Nachhaltigkeit

Der Begriff hat seinen Ursprung in der Forstwirtschaft und wurde im 18./ 19. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum entwickelt. Er bedeutete, dass nicht mehr Holz geschlagen werden solle als nachwachse. Im angelsächsischen Raum waren John Locke (1632-1704) und John Stuart Mill (1806-1873) Vorreiter der Nachhaltigkeitsdebatte. Locke mahnte an, bei der Nutzung der Ressourcen zukünftige Generationen zu berücksichtigen; Mill plädierte ähnlich für eine Mäßigung der Bedürfnisse der gegenwärtigen Generation.

Das heutige Verständnis wurde durch den Perspektivbericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen „Unsere gemeinsame Zukunft“ aus dem Jahre 1987 (Brundtland-Report) entscheidend geprägt. Nachhaltigkeit ist ein dreipoliges Konzept. Neben ökologischen sind gleichermaßen soziale und ökonomische Aspekte zu berücksichtigen: Sie bedingen sich gegenseitig, d. h., sie sind nicht austauschbar und isoliert zu betrachten. Die ökonomische Wirtschaftlichkeit ist die notwendige Grundlage für soziale und ökologische Nachhaltigkeit; sie ermöglicht erst die dauerhafte Finanzierung sozialer und ökologischer Ziele. Andererseits wird durch eine Wirtschaftsweise, die soziale und ökologische Ziele zu wenig beachtet, die dauerhafte Bedürfniswahrnehmung schon der gegenwärtigen, noch stärker aber zukünftiger Generationen gefährdet.

Eine Entwicklung ist danach nachhaltig, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, sowie die Möglichkeiten künftiger Generationen nicht gefährdet, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen.

Nachhaltigkeit ist heute ein weltweit anerkanntes Leitbild. Diese breite Zustimmung für einen Interessenausgleich zwischen heutiger und zukünftigen Generationen, Einzel- und Gemeinwohl, Nord und Süd trifft aber auf Schwierigkeiten, wenn konkrete Handlungsempfehlungen formuliert werden (Ressourcenschutz, Umweltschutzziele) – auf nationaler und noch stärker auf internationaler Ebene. Die Einbettung von Umwelt- und Sozialklauseln in die Weltwirtschaftsordnung ist kontrovers und bisher nur teilweise gelungen. Die Umsetzung von Umweltzielen (z. B. Verringerung des CO2-Ausstoßes) trifft auf mannigfaltige Hemmnisse. Dennoch sind – zwar langsam – wachsende Einsicht und konkrete Verbesserungen festzustellen. Nicht nur in der Politik, sondern verstärkt auch in Unternehmen ist ein Interesse zu entdecken, in dem sich verändernden wirtschaftlichen Umfeld für eine nachhaltige Wirtschaftsweise einzutreten. Wenn die Präferenzen der Politik und der Konsumenten sich deutlich für Nachhaltigkeit der wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Umwelt entwickeln, wird nachhaltiges Wirtschaften ein Wettbewerbsfaktor. Da in einer Marktwirtschaft die Unternehmen bestrebt sein müssen, die Nachfragepräferenzen mit ihren Investitionsentscheidungen bestmöglich zu erfüllen, verlangt die langfristige Realisierung von Nachhaltigkeit eine dauerhafte Veränderung der Präferenzen von Politikern, Bürgern und Wirtschaftssubjekten. Nachhaltigkeit kann deshalb in einer Demokratie, einem Rechtsstaat und einer Marktwirtschaft nicht einfach verordnet werden. Dennoch ist es eine politische und wirtschaftspolitische Aufgabe, die Verhaltensweisen in diese Richtung zu bewegen – mit Mitteln, die konform sind mit Demokratie und Marktwirtschaft. Dies kostet auch Zeit, aber Ungeduld kann ein falscher Ratgeber sein.

Literaturhinweise:

  • Hauff, V. (Hrsg.) (1987), Brundtland Report: World Commission on Environment and Development: „Unsere gemeinsame Zukunft“, Greven;
  • Hampicke, U. (1997), Aufgeklärtes Eigeninteresse und Natur – Normative Begründung des Konzepts Nachhaltigkeit, in: Held, M. (Hrsg.), Normative Grundfragen der Ökonomik, Frankfurt/ M., S. 128-149;
  • Senti, R. (2000), WTO. System und Funktionsweise der Welthandelsordnung, Zürich, S. 294 ff., S. 696 ff.
Rolf H. Hasse

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