Nachhaltigkeitsmanagement

Nachhaltigkeit

ist eine Form des Wirtschaftens und des gesellschaftlichen Zusammenlebens, die vermittels der Beachtung ökonomischer, ökologischer und sozialer Zielkriterien und eines ökologie- und sozialverträglichen Technikeinsatzes sowie mit dem Fokus auf inter- und intragenerative Gerechtigkeit die Zielstellung „Sicherung der Einheit von Überleben, gut, sinnvoll und frei für möglichst viele Menschen und Generationen“ verfolgt.

- ist der universelle Problemlösungspfad zur Bewältigung der aktuellen globalen Krisen/Probleme: Klimawandel, Ressourcenverknappung, Finanzkrise, Biodiversitätsverlust, Armut und Hunger, Ungerechtigkeiten, Terrorismus, Gewalt, Wüstenausbreitung, Monokulturen, Süßwasserverknappung, Umweltverschmutzung, GAU-Gefahren etc.

„Nicht-Nachhaltigkeit“ führt zu den o.g. Problemen und Krisen. Haupttreiber dieser Krisen sind starke Geld-, Egoismus- und Wachstumsfixierung von Wirtschaft und Gesellschaft.

Nachhaltigkeitsmanagement

- ist ein Managementteilsystem zur Schaffung und Sicherung positiver betrieblicher Nachhaltigkeitsbeiträge und zur Vermeidung ökologischer und/oder sozial schädigender Wirkungen betrieblicher Produkte, Prozesse sowie betriebsrelevanter Verhaltensweisen.

Nachhaltigkeitsmanagement strebt die Verbindung der betrieblichen Erfolgssicherung mit der Wahrnehmung ökologischer und sozialer Verantwortung an. Betriebe sind von Nachhaltigkeitsforderungen direkt und indirekt betroffen:

Die direkte Betroffenheit resultiert aus den für den Betrieb relevanten Erscheinungen von Nicht-Nachhaltigkeit (z. B. den Folgen des Klimawandels in Form von Schädigungen/Kostenbelastungen des Betriebs durch Hochwasser, Starkregen, Stürme, Dürren, Biodiversitätsverluste, Ernteausfälle, Kostenerhöhungen aus Ressourcenverknappung, Mehrbelastungen aus zunehmender Krankheitshäufigkeit, Demoralisierungswirkungen aus zunehmenden Zukunftsängsten u. v. m.).

Die indirekte Nachhaltigkeitsbetroffenheit resultiert aus den Nachhaltigkeitsorientierungen bzw. -forderungen der betriebsrelevanten Stakeholder.

Solche nachhaltigkeitsorientierten Stakeholderaktivitäten bzw. –forderungen sind z. B.

- Kunden: Nachfrage nach ökologischen (geringe bzw. vertretbare Umweltinanspruchnahme und -belastung) und sozialen Produkten (fairer Handel, gerechte Entlohnung, menschenwürdige Arbeitsbedingungen, Mitbestimmung etc.).

- Endproduzenten: Nachfrage nach nachhaltigen Zulieferungen bzw. Einsatzstoffen.

- Staat: Umwelt- und Sozialgesetzgebung.

- Medien, Anwohner, Umweltschutzorganisationen/ONGs, Öffentlichkeit: Forderungen nach ökologischer und sozialer Transparenz, Korrektheit und Gerechtigkeit.

- Banken und Versicherungen: Nachweis ökologischer und sozialer Unbedenklichkeit als Basis für gute Versicherungs- und Kreditkonditionen.

- Wissenschaft, Ratingagenturen, Berater und sonstige Institutionen: Forderungen nach Transparenz und ökologischer/sozialer Performance.

Inhaltliche Forderungen/Grundsätze der betrieblichen Nachhaltigkeitsorientierungen sind (vgl. auch Sachverständigenrat für Umweltfragen 2008):

