische Verfügung über die Einkommen anderer einer kleinen Gruppe in die Hände: Dies widerspricht aber jenem Bild von Freiheit und Gleichheit, für das die politischen Parteien angetreten sind. Die real existierende Soziale Marktwirtschaft soll daher im Sinne Ludwig Erhards und Alfred Müller-Armacks erneuert werden. Angela Merkel (Parteivorsitzende der CDU) will für die „Wir-Gesellschaft“ einen neuen Ausgleich zwischen Ansprüchen und Leistungsfähigkeit bzw. -bereitschaft finden.

ad c. Noch vor gut zehn Jahren galten Japan und Südostasien als Zukunftsmodelle für die europäischen Staaten, weil die Überlappung von Staat und Privatwirtschaft sowohl den Staat stärke, weil sich dieser der wirtschaftlichen Kraft seiner Unternehmen versichern könne, als auch die Unternehmen, weil deren Konkurrenten auf den jeweiligen Märkten es nicht bloß mit einem einzelnen Unternehmen zu tun hätten, sondern mit dem „System Japan“ oder der „Japan inc.“. Gerade diese Verquickung gilt nun als Problem für Japan und eine Reihe südostasiatischer Staaten, weil so die Verantwortlichkeiten verwischt und das Prinzip Haftung zumindest weitgehend ausgehebelt wurden. Daher wird diesen Staaten von allen Ratgebern ein Prozess der Deregulierung empfohlen, also letztlich ein Rückzug des Staates aus den Bereichen, in denen er steuernd auf private wirtschaftliche Aktivitäten eingewirkt hat. Die Schwierigkeiten bei der Deregulierung liegen einmal in der Tradition dieser Staaten begründet, die ein füreinander Einstehen immer als vorteilhaft angesehen haben – die Tugend der Loyalität –, und in den damit verbundenen Anpassungskosten, die gerade bei sich stark abschwächender Wirtschaftstätigkeit als schmerzhaft empfunden werden.

ad d. Länder, die nach dem Scheitern des Sozialismus eine marktwirtschaftliche Ordnung einführen

müssen, haben nicht nur marktwirtschaftliche Verfahren in den verschiedenen Bereichen zu verankern,

sondern sie müssen auch die Grundlagen für ein Privatrechtssystem schaffen. Nach 40 Jahren Sozialismus braucht man einen politischen Herkules, um den Augiasstall der Pfründen, Privilegien und Korruptionsanfälligkeit auszumisten. Erfahrungsberichte zeigen, dass genau hier die größten

Schwierigkeiten liegen. Auch sind die Chancen des Neuanfangs für die Menschen ungleich und für viele ungerecht verteilt. In dem Halbdunkel von Marktwirtschaft und staatlicher Einmischung fühlt sich eine Spezies Mensch besonders wohl, die kaum Skrupel gegenüber den Mitbürgern kennt. Die daraus folgenden Bereicherungs- und Ausbeutungsmethoden werden dann der Marktwirtschaft angelastet, die als kalt und menschenfeindlich empfunden wird. Viele Menschen, die früher den sozialistischen Systemen immer tiefe Skepsis entgegenbrachten, sagen heute vielfach: Die sozialistischen Führungen haben uns immer betrogen und belogen, nur in einem haben sie die Wahrheit gesagt: Der Kapitalismus gleicht genau dem Bild, das sie uns gezeigt haben.

Im Zuge der Globalisierung wird sich eine Angleichung der Merkmale der einzelnen

marktwirtschaftlichen Ausprägungen vollziehen; doch wird es immer Unterschiede geben, die etwa

mentalitäts- und auch traditionsbedingt sind. Entgegen landläufiger Meinung sind nationale Regierungen dem Globalisierungsprozess nicht hoffnungslos ausgeliefert, sondern zu guter Ordnungspolitik herausgefordert; genau wie Schiffe auch scharfen Gegenwind durch eine geschickte Takelung nutzen können, können Staaten durch eine kluge ordnungspolitische Umrüstung auf die Globalisierung eingestellt werden.

Literaturhinweise:

  • Barbier, H.-D./ Vaubel, R. (1993), Handbuch Marktwirtschaft, 2. Aufl., Stuttgart;
  • Ludwig-Erhard-Stiftung (Hrsg.) (1995), Transformation als ordnungspolitische Herausforderung, Bonn;
  • Dies. (Hrsg.) (1994), Grundtexte zur Sozialen Marktwirtschaft, 3 Bände, Stuttgart, Jena, New York.
Joachim Starbatty

Compartir