Evangelische Sozialethik

1. Ethik nennt man die Lehre vom richtigen, menschlichen Handeln und Verhalten, die Besinnung auf Aufgaben menschlicher Verantwortung. Das Wort „sozial“ – vom lateinischen „socialis“ abgeleitet (socius heißt ursprünglich Bundesgenosse) – hat eine starke Begriffsverschiebung erfahren. Ursprünglich bedeutet „sozial“, dass der Mensch ein soziales Wesen ist (animal social), und dass Menschen zusammenleben, vor allem im Haus („vita socialis“, Augustin). Im Mittelalter (Thomas von Aquin) wird „sozial“ gleichbedeutend mit „politisch“. Mit dem Beginn der Neuzeit wird Sozialität (socialitas) der Grundbegriff einer rationalen, rein vernünftigen Naturrechtslehre (Liberalismus).

Seit dem 18. und 19. Jahrhundert wird das Wort „sozial“ umgeprägt – und zwar in zweifacher Hinsicht: (a) Einmal formuliert J.-J. Rousseau den Gedanken eines Gesellschaftsvertrags („contrat social“ bzw. „pacte social“). Das Wort „sozial“ wird damit vom Wort „politisch“ unterschieden; anders gesagt: Leitend wird die Unterscheidung von Gesellschaft und Staat. Gesellschaft und Wirtschaft werden aus der Staatsaufsicht entlassen und zu selbstständigen Lebensbereichen. (b) Das Wort „sozial“ wird insbesondere mit den sozialen Folgen und Problemen der Industrialisierung und dem frühen Kapitalismus verbunden. Neue Begriffsbildungen zeigen dies, wie die Benennung der Arbeiterfrage als „soziale Frage“. Neue Wortzusammensetzungen entstehen gleichzeitig, wie soziale Bewegung, soziale Organisation, soziale Revolution, soziale Gerechtigkeit, Sozialpolitik, Sozialstaat, Sozialrecht usw. Die Berufung auf das Soziale dient der Formulierung von Forderungen nach sozialem Ausgleich, nach Solidarität. Ungleichheit wird als „unsozial“ bezeichnet.

Mit der Ausweitung des Wortes „sozial“ erhält der Begriff eine doppelte Spannung, nämlich einmal das Spannungsverhältnis von Einzelnem und Gemeinschaft, von Individualismus und Kollektivismus, sodann die Unterscheidung von gemeinschaftlich im Sinne von zwischenmenschlich in einem Sprachgebrauch, der unter „sozial“ soziale Einrichtungen, soziale Institutionen begreift. An der Unschärfe des Begriffs „sozial“ hat auch die Sozialethik teil.

2. Die Sozialwissenschaften, insbesondere die Soziologie, sind Wissenschaften, die erst mit der Aufklärung und aufgrund der gesellschaftlichen Folgen der Industrialisierung entstanden sind. Die evangelische Sozialethik ist eine Folge der Soziologie, der empirischen Sozialwissenschaften. Erstmals benutzte 1867 der in Dorpat (heute Tartu in Estland) lehrende lutherische Theologe Alexander von Oettingen das Wort „Social-ethik“ im Titel eines Buches. Er bezieht sich auf die Moralstatistik, die soziale Gesetzmäßigkeit nachweist. Mit der Neubildung „Sozialethik“ will er sich abgrenzen gegen eine bloß mechanistische Erklärung der gesellschaftlichen Vorgänge (Sozialphysik, sozialer Determinismus) wie gegen eine einseitige Beschränkung der Ethik nur auf individuelles und persönliches Handeln.

Dem Wort „Sozialethik“ ist somit eine doppelte Aufgabe gestellt: Es geht einmal um die Verbindung wissenschaftlicher Beschreibung, Analyse gesellschaftlicher Vorgänge („deskriptiv“ = beschreibend) mit Bewertungen, mit normativen Beurteilungen („präskriptiv“ = vorschreibend). Man erörtert diese Fragestellung auch als erkenntnistheoretische Zuordnung von Sein und Sollen, Ist und Ziel. Zum anderen geht es in der Sozialethik um Betrachtung und Bewertung von sozialen Strukturen, Einrichtungen, Organisationen, die man zumeist „Ordnungen“ oder „Institutionen“ nennt. Solche Ordnungen und Institutionen sind z. B. Ehe und Familie, Eigentum, Arbeit, Staat, Recht, Kultur, Organisation der Wissenschaft usw. Dabei zeichnen sich eine Reihe von Problemen ab, wie die folgenden: Gibt es „eigengesetzliche“ Strukturen und Bedingungen in Wirtschaft, Politik und sozialer Ethik? Die Chiffre „Eigengesetzlichkeit“, die viel diskutiert wurde, bezeichnet Grenzen und Voraussetzungen ethischen Handelns. Wie lassen sich Strukturen verändern, welchen Einfluss hat darauf das individuelle Handeln des Einzelnen? Wie ist Verantwortung in sozialen Institutionen möglich?