  • Nachhaltigkeitsorientierung aller Politikbereiche, Branchen und Produkte.
  • Umstieg auf die Nutzung regenerativer Ressourcen und Energien; Begrenzung der Nutzung auf das Maß des Nachwachsens.
  • Begrenzung der Emissionen in Boden, Wasser und Luft auf das Maß der Selbstreinigungskraft der Natur.
  • Nutzung nichtregenerierbarer Ressourcen begrenzt auf das Maß der tolerierbaren Verbräuche und Schädigungswirkungen als Übergangspfad (bzw. im Maße ihrer Substituierbarkeit).
  • Umfassende Gerechtigkeit bezogen auf Rassen, Geschlecht, Herkunft, Religion, sexuelle Neigungen etc..
  • Betroffene sind zu Beteiligten zu machen (Dialog, Transparenz, Machtbeteiligung, Mitbestimmung, Absicherung).
  • Rahmenbedingungen einer öko-sozialen Marktwirtschaft.
  • Kreislaufwirtschaft (Versorgung durch Entsorgung, Recycling).
  • Verhaltenslenkung in Richtung Nachhaltigkeit (Aufklärung, Dialog, gesetzte Normen/Werte, Folgenverantwortung, Anreize etc.).
  • Ächtung und Bestrafung von Ausbeutung, Kinderarbeit, Gewalt, Täuschung, Manipulation, (Psycho-)Terror etc..
Daraus resultierende generelle Aufgaben des Betrieblichen Nachhaltigkeitsmanagements sind:

1. Schnittmengenmanagement

Identifizierung und Realisierung von ökologischen/sozialen Maßnahmen, die sich rechnen(Ausnutzung der bestehenden Spielregeln der Wirtschaft in Bezug auf Märkte, Gesetze, Verhaltensweisen); Klärung der Schnittmenge zwischen ökonomischem Erfolg und Ökologie/Sozialem.

2. Normierungsverantwortung

Beeinflussung der Stakeholder in Richtung eines sozial- und umweltverträglichen Verhaltens. Änderung der Spielregeln des Wirtschaftens in Richtung Nachhaltigkeit in der Gesetzgebung, bei der Kapitalvergabe, bei der Kundennachfrage, in der öffentlichen Meinung, in den Denk- und Verhaltensweisen etc.. Dies ermöglicht eine (zukünftige) Vergrößerung der Schnittmenge.

Der Stakeholderdialog ist hierfür das Hauptinstrument.

3. Nachhaltigkeitsverantwortung i. e. S.:

Beiträge zur Vorsorgung und Sanierung: Verzicht auf stark ökologie- bzw. sozialschädigendes Verhalten, auch wenn das das betriebswirtschaftliche Ergebnis verbessern sollte. Dieser Verzicht

ermöglicht eine höhere Glaubwürdigkeit des Stakeholderdialogs.

Zu den speziellen Aufgaben des Nachhaltigkeitsmanagements zählen (Auswahl):

  • Aufbau/organisatorische Einbindung und Funktionssicherung eines Nachhaltigkeitsmanagements (einschließlich der materiellen, finanziellen, informationellen und mentalen Ressourcen);
  • Organisation und Durchführung eines Stakeholderdialogs mit Transparenz, Permanenz, Verbindlichkeit und Kontrolle (auch über das Internet);
  • Nachhaltigkeitsberichterstattung nach internationalem Standard (Global Reporting Initiative);
  • Nachhaltigkeitsausrichtung
    • aller betrieblichen Funktionsbereiche;
    • aller Produkte, Prozesse und Verhaltensweisen sowie Projekte;
    • aller Aufgabenfelder (auch Struktur, Strategie, Kultur, Information), Aufbau eines Betrieblichen Nachhaltigkeitsmanagements in aufwärtskompatiblen Ausbaustufen;
    • Aufbau eines Treibhausgasmanagements;
    • Umwandlung ökologischer bzw. sozialer Betroffenheit in betrieblichen Erfolg;
    • Aufbau (normierter) Energie- (ISO 50001) und Umweltmanagementsysteme (ISO 14001 bzw. EMAS 3) und (ggf.) deren Integration untereinander und mit Qualitäts- (ISO 9001) und Sozialmanagementsystemen (OHSAS, 18001, SA 8000, AA 1000);
    • Aktivierung von Industriesymbiosen bzw. Verwertungsnetzen.
Exemplarisch soll nachfolgend das Treibhausgasmanagement (THGM) als Aufgabe des Betrieblichen Nachhaltigkeitsmanagements kurz charakterisiert werden:

