Bevölkerungsbedingte Arbeitslosigkeit: das Günther-Paradoxon

Man kennt bevölkerungsbedingte Arbeitslosigkeit, die sich ganz unabhängig von den vorhandenen Arbeitsplätzen und deren langfristiger Entwicklung (und damit evtl. wirtschaftsbedingter Arbeitslosigkeit, z. B. als Folge arbeitsplatzsparenden technischen Fortschritts) einstellt. Sie wird entweder unmittelbar (durch die Veränderung des Arbeitskräftepotenzials, z. B. starker Zuwachs der Erwerbsbevölkerung) oder mittelbar (über eine veränderte Zusammensetzung der Bevölkerung und die damit verbundenen Nachfrageverschiebungen) in einer Volkswirtschaft ausgelöst. Ein lange schon bekannter wichtiger Spezialfall bevölkerungsbedingter Arbeitslosigkeit hat mit einer divergierenden demographischen Entwicklung des Arbeitskräftepotenzials einerseits und der Zahl alter und junger Nur-Konsumenten andererseits in einer Volkswirtschaft zu tun. Eine bevölkerungsbedingte Steigerung der Arbeitslosenquote entsteht (komparativ-statisch betrachtet) durch einen Anstieg der Erwerbsbevölkerung und/oder einen Rückgang der Nur-Konsumenten.

Eigentlich dachte man, ein Rückgang der jugendlichen Jahrgänge und des Nachwuchses würde auf den Arbeitsmarkt entspannend wirken. Dabei hat man die gegenläufigen Nachfragewirkungen nicht bedacht. Aufgrund empirischer Befunde erst erschien es Ernst Günther sodann 1931 „paradox, dass eine Verringerung des Arbeitskräftenachwuchses über Nachfrageausfälle zunächst einmal mehr Arbeitslosigkeit schafft“. Man kann dies auch anhand von Multiplikatoren in makroökonometrischen Ländermodellen illustrieren. Mit umgekehrtem Vorzeichen zum ursprünglichen Günther-Paradoxon erschließt sich das inverse Günther-Paradoxon: Ein „Babyboom“ und Anstieg der Jugendaltersklasse wirkt – ungeachtet eines zugeordneten Einkommens und einer hinreichenden Konsumsumme – tendenziell auf eine Senkung der Arbeitslosigkeit hin.

In den weltoffenen, globalisierten kleinen und mittelgroßen Volkswirtschaften scheint die inländische Bevölkerungsentwicklung heutzutage für die Nachfrageentwicklung weniger bestimmend zu sein als früher. Die Konsumenten-Arbeitskräfte-Relation der inländischen Bevölkerung ist nur noch lose mit der Nachfrage-Angebots-Relation im Inland verknüpft. Gleichwohl existiert in entwickelten und weniger entwickelten Volkswirtschaften prinzipiell auch bevölkerungsbedingte Arbeitslosigkeit (nicht nur wirtschafts- oder fortschrittsbedingte Arbeitslosigkeit). Für Entwicklungsländer hat man lange von einem „Teufelskreis“ gesprochen, wenn die Bevölkerungsentwicklung die Wirtschaftsentwicklung übertraf.

Literaturhinweise

  • Mankiw, N. G., Taylor, M. P. (2008), Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, Stuttgart;
  • Wagner, A. (2009), Makroökonomik. Volkswirtschaftliche Strukturen II, 3. Aufl., Marburg;
  • Wagner, A. (2009), Volkswirtschaft für jedermann. Die marktwirtschaftliche Demokratie in Finanzkrisen und Globalisierung, 3. Aufl., München;
  • Wagner, A. (2010), Orthodoxe und heterodoxe Bevölkerungsökonomik, in: Heilemann, U. (Hrsg.): Demografischer Wandel in Deutschland. Befunde und Reaktionen, Berlin, S. 39 – 54.
Adolf Wagner

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