Dazu kam die Unterscheidung von Gemeinschaft, d. h. natürlichen Gegebenheiten, wie der biosozialen Ordnung von Ehe und Familie, und Gesellschaft, d. h. von Menschen geschaffenen Organisationen (wie Unternehmen, Gewerkschaften, Verbänden). Die Folge der Weite und Unbestimmtheit des Wortes „Sozialethik“ führt zu einer großen Bandbreite von sozialethischen Entwürfen und Konzeptionen. Hinter jeder Sozialethik steht ein gesellschaftliches Leitbild, eine Gesellschaftstheorie. Solche Leitbilder werden oft nicht ausdrücklich benannt. Sie sind mit Idealen und Utopien verwandt. Leitbilder können z. B. die klassenlose Gesellschaft, die kapitalistische Marktwirtschaft des Liberalismus, eine verantwortliche Gesellschaft, eine ökologisch nachhaltig wirtschaftende Gesellschaft und die Soziale Marktwirtschaft sein. Wissenschaftliche Aufgabe ist es, die weltanschaulichen Grundannahmen und Zielrichtungen jeder Sozialethik kritisch zu untersuchen und zu überprüfen. Sozialethik ist insofern eine leicht ideologisierbare Disziplin.

3. Die Grundlegung der Sozialethik ist innerhalb der Theologie umstritten. Die katholische Kirche beruft sich auf ein allgemein verbindliches Naturrecht und setzt deswegen eine Sozialphilosophie voraus. Evangelische Sozialethik bezieht sich auf die Bibel. Dabei ist eine Orientierung an unterschiedlichen Leitvorstellungen möglich: Die lutherische Tradition unterscheidet Gottes Regiment im weltlichen Reich von Gottes geistlichem Regiment über die Gemeinschaft der Gläubigen, über die Kirche. Das weltliche Regiment ist an der Vernunft zu messen. Reformierte oder eine gesellschaftsverändernde Sicht (z. B. der religiöse Sozialismus) berufen sich auf das Reich Gottes als gesellschaftsverändernde Kraft, das zur Schaffung einer Welt des Friedens, der Gerechtigkeit und zur Option für die Armen veranlasst. Evangelische Sozialethik vertritt darum verschiedene gesellschaftspolitische Zielvorstellungen und verwendet unterschiedliche Argumentationsverfahren (z. B. Berufung auf Gründe der Vernunft oder auf (Gehorsams-) Forderungen des Glaubens). Die gesellschaftliche Ausdifferenzierung und die Vielfältigkeit der Kulturen (Pluralismus) bildet sich auch in verschiedenen Positionen der Sozialethik ab.

Unumstritten ist freilich die Notwendigkeit, dass sich Theologie und Kirche an der öffentlichen Diskussion um gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische Vorgänge und Ziele beteiligen. Man spricht von einem Öffentlichkeitsauftrag als Wahrnehmung des Gesellschaftsbezugs bzw. Weltbezugs.

Zudem gibt es inzwischen zahlreiche kirchliche Stellungnahmen und Erklärungen („Denkschriften“) zu gesellschaftlichen Themen. Ferner wächst die Einsicht, dass die Sachkenntnis (Sachgemäßheit) als Voraussetzung programmatischer Forderungen zu gelten hat. Darum wird eine globale Gesellschaftstheorie („Sozialethik“) zunehmend ausdifferenziert in Bereichsethiken (Wirtschaftsethik, Technikethik, Bioethik, Wissenschaftsethik, internationale Ethik, politische Ethik usw.). Dennoch bleibt es notwendig, eine integrierende Gesellschaftstheorie, eine Gesamtsicht gesellschaftlicher Notwendigkeit zu entwerfen.

Schließlich ist eine wichtige Grundfrage, wer überhaupt Träger und Adressat einer evangelischen Sozialethik sein soll: Sind es die Glaubenden, die Kirche? Ist evangelische Sozialethik also eine Ethik „kirchlicher“ Verantwortung? Oder betrifft sie die Kultur insgesamt, will sie allgemein einsichtige und allgemein verbindliche Vorschläge einbringen? Evangelische Sozialethik hat damit stets eine eigene Standortbestimmung vorzunehmen und die Frage nach dem kirchlichen Selbstverständnis mitzubedenken.

Literaturhinweise

  • Honecker, M. (1995), Grundriß der Sozialethik, Berlin;
  • Körtner, U. H. J. (1999), Evangelische Sozialethik, Göttingen;
  • Hengsbach, F. (2001), Die andern im Blick. Christliche Gesellschaftsethik in den Zeiten der Globalisierung, Darmstadt.
Martin Honecker

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