  • Der Aufbau des THGM ist ratsam, wenn der Betrieb von Klimawandel bzw. von Treibhausgasemissionen direkt oder indirekt betroffen ist.
  • Die direkte Betroffenheit bezieht sich z. B. auf
    • Klimawandelfolgen, wie Extremwetterereignisse und Ertragseinbußen;
    • den Europäischen Emissionshandel bzw. das Treibhausgasemissionshandelsgesetz, das Emissionen gesetzlich begrenzt bzw. diesen einen Preis gibt;
    • Haftungsregeln.
  • Die indirekte Betroffenheit resultiert aus Stakeholderforderungen, wie beispielsweise
    • Kundenerwartungen;
    • Kapitalmarktforderungen, z. B. das Carbon Disclosure-Projekt, in dem institutionelle Anleger Forderungen bezüglich geringer bzw. reduzierter Treibhausgasemissionen aufstellen, die die Basis für Kapitalbereitstellungen sind;
    • Versicherungen;
    • Politik: Gesetzgebung in Richtung Emissionsobergrenzen, Reduktionspfade, Sanktionen, Subventionen etc.;
    • Forderungen von Lokalvertretern zur Standortansiedlung/-sicherung.
  • Die Umwandlungen der Betroffenheiten in unternehmerischen Erfolg bzw. in Vermeidung/Abwehr/Milderung von Kostenbelastungen und Bedrohungen durch
    • eine transparente THG-Berichterstattung (Product Carbon Footprint u. a.);
    • den Einsatz grüner emissionsarmer Technologien;
    • klimafreundliche Produkte;
    • offensive Ausgestaltung des Emissionshandelssystems.

Erläuterungen zu Begriffen und Abkürzungen

Treibhausgasmanagement (THG):

Das THG verkörpert als Bestandteil des Betrieblichen Nachhaltigkeitsmanagements Managementaktivitäten zur betrieblichen Erfolgssicherung unter den Bedingungen von erfolgsrelevanten Treibhausgasemissionen (insbes. THG-Reduktionen und Klimaanpassung).

Stakeholder:

Anspruchsgruppen, die von der Tätigkeit des Unternehmens betroffen sind bzw. Einfluss auf die Tätigkeit des Unternehmens und dessen Erfolg haben. Stakeholder sind u. a. Kunden, Anwohner, Umweltorganisationen/NGOs, Zulieferer, Kapitalgeber, Versicherungen, Medien, Öffentlichkeit, Politik/Gesetzgeber, Belegschaft und Management, Bildungseinrichtungen, Ratingagenturen, Unternehmen in der Wertschöpfungskette, Konkurrenten etc.. Der Stakeholderapproach wurde 1984 von Freeman eingeführt.

Ökologieverträglichkeit:

Ökologieverträglichkeit ist die Verträglichkeit der Entstehung und Arbeitsweise eines Systems mit den ökologischen Kreisläufen der Systemumgebung.

Ökologische Unternehmenspolitik:

Die ökologische Unternehmenspolitik ist als Bestandteil des Betrieblichen Nachhaltigkeitsmanagements auf die Ökologieverträglichkeit der betrieblichen Produkte, Prozesse und Verhaltensweisen gerichtet.

Carbon Disclosure Project (DCP):

  • Das CDP ist eine 2000 in London gegründete Non-Profit-Organisation.
  • Ziel: Lenkungswirkung der Kapitalmärkte in Richtung Klimafreundlichkeit (insbesondere CO2-Reduktion).
  • Mehr als 650 institutionelle Anleger mit einem Kapitalvermögen von ca. 80 Milliarden US-Dollar (Stand 9/2012) unterstützen CDP.
  • Das CDP ermittelt jährlich CO2-relevante Daten von Unternehmen, auf deren Basis die Unterstützer die Kapitalvergabe lenken (Kurzformel: kein Kapital für Klimasünder; umso bessere Konditionen, je besser das Klimaschutzengagement bzw. der gegenwärtige/ zukünftige Klimaschutz).
ISO 5001:

  • ISO 5001 ist eine im Jahre 2011 veröffentlichte internationale Norm zum Aufbau von Energiemanagementsystemen.
  • Ziel: Reduktion von Energiekosten und Emissionen (Klima, Umwelt).
  • Titel: Energiemanagementsysteme – Anforderungen mit Anleitung zur Anwendung.
  • Die Struktur der Norm ist analog zu der von Qualitätsmanagement– (ISO 9001) und Umweltmanagementsystemen (ISO 14001) und basiert auf dem Prozessablauf des PDCA-Zyklus (plan – do- check – act).
  • Ein entsprechend dieser Norm aufgebautes Energiemanagementsystem ist zertifizierungsfähig. Eine derartige Zertifizierung ist zukünftig die Voraussetzung für bestimmte staatliche Leistungen (z. B. Fördergelder).
ISO 14001:

  • ISO 14001 ist eine im Jahre 1996 erstmals veröffentlichte internationale Norm zu den Anforderungen an Umweltmanagementsysteme UMS. (Es existiert parallel dazu eine „schärfere“ EU-Norm, die EMAS 3.)
  • ISO 14001 ist Teil einer Normenfamilie mit gleichen Strukturen.
  • Ziel der Norm ist es, durch den Aufbau von standardisierten UMS den Umweltzustand (kontinuierlich) zu verbessern.
EMAS:

  • EMAS ist eine europäische Norm (erstmals 1993 veröffentlicht) zum Aufbau von Umweltmanagementsystemen.
  • Die Abkürzung steht für „ECO-Management and Audit Scheme“ (bekannt auch als EU-Öko-Audit).
  • Die Beteiligung ist freiwillig.
  • Ziel der Norm ist die (kontinuierliche) Verbesserung des Umweltzustands (analog zur internationalen Norm ISO 14001, die aber weniger „scharf“ ist).
  • Bestandteil ist eine Zertifizierung durch offizielle Umweltzertifizierer/Umweltgutachter (mit Bestandteilen wie Umweltpolitik, Umweltprogramm etc.), die in einer Umwelterklärung zu dokumentieren sind.
  • Die aktuelle Normenphase ist EMAS 3.
ISO 9001:

  • ISO 9001 beinhaltet eine internationale Norm (ISO: International Standard Organisation) zum Aufbau bzw. zu den Anforderungen an ein Qualitätsmanagementsystem.
  • Ziel ist die systematische Sicherung der Qualität der in der Verantwortung der Organisation befindlichen Produkte, Prozesse und Dienstleistungen sowie deren Dokumentation für Dritte einschließlich eines ständigen Verbesserungsprozesses).
  • Struktur und Prozessabläufe sind kompatibel mit anderen international geregelten Managementsystemen (z. B. Energiemanagementsystem ISO 50001, Umweltmanagementsystem ISO 14001) und ermöglichen/unterstützen so den Aufbau integrierter Managementsysteme.
  • Die Norm ist weit verbreitet; sie wird von Stakeholdern oft erwartet/gefordert.
  • Zertifizierung des Systems.
OHSAS 18001:

  • OHSAS 18001 (Occupational Health and Safety Assessment Series) ist eine internationale Norm zum Aufbau eines Arbeitsschutzmanagementsystems.
  • Gegenstand ist die Sicherung/Verbesserung von Arbeitsschutz, Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz im Unternehmen/in der Institution.
  • Die Struktur orientiert sich an internationalen Normen (Qualitätsmanagementsystem ISO 9001, Energiemanagementsystem ISO 50001, Umweltmanagementsystem ISO 14001).
SA 8000:

  • SA 8000 ist ein internationaler Standard zur Sicherung/Verbesserung humaner Arbeitsbedingungen.
  • Er wurde von der N60 (Nichtregierungsorganisation) Social Accountability International (SAI) New York ins Leben gerufen.
  • Er dient vor allem internationalen Unternehmen als Mindestanforderung an Sozial- und Arbeitsstandards (z. B. keine Kinder- und Zwangsarbeit, keine Diskriminierung, keine physische und psychische Bestrafung, angemessene Löhne, Arbeitssicherheit, Beschränkung der Arbeitszeit, Gewährung von Interessenvertretungen).
AA 1000:

  • AA 1000 ist ein Accountability-Standard zur Einhaltung von Nachhaltigkeitserfordernissen.
  • Er wurde 1999 von der britischen gemeinnützigen Organisation Account Ability eingeführt.
  • Er überprüft nachhaltigkeitsrelevante Unternehmensbereiche/-aktivitäten, insbesondere in Verbindung mit dem internationalen Standard „Global Reporting Initiative“ für Nachhaltigkeitsberichte.
  • Er strebt Dialoge mit den Stakeholdern an.
Literaturhinweise:

  • Sachverständigenrat für Umweltfragen (2008), Umweltgutachten 2008. Umweltschutz im Zeichen des Klimawandels , Berlin;
  • Zabel, H.-U. (2012), Betriebliche Nachhaltigkeitsverantwortung – Beiträge zur Erfolgssicherung und Krisenbewältigung, in: Schrader,U./Muster,V. (Hrsg.), Gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen – Wege zu mehr Glaubwürdigkeit und Sichtbarkeit, Marburg (im Erscheinen).
Hans-Ulrich Zabel

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